Politik & Regulierung

Neue Medikamente zuerst an Private - ein Vorteil für alle?

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Von neuen Medikamenten profitieren zuerst Privatpatienten. "In den Jahren nach der Zulassung innovativer Arzneimittel haben Privatversicherte einen deutlich überproportionalen Nutzungsanteil", schreibt das wissenschaftliche Institut der PKV (WIP). Ob die Information in der aktuellen Polit-Diskussion um die Krankenversicherung gut ankommt, darf bezweifelt werden.
Privatversicherte profitieren von besseren Leistungen und würden durch geringere Kosten zusätzlich besser gestellt, so der Vorwurf von Kritikern des Systems. Die Mitteilung des WIP scheint die These zu bestätigen. Die Zahl abgegebener Packungen von neuen Medikamenten nahm bei PKV-Versicherten im ersten Jahr nach deren Markteintritt um 108,4 Prozent zu, in der GKV lediglich um 81,7 Prozent. Privatversicherte profitieren also zuerst von neuen Medikamenten, wie ein Mitarbeiter des WIP gegenüber VWheute bestätigte.
Im zweiten Jahr ist der Anstieg in der PKV immer noch deutlich höher als bei GKV-Versicherten, 34,1 zu 10,6 Prozent. Erst ab dem dritten Jahr ist die Zunahme bei den Verordnungszahlen in der GKV stärker. Die Ursache für die Ungleichheit ist laut WIP, dass ein Arzt erst nach abgeschlossener Preisverhandlung der GKV beurteilen könne, ob ein neues Mittel wirtschaftlich ist.
Die Intention von solchen Pressemitteilungen wie diese vom WIP ist klar. Die PKV betont ihre Rolle als Erneuerer im bestehenden Krankenversicherungssystem, die neue Medikamente oder Anwendungen vorantreiben, von denen auch die GKV-Patienten schlussendlich profitieren.
Der Vorstandschef der Debeka und des PKV-Verbandes Uwe Laue betonte kürzlich im VWheute-Sommerinterview: "Ich bin davon überzeugt, dass sich die Menschen mehr denn je keinen Radikalumbau unseres dualen Krankenversicherungssystems wünschen. Sie wissen, dass alle Patienten von kurzen Wartezeiten, freier Arztwahl und einer schnellen Teilhabe am medizinischen Fortschritt profitieren."

Zweifel sind angebracht

Wie die Deutschen in der Gesamtheit über das duale System denken, weiß niemand. Dass aber rund 90 Prozent der Bevölkerung in der GKV versichert sind, das ist bekannt.
Das sich die gesetzlich Versicherten durch die WIP-Zahlen eher als zweite Geige sehen, anstatt als Nutznießer eines durch PKV-Innovationen getriebenen dualen Systems, ist eine wahrscheinliche Annahme. Ob das Gefühl der Benachteiligung letztlich den Tatsachen entspricht, ist eine andere Frage. Wenn aktuelle politische Debatten aber eines gezeigt haben, dann das gefühlte Wahrheiten eine große Suggestionskraft haben.

"Neu" heißt nicht unbedingt "besser"

Aus einer ganz anderen Richtung wird ebenfalls Kritik an der bevorzugten Vergabe von neuen Medikamenten an Privatpatienten laut. Diese wären oft mehr Schein als Sein, so der GKV-Spitzenverband: "Die mittel- und langfristigen Nebenwirkungen bei neuen Medikamenten sind noch unbekannt. Deshalb ist es häufig besser, bewährte Medikamente zu nutzen, als neue, von denen man noch nicht mal weiß, ob sie überhaupt einen zusätzlichen Nutzen für die Versicherten haben. Dass ein Medikament neu ist, bedeutet noch lange nicht, dass es auch eine Innovation ist. Fachleute sprechen deshalb häufig von Schein-Innovationen. Es ist bedauerlich, dass die PKV immer noch 'neu' mit 'besser' gleichsetzt."
Wie der Rezipient Meldungen von PKV-nahen Institutionen interpretiert, dürfte für die Meinungsbildung in Sachen Bürgerversicherung nicht unwesentlich sein. Eine mögliche Deutung contra PKV kann werder vom WIP noch vom PKV-Verbandes gewünscht sein. Am 24. September ist Bundestagswahl. (vwh/mv)
Bild: Medikament (Quelle: Klicker / PIXELIO / www.pixelio.de)
Grafikquelle: Verband der Ersatzkassen
PKV · Bürgerversicherung · GKV · Medikamente
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