30.01.2018Köpfe & Positionen

Eurich: "Wie machen wir Versicherung für den Kunden haptisch?"

Von Tobias DanielVW heute
Das Modell der privaten Krankenversicherer steht derzeit nicht nur wegen der neuerlichen politischen Debatte um das "Für und Wider" des Zwei-Klassen-Modells auf dem politischen Prüfstand. Auf den Neujahrsempfang des VGA-Beziks Rhein-Main nutze Barmenia-Chef Andreas Eurich die Gelegenheit somit zu einer kritischen Bestandsaufnahme des aktuellen Geschäftsmodels - verbunden mit einem Plädoyer für Möglichkeiten der Digitalisierung.
Dabei zeigte sich der Vorstandschef des Wuppertaler Konzerns "davon überzeugt, dass wir in Deutschland eines der besten Gesundheitssysteme weltweit haben und ich ehrlicherweise nicht verstehen kann, warum man hier immer wieder ein Fass aufmacht".
Dennoch sieht er bei den privaten Krankenversicherern durchaus Handlungsbedarf, wenn es darum geht, das eigene Geschäftsmodell für die digitale Zukunft fit zu machen. Die zentrale Frage: "Wie schaffen wir es, das Thema Versicherung unseren Kunden haptisch zu machen?" Allerdings lasse sich dieses Thema nicht in Versicherungsbedingungen oder verbale Ausführungen fassen, konstatiert der Barmenia-Chef.
Ebenfalls dringenden Handlungsbedarf sieht Eurich auch bei den Kosten: "Unser bisheriges Geschäftsmodell erzeugt derzeit zu hohe Transaktionskosten und lässt die Kunden oft allein", lautet eine kritische Bestandsaufnahme. Dabei biete die Digitalisierung "enorme Chancen".
Dennoch sei Frage, wie man diese Chancen nutzen könne, "ein verdammt schwieriges Unterfangen". Die Gründe sieht Eurich zum einen in der strengen Regulierung des Gesundheitsmarktes sowie in den unterschiedlichen technischen Lösungen, die derzeit in der Branche zum Einsatz kommen.
Gleichzeitig seien die "Amazons dieser Welt" den privaten Krankenversicherern bei den Transaktionskosten "meilenweit voraus", weil sie diese mit ihrem "Geschäftsmodell per se besser im Griff haben". Sollte die Branche ihre Transaktionskosten also nicht deutlich senken können, "werden wir weiter auch in dieser Welt verharren, in der wir uns heute bewegen oder die Kosten werden uns irgendwann soweit einholen, dass andere Wettbewerber dabei in unsere Geschäftsmodelle eindringen können und wir dann hinterher vielleicht nur noch Risikoträger werden."
Eine große Chance sieht der Barmenia-Chef hingegen in den enormen Wachstumschancen des Gesundheitsmarktes. So habe dieser eine "enorme Wachstumsdynamik, die auch weiter anhalten wird." So sehe man sowohl in der Medizin und als auch im Pflegebereich enorme Fortschritte". Ein enormer Vorteil der Versicherer sei dabei die "enorme Menge an Daten". Das Problem sei jedoch, "dass wir unsere Kunden vielfach noch nach dem Gießkannenprinzip überschütten", was Eurich jedoch auch auf die extreme datenschutzrechtliche Regulierung zurückführt.
Wie attraktiv der Gesundheitsmarkt derzeit sei, verdeutlichte der Barmenia-Chef am Beispiel Ottonova, von denen er "sehr begrüße, dass sie da sind". Dabei sieht Eurich darin "ein Zeichen, dass man die Vollversicherung wohl braucht." Dabei sei das Jungunternehmen fest davon überzeugt, dass das duale System zwischen GKV und PKV auch weiterhin bestehen bleibe. "Und sollte dies perspektivisch einmal fallen, dann haben wir Geschäftsmodelle etabliert, die auch weiterhin wundervoll existieren, wenn die Vollversicherung einmal nicht mehr da ist", schreibt Eurich dem Versicherungs-Start-up ins Stammbuch. (td)
Bild: Andreas Eurich (Quelle: lie)
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Tobias Daniel
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