Köpfe & Positionen

Gedanken im Mai: Brot und Spiele

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Von Meinhard Miegel. Das Militär, so heißt es mitunter, plane nicht selten Feldzüge, die in der Vergangenheit stattgefunden haben. Für kommende Herausforderungen fehlten ihm Vorstellungskraft und Einfühlungsvermögen. Über Bildungspolitiker ließe sich Ähnliches sagen. Auch sie schlagen oft Schlachten, die überholt sind.
So gilt ihr vorrangiges Interesse noch immer der Steigerung von Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit nachwachsender Generationen, ganz als ginge es wie vor fünfzig oder hundert Jahren weiterhin vor allem um die Schaffung und Sicherung materieller Existenzgrundlagen.
Doch dieses Kapitel ist zumindest in den wirtschaftlich hochentwickelten Ländern abgeschlossen. Diese sind eingetreten in eine historische Phase, in der – zunehmend am Menschen vorbei – die Versorgung mit materiellen Gütern und technischer Fortschritt ihren Weg gehen. Die Menschen bleiben zurück und verfolgen teils ungläubig, teils fassungslos, was um sie herum vorgeht.
Erwerbsarbeit als Lebenszweck hat sich für viele erübrigt. Sie werden nicht mehr gebraucht, um Brot zu backen, Häuser zu bauen, Steuererklärungen auszufüllen oder medizinische Diagnosen zu erstellen. Das alles wird künftig von wenigen im Verbund mit Bergen angehäuften Wissens und Kapital erledigt. Arbeitsplätze werden auf diese Weise massenhaft obsolet. Die Hoffnung, an ihre Stelle träten immer wieder neue, ist trügerisch. In den entwickelten Ländern hat sich jedenfalls die pro Kopf erbrachte Menge an Erwerbsarbeit in den zurückliegenden hundert Jahren mehr als halbiert.
Was aber heißt das für die Zukunft? Dass neue Instrumente für die Verteilung des erwerbsarbeitsfrei Erwirtschafteten entwickelt werden müssen, ist mittlerweile weithin erkannt. Nicht wirklich erkannt ist hingegen, dass es unter diesen Bedingungen wenig sinnvoll ist, die Kinder von heute auf eine Welt vorzubereiten, die wie jene der Vergangenheit um Erwerbsarbeit zentriert ist. Soll ihr Leben nicht nur aus Brot und Spielen bestehen, müssen sie vor allem eines lernen: ihrem Leben aus eigenem Antrieb einen Sinn zu geben, es nach Kräften selbst zu gestalten und sich selbst zu finden.
Nicht jedem wird das gelingen. Ob jedoch die oft einseitige Förderung von mathematischen, technischen und naturwissenschaftlichen Fähigkeiten im schulischen Fächerkanon hilfreich ist, künftigen Anforderungen zu genügen, muss bezweifelt werden. Jetzt dürfte es vielmehr darauf ankommen, die schöpferischen Potenziale und künstlerischen Begabungen von Kindern und Heranwachsenden zu wecken, ihre Gemeinschaftsfähigkeit und nicht zuletzt ihre Freude am Leben.
Die Kinder von heute müssen mit dem, was ihnen jetzt vermittelt wird, nicht nur die nächsten ein oder zwei Jahrzehnte, sondern auch noch die vierziger, fünfziger und sechziger Jahre meistern. Bemühen wir also unsere Vorstellungskraft und unser Einfühlungsvermögen, um diese Zukunft lebendig werden zu lassen. Vielleicht lässt sich dann das eine oder andere derzeitige Bildungskonzept doch noch verbessern.
Autor: Meinhard Miegel, Stiftung kulturelle Erneuerung
Bild: Bücher (Quelle: Manfred Walker / PIXELIO / www.pixelio.de)
Gedanken im Mai
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