Köpfe & Positionen

Flohwalzer im Handyladen

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Von Meinhard Miegel. Der Verkäufer im Handyladen ist offenbar ein erfahrener Mann. Unaufgefordert erklärt er seinem verdutzten Kunden, dass dieser für allenfalls ein Zehntel der Funktionen seines soeben erworbenen Smartphones Verwendung haben dürfte. Um alles, was darüber hinausgehe, solle er sich nicht kümmern. Das frustriere nur. Denn schließlich solle das Gerät ja für ihn und nicht er für das Gerät da sein.
Was zunächst wie eine dieser trivialen Episoden im anhaltenden Ringen des Menschen mit der Technik anmutet, erweist sich bei näherem Hinsehen als etwas sehr Grundsätzliches. Worüber wird in Büros und Fabrikhallen, in Universitätsmensen und Betriebskantinen seit vielen Jahren tagein, tagaus geredet und nicht selten geflucht? Diese unberechenbare und mitunter geradezu heimtückische IT-Technik, die urplötzlich große Datenmengen verschwinden lässt, sich beharrlich weigert, Unerwünschtes zu löschen, die aberwitzigsten Verknüpfungen herstellt und die einfachsten Operationen nicht auszuführen vermag.
Zwar liegen alledem zumeist Bedienungsfehler zugrunde. Diese zu vermeiden und gewandt mit moderner Technik umzugehen, erfordert viel Zeit und Übung. Für anderes bleibt da wenig Raum. Wer andere Prioritäten hat, muss sich damit abfinden, dass er es auf seinem Computer oder Smartphone nicht weiterbringt als das Klavier spielende Kind, dessen Künste im Flohwalzer gipfeln.
Bis heute wird darüber gerätselt, warum diese gigantische digitale Revolution das Leben vieler Menschen zwar nachhaltig verändert, aber nur selten wirklich verbessert. Verglichen mit dem flächendeckenden Ausbau von Wasserzu- und -ableitungen, der Elektrizität oder den Verkehrswegen sind ihre Wirkungen bei aller Unüberschaubarkeit merkwürdig begrenzt. Deutlich messbare, wohlstandsmehrende Schübe hat sie jedenfalls bis heute nicht ausgelöst.
Hierfür werden zahlreiche Gründe genannt. Häufig unerwähnt bleibt dabei allerdings, dass moderne Technik mit Funktionen überfrachtet worden ist, für die die meisten keinen Bedarf haben, die sie aber belasten. Von Nutzlosem zu viel, von Notwendigem zu wenig. Dieser Trend vieler neuer Entwicklungen gilt auch für die Technik und für sie sogar besonders. Hybris allerorten, vom simplen Zimmerthermometer, das nicht ohne Gebrauchsanweisung auskommt bis hin zum hoch gezüchteten Küchenherd, in dessen Geheimnisse eine vierzigseitige Schrift einweiht.
Wie sagte der Verkäufer im Handyladen? Das Gerät solle für den Nutzer und nicht der Nutzer für das Gerät da sein. Wie treffend. Doch von dieser Maxime haben sich große Teile der Technik weit entfernt. Immer häufiger kreisen sie nicht nur um sich selbst, sondern haben sich auch dazu aufgeschwungen, das Handeln der Menschen zu steuern. Diese bleiben mit ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen zurück – auch das Ausdruck einer fehlgeleiteten Kultur.
Bildquelle: Michael Grabscheit / PIXELIO (www.pixelio.de)
Meinhard Miegel
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