Köpfe & Positionen

Gedanken im Juni: Wahnsinnig toll

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Von Meinhard Miegel. Die Sprache gilt vielen als die höchste kulturelle Leistung des Menschen. Umso aufschlussreicher ist daher, wie eine Gesellschaft mit ihr umgeht. Dabei steht außer Frage, dass sie sich ständig verändert, durch andere Sprachen bereichert wird und umgekehrt andere bereichert. Auch ist sie immer wieder mehr oder minder modischen Trends unterworfen, die sie einmal modern und dann wieder altbacken erscheinen lassen. Eine Sprache lebt.
Auf das Deutsche gewendet scheint sich dieses derzeit in einer besonders lebhaften Phase zu befinden. Nicht nur, dass es seit geraumer Zeit Anglizismen wie ein Schwamm aufsaugt und seine Grammatik auf das Rudimentärste beschränkt. Zugleich schwelgt es in Superlativen und maßlosen Übertreibungen.
Da soll eine junge Frau vor laufender Kamera ihre Eindrücke von einem Dorffest wiedergeben und kommt über ein "wahnsinnig toll", das aber dreimal binnen einer Minute nicht hinaus. Da flattert eine Einladung zu einer kleinen Familienfeier ins Haus, in der der Absender dem Eingeladenen versichert, dass man sich über sein Kommen "irrsinnig freuen" würde. Und so geht es weiter.
Steuert jemand in einem Gespräch ein paar Belanglosigkeiten bei, wird ihm sogleich bekundet, dass diese höchst interessant seien. Dem Prädikat "hervorragend", "super" oder "genial" ist kaum noch zu entkommen. Doch umgekehrt ist es ebenso leicht, in die Abgründe von "schrecklich", "entsetzlich", "Desaster“ oder "Chaos" zu stürzen.
Der Pfad zwischen exzessivem Jubel und nicht minder exzessiver Verdammung ist schmal geworden. Das Deutsche steht im Begriff, engbrüstig und atemlos zu werden. Es kommt daher wie ein Musikstück, das nur fortissimo und pianissimo kennt, sonst nichts. Das ist auf Dauer langweilig und ermüdend.
Denn eine Sprache lebt nicht zuletzt auch von ihren Nuancierungen und je feiner diese sind, desto lebendiger ist sie. Hieran gemessen ist die heutige Alltagssprache ungemein simpel, um nicht zu sagen grobschlächtig. Ihr nicht selten exaltiert hysterischer Gebrauch soll diese Dürftigkeit vermutlich überdecken. Aber vielleicht ist sie ja gerade darum ein getreues Spiegelbild unserer Kultur.
Autor: Meinhard Miegel, Stiftung kulturelle Erneuerung
Bildquelle: Dieter Schütz / PIXELIO / www.pixelio.de
Sprache
Auch interessant
Zurück
07.12.2018VWheute
Zeit - Gedanken im Dezember Noch nie hatten Menschen – weltweit, namentlich aber in den westlichen Industrieländern – so viel Zeit, Lebenszeit, wie …
Zeit - Gedanken im Dezember
Noch nie hatten Menschen – weltweit, namentlich aber in den westlichen Industrieländern – so viel Zeit, Lebenszeit, wie heute. Und wohl noch nie standen sie so unter Zeitdruck wie jetzt. Bereits Kleinkindern werden Stresssymptome attestiert, und …
14.11.2018VWheute
Gedanken im November: Volks­par­teien Wahlprognosen sind manchmal genau und manchmal ungenau. Doch in einem sind sie seit geraumer Zeit treffend: Die …
Gedanken im November: Volks­par­teien
Wahlprognosen sind manchmal genau und manchmal ungenau. Doch in einem sind sie seit geraumer Zeit treffend: Die großen Parteien – einst Volksparteien genannt – schrumpfen und kleine Parteien erstarken. Von Meinhard Miegel.
26.09.2018VWheute
Souve­rä­nität - Gedanken im September von Mein­hard Miegel Ein Gespenst geht um in Europa. Doch diesmal ist es nicht - wie Karl Marx vor 170 Jahren …
Souve­rä­nität - Gedanken im September von Mein­hard Miegel
Ein Gespenst geht um in Europa. Doch diesmal ist es nicht - wie Karl Marx vor 170 Jahren wähnte – das Gespenst des Kommunismus, sondern das Gespenst der Souveränität, das immer mehr in seinen Bann zu ziehen scheint. Wer …
15.06.2018VWheute
Wett­be­werb - Gedanken im Juni Amerika first. Italien, Ungarn, Polen first. Und was Staaten recht ist, ist Verbänden, Unternehmen und selbst …
Wett­be­werb - Gedanken im Juni
Amerika first. Italien, Ungarn, Polen first. Und was Staaten recht ist, ist Verbänden, Unternehmen und selbst Einzelpersonen billig. Alle wollen, dass ihre Interessen Vorrang genießen, sie an der Spitze stehen, Sieger sind. Der Weg dorthin? …
Weiter