Märkte & Vertrieb

Rückblick 2017: Auf und Ab der Emotionen

Von David GorrTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Das zu Ende gehende Jahr war so turbulent wie lange keins – und fast alle Ereignisse betreffen auch deutsche Versicherer und ihre Kunden. Politische Risiken, Milliardenschäden durch Hurrikans und Run-off-Pläne begleitetet von Entlassungen. Die Investitionen in Insurtechs sind gestiegen. Die Gefahr, die von ihnen ausgeht, wurde von traditionellen Playern jedoch überschätzt.
"Der Brexit und der Wahlausgang in den USA werden das Jahr 2017 spürbar beeinflussen", schrieb der GDV-Chefvolkswirt Klaus Wiener für die Versicherungswirtschaft vor einem Jahr. Keine sonderlich gewagte These. Wie grotesk Donald Trump tatsächlich sein Amt ausführen wird, ahnte indes niemand. Überschattet von den laufenden Ermittlungen um seine Russland-Kontakte und einem wahren Personal-Karussell im Weißen Haus konnte Trump zwar seine Wahlversprechen wie die Abschaffung von Obamacare nicht durchsetzen, dennoch krempelte er die USA um.
Über 50 Dekrete hat er im ersten Jahr erlassen – mehr als jeder andere US-Präsident in den vergangenen 50 Jahren. 800 Vorschriften und Auflagen aus der Obama-Ära nahm er zurück – die größte Deregulierung seit Ronald Reagan. Das erfreute besonders Allianz-Chef Oliver Bäte, da bei der "US-Regulierung in der Vergangenheit einiges übertrieben wurde", sagte er im Januar.
Auch AIG profitierte, der Versicherungsriese gilt nicht mehr als systemrelevant. Die Aussicht auf Steuersenkungen, den Abbau von Bürokratie sowie die Lockerung von Umwelt- und Arbeitnehmerrechten ließen den Dow-Jones-Index seit Trumps Wahlsieg um 30 Prozent steigen. Dabei sollte der große Crash in diesem Jahr kommen, orakelten die Finanzgurus auf dem Fonds Professionell Kongress im Februar.
Als Grundlage diente der vorübergehende Absturz der chinesischen Aktien durch schlechte Konjukturdaten. Ein möglicher Handelskrieg zwischen USA und China lässt die Märkte jedoch bis heute kalt. Nikolaus von Bomhard, Ex- Chef der Munich Re, hielt eine Finanzkrise für möglich, vieles hinge "an einem dünnen Faden".

Wundertüte aus der Wahlurne

Denkbar knapp wurde auch der Super-Gau für die französische Axa abgewendet. Ganz Europa atmete auf, als Emmanuel Macron die Präsidentschaftswahl gegen die Rechtspopulistin Marine Le Pen gewann.  Unter ihr drohte der Axa eine Verstaatlichung. Konzernchef Thomas Buberl lag mit seiner Aussage – "sie wird nicht gewinnen" – richtig.
Mehr Vernunft beim Urnengang hätten sich im Nachhinein auch die Briten gewünscht. Die Brexit-Folgen ziehen die Wirtschaft in den Abgrund und der Austritt aus der EU gestaltet sich tatsächlich so schwierig, wie von vielen befürchtet. Zumal Premierministerin Theresa May überraschend im Sommer Neuwahlen ansetzte und dadurch ihre absolute Mehrheit verlor, was ihre Verhandlungsposition gegenüber der EU stark schwächte. Unklar ist, wie lange sich May an der Macht halten kann.
Längst entschieden haben sich dagegen zahlreiche Versicherer bei ihrer neuen Standortwahl. Luxemburg wählten die US-Versicherer AIG und FM Global sowie die britischen Assekuranzhäuser RSA und Hiscox. Die Versicherungsbörse Lloyd's of London entschied sich überraschend für Brüssel. Ebenso verwunderlich ist, dass Dublin – das einzige englischsprachige Land in der Eurozone – immer noch kein Kapital aus den Brexit-Flüchtlingen schlägt.
Auch Deutschland näherte sich mit dem Einzug der rechtspopulistischen AfD in den Bundestag der europäischen Normalität an. Historisch wurde es jedoch erst zwei Monate später als die FDP die Verhandlungen mit CDU, CSU und Grünen für eine Jamaika-Koalition überraschend platzen ließ. Noch nie seit 1949 ist eine Regierungsbildung in Koalitionssondierungen gescheitert. Eine Minderheitsregierung ist unwahrscheinlich, eine Neuauflage der großen Koalition rückt näher.
Erleichtert war dagegen der PKV-Verband. Die Idee einer Bürgerversicherung, die Signal-Iduna-Chef Ulrich Leitermann im Sommer als "größtes Risiko für die Versicherungsbranche" bezeichnete, schien nach der Bundestagswahl vom Tisch zu sein. Nun ist das einer der zentralen Forderungen der SPD in den Sondierungsgesprächen.
Die Wirtschaft würde eine Große Koalition begrüßen und auch nach Meinung vieler Versicherer und Vermittlerverbände haben die Sozialdemokraten mit der Union gute Arbeit geleistet – besonders im Hinblick auf die zum 1. Januar 2018 in Kraft tretende Reform der betrieblichen Altersversorgung (bAV). Kaum herrschte Klarheit darüber, dass das heiß diskutierte Sozialpartnermodell kommen wird, gaben fünf traditionelle Lebensversicherer einen Zusammenschluss bekannt.
Unter dem Namen "Das Rentenwerk" wollen Barmenia, Debeka, Gothaer, Huk-Coburg und Stuttgarter eine flexible Betriebsrente anbieten. Sie leiden besonders nach wie vor unter den Niedrigzinsen. Auf eine Wende in der Zinspolitik haben viele Marktteilnehmer Anfang des Jahres spekuliert – und sie lagen richtig. Die US-Notenbank erhöht stetig den Leitzins und auch die EZB will ihr milliardenschweres Anleihe-Programm 2018 halbieren.

Mitarbeiter gehen auf die Barrikaden

Wie schwer die Zinslast auf der Assekuranz wiegt, offenbarte die erstmalige Veröffentlichung der Solvabilitäts- und Finanzberichte im Mai. 29 der 84 Lebensversicherer haben die 100-Prozent-Schwelle gerissen. "Dank der Übergangsregeln wurden sie eingehalten", erklärte die Bafin. Einige davon werden trotzdem vom Markt verschwinden.
Zwei der zehn größten deutschen Lebensversicherer schickten aus Kostengründen zehn Millionen Verträge in den Run-off – die Ergo sechs Millionen Policen, die Generali vier Millionen. Aus Sicht der Unternehmen ist der Verkauf sinnvoll – für das Image der Branche katastrophal.
Weitere große Lebensversicherer sahen sich gezwungen, Position zu beziehen: Talanx, R+V, die Nürnberger sowie Allianz Leben und die Stuttgarter Leben haben einen Verkauf von Versicherungsbeständen ausgeschlossen. Die Axa hält sich die Option einer externen Abwicklung noch offen.
Die Entscheidung von Ergo und Generali fällt im Rahmen ihrer Erneuerungskur. Tausende Arbeitsplätze gehen bei beiden verloren. Der Widerstand der Betriebsräte und Mitarbeiter dürfte auch 2018 für Schlagzeilen sorgen. Proteste gab es auch im Kampf um einen neuen Tarifvertrag für die Versicherungsbranche. Es brauchte drei Streikwellen und vier Verhandlungsrunden bis sich der Arbeitgeberverband der Versicherungsunternehmen (AGV) sowie die Gewerkschaften Verdi, DHV und DBV sich im August auf einen Tarifabschluss für die knapp 170.000 Angestellten des Innendienstes und der Auszubildenden einigten. Knackpunkt war nicht das Gehalt, sondern der digitalisierungsbedingte Stellenabbau, den die Gewerkschaften mit einem Sondervertrag mit dem AGV verhindern wollten. Ähnliches gilt übrigens auch für die Außendienstler.

Insurtechs verlieren Schrecken

In der Tat gab es 2017 Fortschritte bei der digitalen Transformation, aber auch Ernüchterung trat ein. Weltweit ist jeder Dritte bei Insurtechs versichert, offenbarte eine Capgemini- Studie. Trotzdem gelten die neuen Player weniger als potenzielle Bedrohung, sondern vielmehr als Geschäftspartner für etablierte Versicherer. "Der Insurance-Markt wird sich drastisch in Gewinner und Verlierer aufteilen", sagte Zurich-Chef Mario Greco voraus.
Die seltsamen Namen Ottonova, Coya, Element und Flypper könnten tatsächlich so schnell verschwinden wie sie entstanden sind. Viele wurden in diesem Jahr zum Objekt der Begierde für Investoren, andere wie Knip mussten ihren Geschäftsbetrieb in der ursprünglichen Form einstellen.
Die die noch am Markt sind, strotzen vor Selbstbewusstsein: In der Versicherungswirtschaft prophezeite Clark-CEO Christopher Oster 2016, dass "bestehende Unternehmen durch digitale Umwälzungen vom Markt verschwinden werden". Auch Starinvestor Carsten Maschmeyer warnte im Exklusiv-Interview, die Versicherer die vor einer "Wachablösung stehen".
Sein Start-up-Kollege Frank Thelen hält den Untergang etablierter Assekuranz-Häuser auch für unausweichlich. Sie würden von zwei Seiten angegriffen. "Einerseits vom veränderten Konsumenten-Fronted durch coole Apps, andererseits braucht man für das Backend durch Big Data und Blockchain keine Sachbearbeiter mehr." Für Thelen ist das ein Paradigmenwechsel.
"Erstmal hat man stabile Cash-Flows, die laufen. Aus diesem gesunden Geschäft ist es extrem schwierig auf einmal diese ganze Disruption mitzuerleben. Historisch gesehen hat bei einem Paradigmenwechsel immer ein neuer Player den alten Marktführer verdrängt", erklärte er gegenüber der Versicherungswirtschaft im Dezember letzten Jahres. Zwölf Monate nach seiner Aussage hat sich im Verdrängungskampf eigentlich nicht viel getan.

Rückversicherer überwinden Sinnkrise

Auf juristischer Ebene setzt sich derweil der Kampf im Namensstreit der Versicherungskammer Bayern (VKB) gegen die Versicherungsgruppe die Bayerische fort. Die Klage des öffentlichen Versicherers wurde abgewiesen, die Bayerische darf ihren Namen behalten. Die VKB geht in Revision, ebenso die Axa, die im PKV-Treuhänder-Prozess den Kürzeren zog und Rückforderungen in Milliardenhöhe fürchtet. Teuer wird es auch für Industrieversicherer, die in diesem Jahr bei zahlreichen Rückrufaktionen durch Produktionsfehler der Autobauer haften müssen – ein "Risiko am Fließband" titelte die Versicherungswirtschaft zurecht.
Und die D&O- und Rechtschutzversicherer beschäftigt weiterhin der Abgas-Skandal von Volkswagen und seinen Töchtern Porsche und Audi. Über einen Schaden der dagegen die Branche langfristig positiv beeinflussen könnte, erfreuten sich die Rückversicherer. Viele von ihnen rutschen durch die US-Hurrikans in rote Zahlen, da die versicherten Schäden die weltweite Assekuranz etwa 100 Mrd. Dollar kostet. Dafür könnten die Naturgewalten zu der so sehr herbeigesehnten Preiswende bei den Prämien führen, die vor einem Jahr kaum jemand für möglich hielt. Eine Hurrikan-Saison wie 2017 gibt es laut Experten nur alle 250 bis 300 Jahre. (dg)
Bildquelle: NAG
Rückblick 2017