Politik & Regulierung

Wenn die Schultüte mit Policen gefüllt ist

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Schüler gehören üblicherweise nicht gerade zur originären Zielgruppe der Versicherer. In Baden-Württemberg sorgen Zusatzversicherungen an die Schüler derzeit für erhebliches mediales Aufsehen. Was für die Anbieter der Policen ein lukratives Zusatzgeschäft zu sein scheint, sorgt für erhebliche Kritik. VWheute hat nachgefragt.
Worum es geht: In Baden-Württemberg erhalten die rund 1,5 Millionen Schüler an den 4.062 allgemeinbildenden und 784 berufsbildenden Schulen eine Versicherungspolice ausgehändigt, welche sie von den Eltern unterschrieben wieder abgeben müssen. Dabei handelt es um Zusatzversicherungen, die ergänzend zur gesetzlichen Unfallversicherung abgeschlossen werden.
Diese umfassen laut einem Bericht des Nachrichtenmagazins Spiegel Online entsprechende Policen für Garderobe (ein Euro), Fahrrad (sechs Euro), Musikinstrumente (sechs Euro) und für Internatsschüler (sechs bis sieben Euro). Darin inbegriffen seien neben einer Haftpflicht-, auch eine Unfall- und Sachschadensversicherung. Vertrieben werden die Policen von der Württembergischen Gemeinde-Versicherung AG (WGV) in Württemberg und vom Badischen Gemeinde-Versicherungs-Verband (BGV) in Baden. Die einen sind hellgrün, die anderen rosa.
Die Verbraucherschützer und Branchenkenner sehen die Praxis kritisch: "Leider weiß das kaum jemand. Die Eltern denken immer, dafür sind die WGV oder BGV zuständig. Die kennen sie, weil sie dort einen Euro einzahlen müssen", betont ein Sprecher der Unfallkasse Baden-Württemberg gegenüber dem Nachrichtenmagazin. Zudem sei bei den 167.885 Unfällen in der Schule und den 15.753 Unfällen, die 2016 in Baden-Württemberg auf dem Schulweg passierten, in aller Regel die gesetzliche Unfallversicherung eingetreten, heißt es weiter.
Peter Breun-Georke, Rechtsanwalt der Wettbewerbszentrale in Bad Homburg, findet es zudem "merkwürdig", dass solche Policen an den Schulen des Landes verkauft werden. "Bei 1,5 Millionen Schülern und Schülerinnen als potentielle Versicherungsnehmer kann man nicht von Geringfügigkeit sprechen", betont der Jurist gegenüber Spiegel Online.

Verbraucherschützer sehen "hohen Werbedruck"

Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg sieht das Angebot ebenfalls kritisch. "Die Schülerzusatzversicherung kostet im Grundtarif (ohne Garderobenversicherung oä) nur einen Euro. Damit haben Eltern von Schulkindern zwar keine wesentliche finanzielle Ausgabe. Allerdings haben sie auch nur einen äußerst eingegrenzten Versicherungsschutz. Auf diese Begrenzungen wird nach unserer Erfahrung auch von Schulseite regelmäßig nicht deutlich eingegangen", konstatiert ein Sprecher gegenüber VWheute.
Zudem bestehe aus Verbrauchersicht "daher die Befürchtung, dass gerade durch das Angebot im schulischen Rahmen bei dieser Versicherung bei Eltern leicht der Eindruck entsteht, dass mit dieser Versicherung das Kind ausreichend und umfassend versichert sei. Ein solcher Eindruck kann fatal sein, wenn dadurch eine weitere Beschäftigung mit wichtigem Versicherungsschutz unterbleibt". Zudem sei beispielsweise "eine Grund-Versicherungssumme von 50.000 Euro als Versicherungssumme einer privaten Invaliditätsversicherung regelmäßig alleine keinesfalls ausreichend und damit nicht bedarfsgerecht", betonte der Sprecher der Verbraucherschützer weiter.
Vielmehr hätten die Versicherer "mit diesem Produkt einen jährlichen Zugang zu sehr vielen Haushalten in Baden-Württemberg mit Schulkindern mit vermutlich hoher Werbewirkung. Da die Versicherung in der Schule angeboten und den Schülern das Antragsformular mitgegeben wird, übernehmen Lehrer faktisch Vertriebstätigkeiten. Lehrer sind jedoch keine Versicherungsvermittler. Es gibt Berichte über von Schulen ausgeübten Druck auf Eltern (bzw. Schüler), diese Versicherung abzuschließen – solches ist sicher nicht verbraucherorientiert."

Versicherer sprechen von freiwilligem Angebot

Die betroffenen Versicherer wehren sich hingegen gegen die Kritik der Verbraucherschützer. "Seit diesem Jahr bietet die Württembergische Gemeinde-Versicherung a.G. als Ergänzung zur gesetzlichen Schülerversicherung die Schüler-Zusatzversicherung an", betont die Württembergische Gemeinde-Versicherung AG (WGV) gegenüber VWheute. Dabei handele es "sich um ein freiwilliges Angebot. Rund die Hälfte der Schüler in Württemberg ist aktuell zur freiwilligen Schüler-Zusatzversicherung pro Schuljahr angemeldet. Die Schüler-Zusatzversicherung dient dazu, Lücken der privaten und gesetzlichen Absicherung zu schließen. Sie besteht aus mehreren Bausteinen (Haftpflicht-, Unfall- und Sachschadenversicherung). Neben der Schüler-Zusatzversicherung bieten wir für Schüler noch die Garderoben-Versicherung mit Fahrradversicherung und die Schüler-Musikinstrumenten-Versicherung an", erläutert ein Unternehmenssprecher auf Anfrage.
"Die Beteiligung der Schulen bzw. der Lehrer am Meldeverfahren zur freiwilligen Schüler-Zusatzversicherung beschränkt sich darauf, die Versicherungsausweise an die Schüler weiterzureichen und den Beitrag einzuziehen. Nur durch diese Mitwirkung der Schulen ist es möglich, den Schülern Versicherungsleistungen zu dem günstigen Preis von einem Euro – hiervon entfallen 19 Prozent auf die Versicherungssteuer - zur Verfügung zu stellen", heißt es beim WGV weiter.
"Für die Mitwirkung beim Abschluss der Schüler-Zusatzversicherung werden keine Vergütungen oder Provisionen bezahlt, weder an die Schule noch an einzelne Personen wie Lehrer, Rektor oder sonstige Personen. Auch werden mit dem Abschluss der Schüler-Zusatzversicherung keinerlei Werbemaßnahmen verbunden", betonte der Versicherer weiter. Zudem widerspreche man dem Vorwurf, "dass die Schulen das Angebot meist wie eine Pflichtversicherung behandeln".
Vielmehr erhielten die "Schulen erhalten jedes Jahr zu Beginn des Schuljahres von der WGV die Versicherungsunterlagen, die den Hinweis enthalten, dass es sich um eine freiwillige Versicherung handelt. Auch sind wir mit den Schulen ständig im Dialog. Aus diesen Kontakten ergeben sich für uns keine Anhaltspunkte dafür, dass die Schulen die Schüler-Zusatzversicherung als Pflichtversicherung darbieten".
Ähnlich äußert sich auch der BGV gegenüber VWheute: "Inhaltlich dient die freiwillige Schüler-Zusatzversicherung dazu, Lücken der privaten und gesetzlichen Absicherung zu schließen bzw. diese zu ergänzen. Sie besteht aus mehreren Bausteinen (Haftpflicht-, Unfall- und Sachschadenversicherung) und kostet ein Euro inklusive Versicherungsteuer pro Schuljahr", betonte eine Sprecherin auf Anfrage.
Mit Blick auf die Kritik seitens der Verbraucherschützer sei dem Unternehmen " natürlich bewusst, dass viele Schüler bereits Versicherungsschutz über eine private Haftpflichtversicherung erhalten. Erhält der Versicherte Versicherungsschutz aus einem anderen Haftpflichtversicherungsvertrag, so entfällt in der Tat der Versicherungsschutz der Schüler-Zusatzversicherung. Immerhin verfügen jedoch rund 15 Prozent der Haushalte über keine private Haftpflichtversicherung", heißt es beim BGV weiter.
Allerdings wollte der BGV auf Anfrage keine internen Zahlen zu Beitragseinnahmen oder Schadenquoten zur Schüler-Zusatzversicherung zur Verfügung stellen. "Wir können Ihnen allerdings mitteilen, dass der BGV pro Schuljahr mehrere tausend Schadenfälle bearbeitet", heißt es weiter. (vwh/td)
Bildquelle: Tim Reckmann / PIXELIO (www.pixelio.de)
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