26.01.2018Politik & Regulierung

Bäte: "Märkte sind jetzt sehr gefährlich!"

Von VW-RedaktionVW heute
Das beschauliche Schweizer Davos - auch bekannt als Skiort für die Schönen und Reichen - ist bekanntlich einmal im Jahr auch Mittelpunkt der Mächtigen dieser Welt. Wenn das Weltwirtschaftsforum (WEF) an diesem Wochenende zu Ende geht, dürften die Ergebnisse zwar überschaubar sein. Der Promifaktor - allen voran der Trubel um US-Präsident Donald Trump - war indes umso größer. Auffällig im Hintergrund: die Versicherer.
Prominent vertreten war die internationale Versicherungselite neben Zurich-Chef Mario Greco auch durch den Allianz-Vorstandsvorsitzenden Oliver Bäte. Dabei war letzterer in den vergangenen Jahren eher selten als sogenannter "Crash-Prophet" aufgetreten. Umso bemerkenswerter war seine Analyse zur aktuellen Entwicklung an den globalen Finanzmärkten gegenüber dem US-Nachrichtensender CNBC. Demnach sei das Wachstum der Weltwirtschaft zwar wirklich sehr gut, dennoch seien die Märkte jetzt "sehr sehr gefährlich", konstatierte Bäte.
So scheine es angesichts immer neuer Höhenflüge an den Aktienmärkten offensichtlich keine Risiken mehr zu geben. Die sei allerdings eine reine Illusion, so Baäte, da die Bewertungen extrem hoch seien und Kreditrisiken nur verschwunden zu sein scheinen. Diese Risiken würden aber verschwinden nicht, sie geraten nur in Euphoriephasen aus dem Bewußtsein – bis sie dann plötzlich zur Überraschung der meisten plötzlich aus dem Ruder laufen, lautet die Warnung des Allianz-Chefs.
Wie real diese Gefahr tatsächlich sind, zeigen die jüngsten Risikobarometer der Allianz-Tochter AGCS sowie des Versicherungsmaklers Marsh im Vorfeld des WEF. So fürchten sich die meisten deutschen Unternehmen in diesem Jahr besonders vor Betriebsunterbrechungen und Cyberrisiken. Gleichzeitig ist die Angst vor Schäden aus Wetterereignissen durch die rekordverdächtigen Schäden aus Naturkatastrophen zurück auf die Agenda der Risikomanager in Deutschland gerückt.
Zudem fürchten die internationalen Wirtschaftsentscheider trotz brummender Wirtschaft und rosiger Aussichten vor allem die Zunahme politischer Risiken. Auch der zunehmende Populismus könnte noch zu einem ernsthaften Problem für die Unternehmen, glaubt auch Katinka Barysch, Director of Political Relations in der Forschungsabteilung der Allianz SE.

Allianz profitiert von Trumps Steuerreform

Dennoch konnte Europa offensichtlich nichts besseres passieren als der aktuelle Hausherr im Weißen Haus in Washington: "Trumps Art, Politik zu machen, mag eine Katastrophe sein, aber seine Wirtschaftsmaßnahmen waren ein Erfolg", glaubt Nariman Behravesh, Chefökonom bei der Consultingfirma IHS. Bestes Beispiel: die aktuelle Steuerreform Trumps.
Denn diese beschert allein der Allianz in diesem Jahr Sondereinnahmen in dreistelliger Millionenhöhe. "Die geplante Senkung der Unternehmenssteuern in den USA wäre gut für uns, weil wir dort sehr viel Steuern sparen", sagte Allianz-Chef Bäte bereits im Januar 2017 voraus. Auch die deutschen Autobauer Daimler und BMW rechnen mit Sondergewinnen in Milliardenhöhe.

Politische Themen rücken in den Fokus

So verwundert es nur wenig, dass in diesem Jahr vor allem die politischen Themen das Weltwirtschaftsforum dominiert haben. Allein 70 Staats- und Regierungschefs zeigten Flagge in Davos - darunter auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Großbritanniens Premierministerin Theresa May. "Aus Afrika kommen zehn Staats- und Regierungschefs, aus dem Nahen Osten neun, und aus Lateinamerika sechs, so viele wie nie zuvor", ergänzte WEF-Präsident Borge Brende.
Die meisten Vertreter kamen indes aus den USA - nämlich insgesamt 836. So waren neben US-Präsident Trump gleich acht weitere Kabinettsmitglieder in Davos vertreten, darunter auch US-Außenminister Rex Tillerson. Über die Kosten der Reise herrscht zwar offiziell Stillschweigen: Eine Schweizer Zeitung schätzt diese jedoch auf rund 40 Mio. US-Dollar.
Eingerahmt war das Forum in diesem Jahr allerdings vor allem von Nationalisten. So bezeichnet sich der indische Premierminister Narendra Modri selbst als Hindu-Nationalisten. Für den krönenden Abschluss sorgte schließlich US-Präsident Trump mit seiner protektionistischen Politik des "America first". Selbstredend war natürlich, dass solche Tendenzen bei den Befürworten des freien Welthandels nur auf wenig Gegenliebe gestoßen sind. "Seit dem Römischen Reich und der Chinesischen Mauer wissen wir, dass Abschottung keine Sicherheit verspricht", konstatierte dann auch Bundeskanzlerin Merkel bei ihrer Rede in Davos.
Über die Quintessenz der Treffen in Davos scheiden sich indes die Geister. "Es besteht heute die reale Gefahr, dass unsere globalen Systeme zusammenbrechen. Aber Veränderungen passieren nicht einfach so. Es liegt an uns, den Zustand der Welt zu verbessern - und dafür steht auch das Weltwirtschaftsforum", glaubt WEF-Gründer Klaus Schwab. Für die teilnehmenden Politiker haben die Treffen jedenfalls einen ganz besonderen Charme - können Sie am Ende mal ohne eine formelle Gipfelerklärung nach Hause kommen.
Die Welt macht das zwar nicht unbedingt besser - allerdings auch nicht ärmer, wie die jüngste Oxfam-Studie im Vorfeld des WEF erneut belegt. Demnach sind im letzten Jahr 82 Prozent des im vergangenen Jahr erwirtschafteten Vermögens in die Taschen des reichsten Prozents der Weltbevölkerung geflossen. Gleichzeitig ist die Zahl der Milliardäre im Jahr 2017 deutlich angestiegen. Laut einer aktuellen Liste von Forbes gehören jetzt 2.043 Personen zu diesem elitären Zirkel. Während das reichste Prozent der Weltbevölkerung weiterhin mehr Vermögen als der gesamte Rest besitzt, entgehen den Entwicklungsländern durch die Steuervermeidung von Konzernen und reichen Einzelpersonen mindestens 170 Mrd. US-Dollar an Steuereinnahmen pro Jahr – mehr als die gesamte weltweite Entwicklungshilfe (145 Mrd. US-Dollar pro Jahr).
"Die massive soziale Ungleichheit ist ein Krankheitssymptom unseres Wirtschaftssystems, nicht etwa ein Zeichen gesunden Wachstums. Eine reiche Minderheit nimmt massiv Einfluss auf politische Entscheidungen und senkt Unternehmenskosten – insbesondere Löhne und Steuern – in unverantwortlicher Weise, um die Profite der Anteilseigner zu steigern. Den Preis der Profite zahlen Milliarden von Menschen weltweit, die zu Löhnen, die nicht zum Leben reichen, schuften müssen und keinen Zugang zum öffentlichen Bildungs- und Gesundheitssystem erhalten", kommentiert Jörn Kalinski, Kampagnenleiter von Oxfam Deutschland.
Der französische Wirtschaftswissenschaftler Gabriel Zucman glaubt zudem: "Wenn alle Länder der Entwicklung folgen, die es in den USA seit 1980 gegeben hat, dann werden wir es schwer haben, die globale Armut zu verringern. Um Armut zu reduzieren, muss Wirtschaftswachstum gerecht verteilt werden." US-Präsident Trump dürfte diese Worte hingegen nicht gerne gehört haben. (vwh/td)
Bild: US-Präsident Donald Trump auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. (Quelle: dpa)
Grafikquellen: Statista
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