26.01.2018Unternehmen & Management

KI: "Wenn die Trainingsphase unterschätzt wird, folgt unweigerlich die Enttäuschung"

Von VW heute
Künstliche Intelligenz ist ein breites Feld mit vielen unterschiedlichen Anwendungsfällen und Potenzialen, sagt Alexander Bockelmann. Prozesse könnten für den Kunden dadurch barrierefreier und schneller ablaufen. Der Chief Digital Officer der Uniqa warnt jedoch vor zu großer Euphorie. Schließlich seien in der Versicherungsbranche noch keine wirklich intelligenten Systeme im Einsatz.
VWheute: Wo liegen Ihrer Meinung nach die größten Potenziale im Hinblick auf Künstliche Intelligenz in der Versicherungsbranche?
Alexander Bockelmann: Das Thema Künstliche Intelligenz ist ein breites Feld mit vielen unterschiedlichen Anwendungsfällen und Potenzialen. Im Allgemeinen bekommt man den Aspekt "Künstlich" – oder Machine Learning – schon recht gut hin, beim Aspekt "Intelligenz" hapert es noch ein bisschen. Machine Learning Methoden werden schon heute bei Versicherungen eingesetzt. Dabei geht es hauptsächlich darum, unsere großen Datenmengen zu analysieren und aus den Ergebnissen Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen zu gewinnen.
Das beginnt in der Awareness Phase der Kundenreise durch personalisierte Informationen in Abhängigkeit vom jeweiligen Kundenprofil. Es kommen vermehrt virtuelle Assistenten und lernende gesprächsbasierte (Chatbot-) Systeme zum Einsatz, die alle auf Machine Learning Ansätzen basieren.
Einsatzgebiete für Machine Learning finden sich bei Versicherungen im Umfeld von Fraud Analytics, Produkt- und Risikomodellierung und im wachsenden Feld der vorhersagenden Modelle (Predictive Analytics) für personalisierte Services und Schadenregulierungen.
VWheute: Führt Künstliche Intelligenz zwangsläufig zu mehr Sicherheit und Effizienz?
Alexander Bockelmann: Aktuell sind noch keine wirklich intelligenten Systeme im Einsatz. Die weniger intelligenten aber teilweise lernenden Systeme, die heute im Einsatz sind, – wenn die Zielprozesse richtig definiert sind – sind zumeist effizienter als die bisherigen Abläufe. Dabei kommt es sehr stark auf die Qualität der Daten an, mit denen die Systeme trainiert werden.
Sind hier Fehler oder statistisch relevante Lücken oder Verschiebungen enthalten werden auch die Modelle und Abläufe diese Fehler enthalten. Wenn die Trainingsdaten zu Voreingenommenheiten und falschen Gewichtungen der Entscheidungsfaktoren führen werden die Ergebnisse nicht sicherer oder effizienter sein. Daher muss ein starkes Augenmerk auf die Trainingsdaten und ihre Reflektion der Realität gesetzt werden.
VWheute: Wie beurteilen Sie das IBM Programm Watson? Es häuft sich Kritik, es sei teuer und hätte nur wenig Nutzen, und sei nicht sicher. Was sind Ihre Erfahrungen?
Alexander Bockelmann: Wir haben bei Uniqa die Erfahrung gemacht, dass viele dieser Systeme zwar eine hohe Flexibilität und ein großes Potenzial haben, aber sie alle brauchen ein ganz spezielles Training mit relevanten Daten – je mehr desto besser. Ohne dieses Training, das langwierig und aufwendig sein kann, liefert keine der Lösungen brauchbare Ergebnisse. Wenn diese Trainingsphase unterschätzt wird folgt unweigerlich die Enttäuschung. Lernende Systeme, die mit fertigen Modellen und Lösungen aufwarten, habe ich bisher nur wenig gesehen.
VWheute: Welchen Mehrwert erhalten die Kunden, wenn Versicherer Technologien wie Watson einsetzen?
Alexander Bockelmann: Für den Kunden können durch neue Ansätze in der Datennutzung, der Bereitstellung personalisierter und kontextbezogener Informationen und durch vorhersagende Modellierungen und anderer moderner Machine Learning Ansätze neue Serviceleistungen und Kundenerfahrungen bereitgestellt werden. Je nach Anwendungsfall kann ein Kunde somit z.B. neue Kontaktpunkte wie sprachbasierte Systeme oder (mehrwertschaffende) Chatbots nutzen.
Damit können Prozesse für den Kunden barrierefreier und schneller ablaufen, z.B. durch Bild- oder Videoerkennung im Schadensfall. Es können lokationsbasierte oder nutzungsbasierte (Pay-as-you-go) Services konsumiert werden. Durch reduzierte Betrugszahlungen oder Telematiktarife können Produkte auch gegenüber klassischen Produkten günstiger werden.
Hier sind viele Mehrwerttreiber möglich.
VWheute: Wo sehen Sie Verbesserungspotenziale? Stichwort Datensicherheit?
Alexander Bockelmann: Künstliche Intelligenz oder Machine Learning Ansätze sind für mich nicht zwingend problematisch im Bezug auf Datensicherheit. Datensicherheit ist eine mit dem technologischen Fortschritt stetig wachsende Herausforderung. Es ist eine grundsätzliche Notwendigkeit diese sicher zu stellen. Wo früher dicke Mauern und gute Schlösser ausreichend waren, um papierbasierte Informationen zu sichern, sind heute immer komplexere Lösungen notwendig, um digitale Datensicherheit zu gewährleisten. Intelligente Systeme können dabei helfen, die wachsende Datenflut zu beherrschen und Risiken frühzeitig zu erkennen.
Um den größten Nutzen aus den neuen Möglichkeiten zu ziehen müssen wir lernen neue kundenrelevante Services und Prozesse zu entwickeln, welche den größten möglichen Nutzen für die Kunden generieren. Dafür müssen wir die wachsenden technischen Möglichkeiten bei möglichst höherer Qualität und Sicherheit bereitstellen. Hier gibt es ein großes Innovationsfeld und wir werden in den Unternehmen und als Kunden noch viele neue Dinge erleben.
Ich denke, dass im technischen Bereich die Entwicklung noch weitergehen wird, um die Systeme tatsächlich flexibler und intelligenter zu machen. Als ein IBM System den Schachweltmeister schlug hätte das gleiche System vermutlich gegen einen Erstklässler im Mühlespielen verloren. Heutzutage haben wir noch keine Systeme mit funktionaler Flexibilität. Dies wird sich mit der Zeit ändern, wie man an Alpha Go und neueren Systemen sieht, die sich teilweise selber neue Dinge beibringen.
Wir müssen auch lernen die Ansätze für das Training solcher Systeme zu optimieren, damit diese in ihren Analysen zu den richtigen Ergebnissen kommen. Wie müssen die Datensätze und Modelle aussehen, um die Realität abzubilden, ist die spannende Frage.
Diskutieren sollten wir auch die Implikationen einer steigenden Automatisierung von Abläufen und Prozessen auf die Gesellschaft. Wie sieht die Arbeitswelt von übermorgen aus? Welche Skills und Fähigkeiten müssen wir bereits im Schulsystem vermitteln? Welche Auswirkungen hat dies auf die arbeitende Bevölkerung?
Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Michael Stanczyk.
Bild: Alexander Bockelmann (Quelle: Uniqa)
Uniqa · künstliche Intelligenz · Alexander Bockelmann