Köpfe & Positionen

"Viele wollen unter diesen Bedingungen nicht arbeiten"

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
In Deutschland ist es um die Pflege bekanntlich nicht sonderlich gut bestellt. Das weiß natürlich auch Franz Wagner, Präsident des Deutschen Pflegerats. Wagner kennt die Lage genau und bewertet die Vorschläge von SPD-Parteichef Martin Schulz, der im Falle der Kanzlerschaft einen Pflegeneustart verspricht, nicht über. Frei von Hoffnung ist er beim Thema Pflege aber nicht.
Der sozialdemokratische Kanzlerkandidat macht bei seinen Ankündigungen für die Pflege keine halben Sachen. Er will mehr Pflegekräfte, einen besseren Personalschlüssel in den Heimen und die Anzahl der Plätze erhöhen. Eine bessere Bezahlung der Kräfte gibt es obendrauf. Das würde Milliarden Euro kosten, das weiß auch Wagner, wie er im Interview mit dem Deutschlandfunk erklärt: "Die Schwierigkeit ist immer die konkrete Umsetzung und dann auch hochgerechnet auf die Zahl von Köpfen, die zum Beispiel zusätzlich beschäftigt werden müssten, sind das natürlich auch erhebliche Summen, um die es geht."
Eine konkrete Zahl kann er aufgrund der vielen Variationen bei den Verbesserungen nicht nennen, günstig zu haben ist Qualität nicht. "Wir reden hier sicher von Milliarden, die das mehr kosten würde, wenn ich tatsächlich eine bessere Personaldarstellung haben möchte", erläutert der Pflegeexperte. Auf die Frage nach der Finanzierung antwortet er mit einem Vorschlag, der die Krankenkassen an den Rand einer Gallenkolik bringen dürfte: "Die Krankenkassen haben in der letzten Zeit doch erhebliche Einnahmeüberschüsse erzielt. Da wäre eine Ressource."

Angst vor der Unselbstständigkeit

Immer mehr Menschen wollen zu Hause alt werden und scheuen die Pflege im Heim. Laut Wagner kein unbezahlbarer Wunsch: "Wenn häusliche Versorgung klappt, ist das immer erst mal günstiger." Eine ambulante Pflege muss aber durch Familie, Nachbarn oder Initiativen unterstützt werden, um gute Ergebnisse zu erziele, erklärt Wagner.
Mit den Lösungsvorschlägen der Parteien ist Wagner unzufrieden, hat aber auch Verständnis: "Das sind eher auf einer sehr abstrakten Ebene formulierte Forderungen wie mehr Personal, bessere Versorgung, gute Versorgung." Er gibt aber zu: "Das ist ein sehr, sehr komplexes Thema."

Deutschland sucht den Pfleger

Bei der Frage nach geeignetem Personal hat Wagner eine Idee, die über die Anwerbung ausländischer Fachkräfte hinausgeht: "Wir haben 60 bis 70 Prozent Teilzeitarbeit in den Pflegeberufen. Wenn wir es schaffen würden, dass die einzelne Pflegende mehr Stunden pro Woche arbeitet, hätten wir ein riesiges Potenzial, wo wir kurzfristig etwas verändern können."
Weiter führt er aus: "Wir haben Zehntausende von Menschen, die haben eine Pflegeausbildung, die arbeiten nicht mehr in dem Beruf, weil sie sagen, nicht unter diesen Bedingungen." Ab kommenden Montag hat eine neue Regierung vier Jahre Zeit, die Pflege zu verbessern. (vwh/mv)
Bild: Pflege (Quelle: Axa)
Pflege · Franz Wagner
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