24.01.2018Märkte & Vertrieb

Wagner: Run-off ist legitim, aber schreckt Neukunden ab

Von VW-RedaktionVW heute
"Ein Run-off ist ein völlig legitimes Konzept. Jedes Unternehmen ist verpflichtet, darüber nachzudenken, unrentable oder zu riskante Geschäftsfelder zu schließen", erläutert Fred Wagner, Leiter des Instituts für Versicherungslehre an der Universität Leipzig. Ein Verkauf von Lebensversicherungsbeständen mit Zustimmung und Begleitung durch die Bafin sei grundsätzlich nichts Verwerfliches.
Unter rein betriebswirtschaftlicher Betrachtung sei es für einen Vorstand sogar geboten, die Wertentwicklung des Unternehmens zu beachten und ggfs. über Alternativen nachzudenken. "Auch aus rechtlicher Sicht und mit Blick auf seine Haftung gegenüber den Aktionären kann der Vorstand unter Risiko-Rendite-Erwägungen einen Run off oder Bestandsverkäufe kaum völlig ausschließen“, meint Wagner. Eine etwas andere Beurteilung ergebe sich aber aus gesellschaftspolitischer Sicht. Es sei schon nachvollziehbar, dass der einzelne Kunde großes Unbehagen verspüre, wenn das eigene Versicherungsunternehmen die persönliche Altersvorsorge an einen Dritten herausgibt – zumal wenn das Drittunternehmen möglicherweise weder ein deutsches noch ein europäisches Unternehmen, sondern ein weltweit agierender Investor, ist.
"Ich würde das auch nicht mit Begeisterung sehen, wenn meine eigene Altersvorsorge an einen fernab liegenden Investor verkauft würde, dessen Interessen ich nicht kenne. Diese Befindlichkeiten der Kunden sollte ein Vorstand mit berücksichtigen, bevor ein Verkauf von Beständen angestoßen wird, übrigens auch wieder unter wirtschaftlichen Erwägungen", unterstreicht der Wirtschafts-Professor. Beispielsweise stelle sich die Frage, welche Vertrauensverluste ein Versicherungsunternehmen und seine Vertriebe erleiden würden, wenn Lebensversicherungsbestände ohne Akzeptanz der breiten Kundschaft weiterverkauft werden und welche Konsequenzen das auch für das Neugeschäft in den verbleibenden Produktlinien habe. "Ich habe Zweifel, ob in dieser Situation z. B. die kapitalmarktnahen Lebensversicherungen oder die bAV ungestört weiter verkaufbar sind", betont Wagner.

Digitalisierung verändert jedes Geschäftsmodell

Nach Auffassung Wagners werde die Digitalisierung jedes Geschäftsmodell verändern, und damit auch das der Lebensversicherung. Das fange schon bei den Möglichkeiten und Herausforderungen der Risikobeurteilung an, umfasse die gesamten Antrags-, Leistungs- und Zahlungsverkehrsprozesse, die Kapitalanlage und den Vertrieb allemal. "Allerdings wird das nicht spontan geschehen, nicht "disruptiv", sondern evolutionär. Ich glaube auch nicht, dass InsurTechs den Versicherern den Rang ablaufen", so der Experte.
Aber Start-ups würden überall da eingreifen, wo es in der Wertschöpfungskette Sollbruchstellen mit einem hohen Maß an Ineffizienz gebe. Die Angriffspunkte von InsurTechs seien besonders gute Marker für "Baustellen", an denen die Branche zu arbeiten habe. "Letztendlich aber haben die klassischen Unternehmen mit ihrer größeren Erfahrung, der hohen Marktdurchdringung, der Vertrautheit mit Regulierung, ihrer Markenkraft und Kapitalausstattung gute Voraussetzungen, sich weiterhin durchsetzen", ist Wagner überzeugt. Innovation werde aber nötig sein – produktseitig, prozessseitig und auch, was die Unternehmensstrukturen und -kulturen angeht. Das alles müsste letztlich "von innen", d. h. aus der Branche selbst kommen. Schon dafür lohne der Blick auf die Angriffspunkte durch die InsurTechs, um Prioritäten zu erkennen. (wo)
Das vollständige Interview mit Fred Wagner lesen Sie in der März-Ausgabe des Business- und Managementmagazins Versicherungswirtschaft.
Bild: Fred Wagner (Quelle: Vers Leipzig)
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