Politik & Regulierung

Tarif-Vertrag: Das strategische Dilemma von Verdi

Von Dominic EggerTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Kommentar von Dominic Egger. Auf Messers Schneide steht heute der Tarif-Vertrag in der Versicherungsbranche. Die Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und dem Arbeitgeberverband scheiterten Anfang Juni nach drei Terminen. Wochen vergingen bis man sich überhaupt auf das heutige Sondierungsgespräch einigte. Beim Gehalt besteht Dissenz, doch das eigentliche Problem der Verhandlungen liegt an ganz anderer Stelle.
Erst bot der Arbeitgeberverband AGV drei Prozent mehr Gehalt über drei Jahre – für die Gewerkschaft ein "respektloses Angebot" – dann besserte der AGV mit 3,3 Prozent nach. Ein "Affront" in Augen der Verdi-Vertreter. Seither lässt die Gewerkschaft immer wieder die Muskeln spielen, hält Warnstreiks an Versicherungsstandorten in ganz Deutschland ab. Doch eines kann das Imponiergehabe nicht verhehlen.
Die Gewerkschaft steht vor einem strategischen Dilemma: Den Beschäftigten und zahlenden Mitgliedern sitzt der digitalisierungsbedingte Stellenabbau im Nacken. Für über 60 Prozent der befragten Innendienstler ist eine tarifvertragliche Regelung der Beschäftigungssicherung "sehr wichtig", weniger als die Hälfte stuft eine deutliche Anhebung der Gehälter ebenso hoch ein, das ergab eine Verdi-Umfrage. Konsequenterweise will die Gewerkschaft mit dem AGV über einen "Zukunftstarifvertrag Digitalisierung" verhandeln.
Digitalisierung für alle, und zwar sofort!
"Spielregeln und Leitplanken" für die digitale Transformation aller Versicherungsunternehmen soll dieser festlegen. Andernfalls, warnt Verdi, erhielten jene Firmen den größten Wettbewerbsvorteil, die bei der Umstellung auf Digital am wenigsten Rücksicht auf die Beschäftigten nähmen.
Konkret will Verdi den branchenweiten Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen bis zum 31. Dezember 2020, ein Rückkehrrecht für Teilzeitbeschäftigte in Vollzeit sowie den Rechtsanspruch auf Altersteilzeit in Unternehmen mit Personalabbauplanungen. Außerdem soll die Versicherungswirtschaft einen Qualifizierungsfonds auflegen, der bis zu zehn Weiterbildungstage für die Mitarbeiter aller Unternehmen gleichermaßen finanziert, um sie eine "digitale Zukunft" fit zu machen.
Verhandeln wollen, wo nichts zu verhandeln ist
Genau hier steckt Verdi in einer Sackgasse. Hinter der "Renewal Agenda" der Allianz oder der "Ambition 2020" der Axa steckt der unbedingte Wille der Platzhirsche, die digitale Transformation des eigenen Unternehmens so schnell so weit zu treiben, dass die Konkurrenz meilenweit zurückfällt. Darum investieren jene Akteure, die den Schuss gehört haben, in Labs, Hubs sowie die konzerneigene IT – und das nicht zu knapp.
Warum sollten diese Early Adopter den Digitalisierungsmuffeln von nebenan unter die Arme greifen? Warum sollten die Konzerne darauf verzichten, Personal abzubauen, das nicht mehr gebraucht wird, wenn – wie bei der VKB bereits erprobt – IBM Watson das Beschwerdemanagement komplett übernommen haben wird?

Eskalieren oder einlenken?

Nein, ein Einlenken des AGV in Sachen Digitalisierung braucht Verdi nicht zu erwarten, er besitzt schlicht und einfach kein Mandat, dies für seine Mitglieder zu verhandeln, wie AGV-Präsident Andreas Eurich betont. Ob die Gewerkschaften Verdi, DBV und DHV zusammen genug Beschäftigte aus den Betrieben auf die Straße bringen, um die deutsche Versicherungswirtschaft lahm zu legen, ist wenig wahrscheinlich. Schließlich ist der Organisationsgrad, der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder unter den Beschäftigten bis auf wenige Standorte gering.
Bleibt Verdi bei seiner harten Linie, nicht ohne das Thema Digitalisierung zu verhandeln, bringt das heutige Sondierungsgespräch wohl keine Fortsetzung der Gespräche. Dann wird Verdi versuchen, die Streiks zu intensivieren. Wie lange die Gewerkschaft dies durchhält, wird man sehen.
AGV · Verdi · Digitalisierung · Tarifverhandlungen
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