Schlaglicht

KI: Bedrohliche Verführung für Versicherer

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Ob Roboter, die Menschen beim Schachspiel besiegen oder Computer, die das Leben einfacher und effizienter machen – die Wissenschaft versucht seit vielen Jahren, den komplexen menschlichen Geist künstlich nachzubauen. Gelungen ist das bisher nicht. Wenn die Versicherer von KI sprechen, klingt das erst einmal wie ein verzweifelter Versuch, dem rasanten Tempo des digitalen Fortschritts schrittzuhalten. Doch ist das wirklich so?
Wie bahnbrechend die Entwicklungen um die künstliche Intelligenz tatsächlich sind, lässt sich nach wie vor nur erahnen. Nicht, weil die Welt aufgehört hat sich zu drehen, sondern eher weil sie dies, zumindest aus entwicklungstechnologischer Perspektive, immer schneller tut.
"Künstliche Intelligenz hat ein sehr weites Potenzial im direkten und indirekten Einsatz in der Versicherungsindustrie", erklärt Rainer Baumann. "Direkt kann sie zum Beispiel zur besseren Risikoeinschätzung durch Mustererkennung genutzt werden oder im Kundenberatungsprozess analog, wie zum Beispiel Amazon, wo Algorithmen, die auf KI setzen, dem Klienten heute schon Kaufvorschläge unterbreiten."
Beim indirekten Einsatz sind die Chancen nach Angaben des Head Group Digital und Information Service der Swiss Re sogar größer. Zum Beispiel könnten durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz bei autonomen Drohnen Risiken gezielter kontrolliert und reduziert werden. Bestimmte, teils hochgefährliche, Arbeiten an Atomreaktoren, Chemieanlagen oder Hochspannungsleitungen würden von den fliegenden Helfern viel schneller ohne die Gefährdung von Menschenleben durchgeführt. Dies wiederum unterstützt die Versicherer bei der Absicherung von Großrisiken.
Risiken besser einschätzen, Gefahren minimieren, die finale Größenordnung von Schadenfällen klug kalkulieren. Darum geht es im Kosmos der Versicherungsplayer. Die Perspektiven der zukünftigen Nutzung und des Erfolgs kognitiver Technologien hängen jedoch nicht nur von den heutigen strategischen Entscheidungen der einzelnen Unternehmen ab. "Vielmehr werden technologische Entwicklungen sowie wirtschaftliche Rahmenbedingungen der kommenden Jahre die Durchdringung von KI in Versicherungsprozessen entscheidend prägen", erklärt Holger Hornik, Leiter Cognitive Analytics bei MSG Systems.

Routinearbeit im Schleudergang

Im Callcenter der Zukunft mit Chatbots sprechen, die nichts mehr mit den Bandansagen und digitalen Blechbüchsen von heute zu tun haben? Das klingt vor allem im Kontext der traditionsbewussten Versicherer zunächst wie ein verzweifelter Versuch, dem rasanten Tempo des digitalen Fortschritts schrittzuhalten. Doch ist es das keineswegs.
Das stellt unter anderem die Versicherungskammer Bayern unter Beweis. Täglich erreichen das Unternehmen nach eigenen Angaben rund 20.000 Schreiben - per Post, E-Mail oder Fax. Bislang wurden daraus Schlagwörter, nicht aber die Zusammenhänge innerhalb eines Textes maschinell erkannt. Die Lösung brachte Watson. Das kognitive IBM-System hilft, Formulierungen wie "Wieder kam keine Reaktion von Ihnen!" oder "Bislang war ich es gewohnt, dass schnell geantwortet wurde und ich nicht nachfragen musste" herauszufiltern. Es erkennt Ironie, liest aus dem Kontext, markiert das Schreiben entsprechend und zeigt dies dem Sachbearbeiter an.
Fehlt jedoch die Anmerkung, dass auch der einfache Sachbearbeiter durch automatisierte Arbeitsprozesse schnell auf das Abstellgleis geschoben werden könnte. Einen Beleg dafür lieferte 2017 die japanische Fukoku Mutual Life Insurance. Das Versicherungsunternehmen bestätigte, insgesamt 34 von 131 seiner Mitarbeiter in der Abteilung Schadensbemessung durch  Watson ersetzen zu wollen.
Das System soll ärztliche und andere Dokumente auswerten können, um fällige Zahlungen zu berechnen. Die Software ist in der Lage, Spezialklauseln in Versicherungsverträgen zu berücksichtigen, heißt es. Die Anzahl der Fälle, die bei Fukoku in dieser Weise Jahr für Jahr bearbeitet werden, belief sich nach Angaben des Guardian zuletzt auf 132.000. Kostenfaktor für die Einrichtung der künstlichen Intelligenz: 1,6 Mio. Euro. Kostenfaktor für den Betrieb: 120.000 Euro pro anno. Dem sollen Einsparungen bei den Personalkosten in Höhe von jährlich rund 1,1 Mio. Euro gegenüberstehen. Klingt doch verlockend, oder? (mst)
Mehr zum Thema lesen Sie in der neuen Ausgabe der Versicherungswirtschaft.
Bildquelle: Hannover Messe
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