01.02.2018Schlaglicht

Gute Zahlen und immer wieder der Run-Off

Von Maximilian VolzVW heute
Spannend wurde es bei der GDV-Jahrespressekonferenz am Schluss. Nachdem GDV-Präsident Wolfgang Weiler in seiner Rede viel Gutes – steigende Beitragseinnahmen - und wenig Schlechtes, sinkender Riester-Bestand, berichtet hatte, stiegen die Journalisten ein. Doch die GDV-Abwehr hielt sich bis auf ein paar Wackler wacker.
Der GDV-Oberen ahnte wohl, was auf sie zukommen würde, hatte doch aktuell die Axa ihre Pensionskasse an die Frankfurter verkauft und auch die Run-off-Pläne der Generali und Ergo waren den Medienvertretern in guter Erinnerung geblieben. Wohl aus diesem Grund waren neben den Fachzeitschriften und großen Tageszeitungen auffällig viele Medien aus dem Bereich Verbraucherschutz vertreten.
Im Laufe der Diskussion um (vermeintlich) nicht eingehaltene Versprechen in der Lebensversicherung sah sich der GDV-Präsident einmal dazu genötigt festzustellen, dass politische Einflussfaktoren "den Markt unvorhersehbar verändert hätten" und in der Versicherungsbranche "keine Propheten" am Werk seien. "Andere Branchen hätten die Entwicklungen auch nicht prognostiziert", erklärte Weiler, womit er sicherlich recht hat.

Die ewige Lebensversicherung

Es half wenig, die Diskussion drehte sich hauptsächlich um den Bereich Leben, Run-offs und das (vermeintliche) nicht einhalten von Versprechen beziehungsweise Zusagen. Der GDV hatte mit Wolfgang Weiler, seinem Platznachbarn, und an diesem Tag rechten Hand, Markus Faulhaber, Vorsitzender des Präsidialausschusses Altersvorsorge und Zukunftssicherung, alle Hände voll zu tun, die Branche gegen sachliche und emotionale Vorwürfe zu verteidigen. Assistiert wurde das dynamische Duo von einem sehr enthusiastischen Norbert Rollinger (Komposit), einem beschlagenen und entschiedenen Immo Querner (Regulierung) und einem lakonisch-präzisen Uwe Laue (PKV).

Das Thema Run-Off

Währen der gesamten Fragerunde stand in verschiedenen Ausprägungen die Frage im Raum, wie die Versicherer es verantworten können, die Verträge der Kunden einfach zu verkaufen. Den manchmal explizit genannte aber immer mitschwingenden Vorwurf der Falschversprechungen wiesen die GDV-Repräsentanten von sich. Präsident Weiler mahnt eine faktische Betrachtungsweise beim hochemotionalen Thema an: "Es ist zu wenig Sachlichkeit in der Diskussion. Es werden nicht Menschen oder Verträge verkauft, sondern Unternehmen, dies ist in einer lebendigen Marktwirtschaft normal." Ergänzend erklärte er, dass auf die emotionalen Bedürfnisse der Kunden von Seiten der Unternehmen eingegangen werden müsse." Missverständnisse würden aber auch in der Politik vorherrschen, dem könne man nur mit einer "guten Kommunikation" begegnen.
Ebenfalls sachlich aber etwas direkter drückte es Faulhaber aus: "Ein Run-off kann, wenn er gut gemacht ist, ein Vorteil für die Kunden sein." Was er allerdings leider unerwähnt ließ, und was auch kein anderer Podiumssprecher des GDV erklärte, sind die Folgen eines schlecht gemachten Run-offs.
Einem drohenden Desaster in der Lebensversicherung erteilte Faulhaber eine klare Absage: "Für Crashszenarien besteht keine Veranlassung" – wohl ein kleiner Seitenhieb auf Sven Enger. Beim Thema falsche Versprechungen bezog Faulhaber klar Stellung: "Die Versicherer halten ihre Garantien, die Kunden bekamen beim Angebot mehrere Szenarien zur Entwicklung des Vertrages vorgestellt. Niemand konnte vorhersehen, wie sich der Markt entwickeln würde".
Scheinbar machen die Versicherer aber einiges richtig, denn die Beitragseinnahmen in der Lebensversicherung liegen mit 90,7 Mrd. Euro im Jahr 2017 fast auf Vorjahresniveau (minus 0,1 Prozent), und das trotz negativer Berichterstattung und Run-Offs. Das Einmalbeitragsgeschäft im Neugeschäft sank zwar um 0,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr, in der bAV stieg die Anzahl der Verträge allerdings um 1,9 Prozent auf 15,7 Mio. Verträge.
Insgesamt 17,9 Prozent der Gesamtverträge im Bereich Leben entfallen nunmehr auf die betriebliche Altersversorgung. Ein Vertrauensverlust oder nahender Crash sieht anders aus. Beim Thema Regulierung mahnte Immo Querner wiederholt und nachdrücklich seine These, dass eine Senkung des Regulierungsdrucks notwendig sei, damit die Versicherer ihre Versprechen erfüllen können. Einer Anpassung von Solvency II erteilte er eine Absage.

Die Sachversicherung läuft gut

Norbert Rollinger war motiviert, das stand außer Frage. Auf das vermeintlich nahende Ende der Kfz-Versicherung angesprochen, verwies er nicht etwa auf die aktuellen Zahlen, was er durchaus hätte tun können, sondern nahm den Ball gekonnt auf: "Es gibt in der Kfz Höchststände bei Verträgen, Beitragseinnahmen und leider auch bei den Schäden." Was es nicht gäbe, sei ein "Abrieb bei den Prämien". Angesprochen auf die Endlichkeit der Kfz-Versicherung wegen autonomen Auto und klugen Fahrassistenten sagte er: "Die Trendwende im Bereich Kfz wird später kommen als viele Prognosen es vorhersagen."
Die Zahlen bestätigen Rollingers Aussagen. Aufgrund steigender Ersatzteilkosten erhöhten sich die Leistungen um rund vier Prozent auf 23,6 Mrd. Euro. Gleichzeitig stiegen die Beitragseinnahmen um rund vier Prozent auf 27 Mrd. Euro. Es bleibt laut Weiler "ein leichter versicherungstechnischer Gewinn von voraussichtlich 400 Mio. Euro." Insgesamt betrachtet kann sich die Branche auf ihr Sachgeschäft verlassen. Das Beitragsplus betrug drei Prozent, die Beitragseinnahmen stiegen auf 19,3 Mrd. Euro, die Leistungen um knapp vier Prozent auf 13,6 Mrd. Euro. Selbst die Wohngebäudeversicherung erreichte die schwarze Null.
Das Thema Wohngebäude war auf der Konferenz präsent, sicherlich ein Ergebnis der jüngsten Unwetter. GDV-Präsident Weiler sah neben Stürmen noch eine weitere Gefahr und sprach davon, dass "das nächste Hochwasser bestimmt kommt". Die aktuell gute Naturgefahrenbilanz 2017 mit erneut zwei Mrd. Euro Versicherungsleistung sei "unterdurchschnittlich ausgefallen". Wohl wegen der erhöhten Flutgefahr plant der GDV eine Initiative zum Thema Überschwemmung. Das Ziel ist es, mehr Hausbesitzer von der Notwendigkeit einer Versicherung zu überzeugen. Aktuell haben rund 40 Prozent der Hausbesitzer einen Komplettschutz.
Eine Einnahmen-Kosten-Deckung bei der Wohngebäudeversicherung die aktuell mit Null aufgeht, eine erwartete Zunahme an schadenträchtigen Naturereignissen und das Ziel mehr Häuser zu versichern. Kann die Branche in so einem Szenario die Null halten oder sogar Gewinn erwirtschaften? Rollinger glaubt das: "Wir haben 2017 eine schwarze Null erreicht, davor hatten wir über zwölf Jahre eine Combined-Ratio von über 100 Prozent, das ist ein Erfolg."
Zudem habe in der Branche "eine Sanierung des Bestandes stattgefunden", die ihn für die Zukunft positiv stimmt. Es werde wohl künftig mehr Überschwemmungsschäden geben, ob das gleichbedeutend mit höheren Beiträgen sei, wäre "allerdings Unternehmenssache." Kurios ist die Tatsache, dass die meisten Wasserschäden menschengemacht sind. "Leitungswasserschäden machen etwa 55 Prozent der Schäden in der Wohngebäudeversicherung aus. Das Problem werde auch bleiben", erklärte Rollinger.
Weiter stimme ihn positiv, dass der zunehmenden Gefahr durch Naturereignisse Erfolge in anderen Bereichen gegenüber stünden. Die Zahl der Einbrüche ging zurück, auch weil „es mehr Prävention“ gebe und die Kunden beim Einbruchschutz "vorbildlich mitarbeiten" würden. Zusammengefasst kann mal den Ausführungen Rollingers entnehmen, dass eine Erhöhung der WV-Beiträge aufgrund erwarteter Wetterkapriolen keine ausgemachte Sache ist.

Politdebatte um die Krankenversicherung

Ganz still saß Uwe Laue auf dem Podium ganz links. Es dauert erstaunlich lange, bis das Wort Bürgerversicherung fiel. Zuerst wurde er auf die Betriebskrankenversicherung von Amazon und Warren Buffet angesprochen. Lakonisch knapp kommentierte er: "Wenn das Modell nach Deutschland schwappt, freuen wir uns, einen neuen Anbieter im PKV-Verband begrüßen zu dürfen." Ein kurzes, knappes Lächeln, damit war das Thema angehakt.
Auf die Vorstöße der SPD zu einer Anhebung der Ärztehonorare und eventueller Vorteile der PKV durch dieses Szenario bemerkte der Debeka-Chef, das er nicht an eine Angleichung der Arzthonorare glaube und die PKV dadurch nicht besser gestellt würde. Der PKV-Verband arbeite seit Jahren mit der Bundesärztekammer an einer neuen Gebührenordnung. Dabei befände man sich auf der Zielgerade, wisse aber nicht, "wie lang diese sei". Nach dem Gesichtsausdruck Laues zu schließen, ist der Weg noch sehr lange. Der Bürgerversicherung erteilte er erneut eine Absage, er rechne nicht mit einem solchen Vorstoß durch die Groko, warte aber gespannt auf das Ende der Verhandlungen.

Weiter – immer weiter

Die Zahlen können sich sehen lassen, der Branche geht es gut, und das ist ein Grund zur Freude. Dieses leicht abgewandelte Zitat von Kanzlerin Angela Merkel beschreibt des Ist-Zustand der Versicherungswelt. Aber nach dem Spiel ist vor dem Spiel – oder um es mit Weiler zu sagen: "Vertrauen rechtfertigen ist eine schwierige Aufgabe, die nie zu Ende ist." (mv)
Bild: GDV-Konferenz (Quelle: GDV)
Grafikquelle: GDV
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Maximilian Volz
Maximilian Volz
Redakteur