Köpfe & Positionen

"Lebensversicherer sind nicht existenzgefährdet"

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Der Stabilitätsausschuss der Bundesregierung sieht in der Niedrigzinsphase Gefahren für die Lebensversicherung. Die erwirtschafteten Erträge würden die langfristigen Verpflichtungen nicht decken. VWheute sprach darüber mit Guido Bader, Vorstand der Stuttgarter Versicherungen und stellv. Vorsitzender der Deutschen Aktuarsvereinigung.
VWheute: Der Ausschuss für Finanzstabilität der Bundesregierung sieht die Gefahr, dass die erwirtschafteten Erträge der Lebensversicherung nicht mehr ausreichen, um den langfristigen Verpflichtungen nachzukommen und warnt daher vor den Auswirkungen der Niedrigzinsen auf die Lebensversicherungsbranche. Wie bewerten Sie diese Aussage?
Guido Bader: Diese Aussage muss man vorsichtig und differenziert bewerten. Letztlich hängt die Fähigkeit der Lebensversicherer, ihren Verpflichtungen langfristig nachzukommen, ganz entscheidend vom tatsächlichen Zinsniveau und der gesamten Kapitalmarktentwicklung der nächsten Jahre ab. Und damit meine ich nicht nur einen Zeitraum von fünf bis zehn Jahren. Beim heutigen Zinsniveau und den aktuellen Signalen der EZB sehe ich die Lebensversicherungsbranche allerdings nicht gefährdet. Das sähe anders aus bei stark negativen Zinsen über eine lange Zeitspanne hinweg. Derzeit rechnen die Märkte mittelfristig aber eher mit leicht steigenden oder stabilen Zinsniveaus. Problematisch für die Branche könnte aber - selbst bei leicht steigenden Zinsen - die HGB-Bilanzierung werden.
VWheute: Und was ist hier mit der Zinszusatzreserve?
Knackpunkt ist die von den Unternehmen zu bildende Zinszusatzreserve. Hier besteht dringender Handlungsbedarf, um nicht langfristig überlebensfähige Unternehmen durch überzogene Bilanzierungsvorschriften kurzfristig zu überfordern. Die Notwendigkeit einer Anpassung dieser Bilanzierungsvorschrift scheint derzeit politischer Konsens zu sein. Es muss jetzt aber sichergestellt werden, dass die entsprechende Rechtsverordnung sofort nach der Bundestagswahl geändert wird, um bereits im Bilanzjahr 2018 Wirkung zu entfalten.
Aber selbst wenn im aktuellen Zinsumfeld einzelne Unternehmen ihre Garantien nicht mehr vollumfänglich erfüllen könnten, würde dies die Branche per se nicht gefährden. In einem solchen Fall müssten die zukünftigen garantierten Zinsgutschriften reduziert werden, kein Versicherungsnehmer würde jedoch bereits angespartes Vermögen verlieren.
VWheute: Mehrere deutsche Lebensversicherer haben entschieden, ihr Neugeschäft einzustellen und den bestehenden Versicherungsbestand
abzuwickeln. Diese befinden sich im RunOff. Der Ausschuss bewertet das positiv. Ist dem so und hat der Ausschuss recht?
Guido Bader: Die Einstellung des Neugeschäfts führt bei einem Lebensversicherer - nach anfänglichen Restrukturierungsaufwänden - tatsächlich zu Kostengewinnen. Diese tragen kurz- bis mittelfristig zur Stabilisierung der Finanzlage bei. Später, wenn der Bestand stark geschrumpft ist, kommt es dann aber zu Fixkostenproblemen, welche nicht auftreten, wenn die RunOff-Gesellschaft Teil eines größeren Verbundes ist. Mögliche Kostengewinne sind aber meist deutlich kleiner als die Aufwände für die Zinsgarantien. Die stabilisierende Wirkung ist damit begrenzt. In wieweit im RunOff Risiken reduziert werden, die auf Basis der neuen Solvenzregeln nicht ohnehin schon reduziert wurden, muss ebenso kritisch hinterfragt werden. Insoweit wird hier vielleicht die positive Wirkung der RunOffs auf die Stabilität der Lebensversicherungsbranche überschätzt.
VWheute: Solvency II zeige bei starker Variation zwischen den einzelnen Versicherungsunternehmen hinreichend hohe Solvenzquoten der deutschen Lebensversicherer, schreibt der Ausschuss. Ist das nicht ein Widerspruch zur Aussage des Ausschusses über die mangelnde Stabilität der Lebensversicherung?
Guido Bader: Einen direkten Widerspruch kann ich hier nicht erkennen. SolvencyII ist eine Momentaufnahme, die die Finanzstärke der Unternehmen auf Grundlage der aktuellen Kapitalmarkt- und insbesondere der Zinssituation bewertet. In diese Bewertung fließen unzählige Annahmen über die Zukunft ein, teils vorgegeben durch den Gesetzgeber, teils durch die Unternehmen selbst festzulegen. Verändern sich die Marktparameter oder verändern sich die Modelle und Annahmen, so werden wir starke Schwankungen in den Solvenzquoten erleben. Vor diesem Hintergrund müssen die jüngst veröffentlichten Solvenzquoten mit großer Vorsicht gelesen und interpretiert werden. Der Ausschuss hingegen bewertet die Lage der Lebensversicherer aus einem langfristigen Blickwinkel. Würden die Zinsen über Jahre hinweg weiter sinken, so wäre das eine ernsthafte Belastung für die Branche. In einem solchen Szenario würden sich dann auch die Solvenzquoten sukzessive verschlechtern. Aber wie gesagt: Dieses Szenario halte ich derzeit für unwahrscheinlich. (vwh)
Das Interview führte VWheute-Korrespondent Wolfgang Otte.
Bild: Guido Bader (Quelle: Stuttgarter)
Lebensversicherung · Stuttgarter · Guido Bader
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