Köpfe & Positionen

Kleinlein: Versicherer sind unethische Trendsetter

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Von Axel Kleinlein. Deutschland ist ein Hort unethisch handelnder Wirtschaftslenker. Knapp ein Viertel der deutschen Manager sind bereit für den eigenen Vorteil grundlegende ethische Werte über den Haufen zu werfen. Die deutsche Wirtschaftselite gehört im europäischen Vergleich in die Spitzengruppe: Die Finanzzahlen manipulieren, das eigene Management belügen oder die Aufsichtsbehörden täuschen?
Laut der jüngsten Umfrage von Ernst & Young nehmen gerade Deutsche hier Spitzenplätze ein. Besonders erschreckend: Der Nachwuchs, die Generation-Y der unter 35-jährigen, ist deutlich eher bereit, ethische Werte zu verletzen, als ältere Generationen. Ethisches Handeln kann durch anerkannte Regeln manifestiert werden, wie zum Beispiel dem kategorischen Imperativ von Kant. Oder aber man eignet sich ethisches Handeln an und orientiert sich dabei an Vorbildern. Wo kommen dann aber die unethischen Vorbilder her, die die Generation-Y geprägt haben?
Wo sind die Regeln, die unethisches Handeln erlauben, die als Blaupause für die Werte dieser jüngeren Generation dienen? Schnell kann man jetzt auf die gängigen Skandale verweisen: VW-Dieselgate oder der Budapest-Ergo-Prostitutions-Skandal sind schockierende einzelne Vorfälle. Noch schlimmer sind aber feste Strukturen, die unethisches Handeln über lange Zeit fördern und belohnen.
Fragwürdige Strukturen finden sich etwa in der Lebensversicherung, wo die Versicherungsbranche in Milliardenumfang seit Jahrzehnten den Kunden Gelder vorenthält. Beispiel Bewertungsreserven: Verbraucherschützer mussten bis vor das
Verfassungsgericht ziehen, damit den Versicherten der Anspruch auf diese Überschüsse bescheinigt wird. Wenige Jahre später hilft die Politik dann der Versicherungswirtschaft, den Kunden diese Gelder vorzuenthalten. Die Versicherer bedanken sich, indem sie dem Finanzminister seine schlecht verzinsten Wertpapiere abkaufen – mit Kundengeldern, versteht sich. Eine Hand wäscht die andere.
Kaum ein Verbraucher durchschaut dieses Geflecht. Aber der Großteil, hat am Ende seines Lebensversicherungsvertrages das diffuse Gefühl, von seinem Versicherer über den Tisch gezogen worden zu sein. Zu Vertragsbeginn wurden ihm hohe Zahlen vorgerechnet! Was am Ende ausgezahlt wird, ist meist aber deutlich weniger. Zugegeben, das was "versprochen" wurde, war eben immer nur "unverbindlich". Damit ist die Legalität stets gewahrt. Aber derartige Versprechen nicht einzuhalten, ist eben unethisch. Die Versicherungsunternehmen entpuppen sich als unzuverlässig, unglaubwürdig, unverbindlich, untreu – alles Attribute von zutiefst unethischem Verhalten.
Die fragwürdige Struktur der Lebensversicherung entpuppt sich in Bezug auf die Machenschaften rund um die Überschussbeteiligung also als unethisch. Die Versicherungsbranche selbst hinterfragt das aber nicht. Warum auch? Wie gesagt, es ist alles legal. Erst werden die Gesetze geändert oder das Kleingedruckte wird geschickt so
hingebogen, um dann ganz legal die Versicherten schmal zu halten. Aber Legalität ist eben kein Garant für ethische Korrektheit. Egal ob das erst ein paar Jahre so geht oder, wie bei den Lebensversicherern, über viele Jahrzehnte.
Die Akteure dieser Geschäfte bleiben dabei meist im Hintergrund. Welcher Bürger kennt schon die Wirtschaftslenker von Allianz oder Ergo? Einzig die Politiker, die sich in diesem Themenfeld tummeln, treten ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Und dann wird die Verquickung zwischen Politik und Finanzwirtschaft deutlich. Nach getaner Regierungsarbeit wechselt mancher Minister in die Vorstandsebenen der Unternehmen.
Früher war es anrüchig, wenn ein Politiker nach seiner aktiven Zeit genau bei denen viel Geld verdient, denen er in seiner politischen Zeit Vorteile verschafft hat. Aber besonders Finanzdienstleister haben gezeigt, dass derartige ethische Bedenken nicht ernst zu nehmen sind. Mittlerweile gibt es eine ganze Palette von Versicherungsprodukten, die
nach diesen Politikern benannt wurden. Aber alleine, einem solchen Produkt den Namen eines Ex-Ministers zu verpassen, macht es nicht besser.
Das Gut "Versicherung" ist an sich hochethisch, stellt es doch die Solidarität der Versicherten untereinander in den Mittelpunkt. Die Dienstleistung, die darin besteht, den Verbrauchern notwendigen und guten Versicherungsschutz zu besorgen, ist somit auch ethisch. Einzig wer diesen Nimbus des Ethischen für andere Zwecke missbraucht, handelt
unethisch. Und diese Zwecke können eben vielfältig sein: Gier, Macht oder nur die Freude, den eigenen Namen als Versicherungsprodukt verewigt zu sehen.
Bild: Axel Kleinlein ist Vorstandssprecher des Bundes der Versicherten. (Quelle: BdV)
Axel Klenlein
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