Märkte & Vertrieb

"Innovationen gehören nicht zur DNA der Versicherer"

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Von Sascha Noack, Head of New Players Network und Innovation Manager beim Insurance Innovation Lab. Ja, Versicherungsunternehmen können innovativ sein. Schließlich gibt es mittlerweile unzählige Acceleratoren, Inkubatoren und Innovation Labs, die sich auf die Versicherungsbranche spezialisiert haben. Bei genauerem Hinsehen wird allerdings schnell klar, dass diese Aussage nicht zu vorschnell getroffen werden sollte.
Big Data, künstliche Intelligenz oder Blockchain, aber auch Ansätze wie Design Thinking oder User Experience Design sind für Entscheider in den Unternehmen schon lange keine Fremdwörter mehr. Ebenso wenig schaut man bei Führungskräften nicht mehr in fragende Gesichter, wenn man sie mit Insurtechs wie Getsurance oder Wefox konfrontiert. Oftmals wurden sogar bereits erste Pilotprojekte mit den neuen Playern im Markt durchgeführt oder große Summen in die Branchenneulinge investiert. Das alles wäre noch vor drei Jahren undenkbar gewesen. Innovation scheint also – auf den ersten Blick betrachtet – in der Assekuranz angekommen zu sein.
Bei genauerem Hinsehen wird allerdings schnell klar, dass diese Aussage nicht zu vorschnell getroffen werden sollte. Die Umsetzung von Innovationen in der Versicherungsbranche erweckt oftmals den Eindruck, als würden planbare und stringente Entscheidungen zugrunde liegen, die in Vorstandssitzungen mit festgelegten Budgets und einem Umsetzungszeitraum begrenzt auf drei Jahre getroffen wurden. Wenn dann ein unternehmenseigenes Lab aufgebaut oder in ein Startup investiert wurde, so sagen viele: "Wir sind fit für die Zukunft!" Führen die mitunter gar nicht mal so geringen Investments dann letztendlich zu Abschreibungen, so ist das am Ende nicht mehr als ein Rundungsfehler in der Bilanz.

Unternehmen lieben Effizienzinnovationen

Hierbei sind jedoch nicht böser Wille oder fachliche Fehleinschätzung der Grund. Es ist vielmehr unserem erlernten Verständnis für betriebswirtschaftliche Planbarkeit geschuldet. Clayton M. Christensen hat dies bereits 1997 in seinem Buch "Innovators Dilemma" thematisiert: Unternehmen lieben Effizienzinnovationen – und das sind auch die Innovationen, bei denen die Assekuranz durchaus Erfolge vorweisen kann. Definiert man Innovation allerdings anhand der "Vier Dimensionen des Innovationsraums" von John Bessant und Joe Tidd, so wird deutlich, dass die aktuellen Innovationsbemühungen der Assekuranz weitestgehend auf diese drei Aspekte abzielen: Produkt (Was biete ich an?), Prozess (Wie biete ich es an?) und Position (Wo biete ich es an?).
Die vierte und meiner Meinung nach elementarste Dimension stellt die meisten Versicherer noch immer vor große Herausforderungen: die Unternehmenskultur, Ideologie und Organisation (Paradigm). Fragen, die in diesem Zusammenhang aufkommen, führen oftmals zu unangenehmen Antworten oder werden mit einem Schulterzucken abgetan. Wenn aber Innovation in der Assekuranz ernst genommen werden soll, so müssen sich die Versicherer fragen, ob Innovation ein Teil der "DNA" des Unternehmens ist: Identifizieren sie interne Innovationstreiber und verschaffen sie diesen zeitliche Freiräume, um an neuen Themen zu arbeiten?
Werden ihnen Methoden, Tools und Coaches zur Unterstützung im Innovationsprozess zur Seite gestellt? Werden wirkliche Innovationsbudgets geschaffen, die einem relevanten Prozentsatz der (noch) hohen Branchengewinne entsprechen? Werden Kunden als Treiber in Innovationsprozesse integriert, um wirkliche Bedürfnisbefriedigung zu erzeugen? Und wird akzeptiert, dass zuvor getätigte Annahmen falsch sind? Gibt es eine Unternehmensstrategie, die klar formuliert, was das Unternehmen unter Innovation versteht und welche konkreten Maßnahmen hierfür umgesetzt werden.
Werden externe und interne Innovationsunits in die bestehenden Geschäftsmodelle integriert, anstatt ausschließlich "schöne Use Cases" auf der grünen Wiese zu produzieren? Wird noch in vertikalen Unternehmensbereichen gearbeitet oder werden funktionsübergreifende Teams geschaffen, die mit entsprechenden Ressourcen wirkliche Umsetzungen vorantreiben können? Und ist man bereit das eigene Geschäftsmodell zu disruptieren, bevor es andere tun?
Wer sich intensiv mit diesen Fragen sowie mit den entsprechenden Schlussfolgerungen für das Unternehmen auseinandersetzt, wird schnell feststellen, dass Innovation keine Business Unit ist. Gelebte Innovation bedeutet ein unternehmensumspannendes Verständnis, das Veränderung, Anpassung und ständigen Wandel in den Mittelpunkt aller Aktivitäten stellt und diese als Chance und nicht als Bedrohung versteht.
Die Assekuranz steht zweifelsohne noch am Anfang dieses Lernprozesses. Dennoch ist branchenweit ein ernsthafter Änderungswille spürbar. Wenn sich die Assekuranz noch intensiver auch mit den unangenehmen Fragestellungen auseinandersetzt, dann hat sie langfristig das Potenzial, eine tatsächlich innovative Branche zu werden.
Bild: Sascha Noack, Head of New Players Network und Innovation Manager beim Insurance Innovation Lab in Leipzig. (Quelle: privat)
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