Köpfe & Positionen

Sphinx – Gedanken im Oktober

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Von Meinhard Miegel. "Wir haben verstanden" erklärten demütig die in der Bundestagswahl vom Wahlvolk gebeutelten Parteien. Wir haben verstanden. Das zu sagen war kühn, wahrscheinlich sogar tollkühn. Denn lässt sich die Sphinx "Wahlvolk" überhaupt verstehen? Oder spricht sie nicht vielmehr in dunklen, oft unlösbaren Rätseln? Da echauffiert sich ein wackerer Dörfler über die Verödung seiner ländlichen Gemeinde.
Kein Arzt und kein Apotheker, kein Bäcker und kein Metzger mehr. Leerstehende Häuser und Wohnungen. Ihre Bewohner sind in Ballungsgebiete gezogen. Dort fordern sie lautstark "bezahlbaren Wohnraum". Es muss mehr gebaut werden.
Das aber soll nicht zu einer zusätzlichen Versiegelung von Flächen führen. Schützt die Natur! Schützt die Vielfalt der Arten! Doch wie, wenn zugleich Straßen und Autobahnen, Flughäfen und Schienennetze immer weiter ausgebaut werden. Das nämlich muss sein. Das Wahlvolk will seinen Mobilitätsdrang ungehemmt ausleben können.
Und dann die Renten. Die müssen sicher sein und verlässlich steigen. Keine Armut im Alter! Wo künftig die Arbeitskräfte herkommen sollen, die das ermöglichen, beschäftigt die meisten allenfalls beiläufig. Für sie rangiert die Erfüllung von Kinderwünschen deutlich hinter Karriere und hohem materiellen Lebensstandard und zwar jetzt.
Dass hierdurch entstehende Bevölkerungslücken nicht mit Zuwanderern zu schließen sind, versteht sich für sie von selbst. Da heißt es keck: "Wir machen unsere Deutschen selbst." Und wie? Wie immer. Mit Geld. Mehr Geld für Kinder, Eltern, Kitas, Schulen. Bei einem Schuldenberg von weit über zwei Billionen Euro kommt es auf ein paar hundert Milliarden offenbar nicht mehr an. Wen schert es, wenn eben diese Schulden just jenen auf die Füße fallen, für die sie heute gemacht werden.
Vor allem aber sichere Grenzen und streng reglementierte Zugänge. Die sind so unverzichtbar wie die Segnungen der Globalisierung: für alle und jeden in diesem Land spottbillige Güter und Dienste. Was zählt sind die Rosinen im Globalisierungskuchen. Für die Ausbeutung, die Umweltschäden oder die Massenmigration haben viele kein Auge. Das soll Frontex richten.
Was in den zurückliegenden Wochen an geballter Naivität, an Widersprüchen und Ungereimtheiten zu besichtigen war, geht über bislang Gewohntes hinaus. "Es ist Zeit" plakatierte eine der Parteien. In der Tat. Es ist Zeit, dass die Politiker dem Wahlvolk sagen: Wir verstehen Dich nicht länger. Dein Begehren ergibt immer öfter keinen Sinn.
Hinzufügen müssten sie allerdings: Wir Politiker tragen hieran ein gerütteltes Maß an Mitverantwortung. Denn wir haben bei Dir viel zu lange den Glauben genährt, wir könnten die Gesetze der Logik außer Kraft setzen. Es ist Zeit, hier Klarheit zu schaffen. Dazu aufgerufen sind neben Wahlvolk und Politikern Zivilgesellschaft und Medien. Sie alle haben sich verheddert in zunehmend unerfüllbaren Wünschen und Forderungen. Wenn wieder mehr Nüchternheit und Gemeinsinn im Denken und Handeln der Gesellschaft Platz griffen, würde dies nicht nur die anstehenden Koalitionsverhandlungen erleichtern, sondern dieses Gemeinwesen auch auf Dauer regierbar halten.
Autor: Meinhard Miegel (Stiftung kulturelle Erneuerung)
Bild: Sphinx (Quelle: fritzdeluxe / PIXELIO / www.pixelio.de)
Meinung · Meinhard Miegel · Wahlen · Bundestagswahl 2017
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