Politik & Regulierung

Werden Heimbewohner mit Psychoparmaka ruhig gestellt?

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
In deutschen Pflegeheimen erhält ein Teil der rund 800.000 Bewohner zu viele Psychoparmaka. Besonders stark betroffen seien dabei die rund 500.000 Demenzkranken. Dies geht aus dem neuen Pflegereport des AOK-Bundesverbandes hervor. Demnach erhielten rund 30 Prozent aller Heimbewohner ein Antidepressivum. Zudem bekommen 40 Prozent der Bewohner mit Demenz dauerhaft ein Neuroleptikum.
Dabei verstoße der Einsatz von Neuroleptika bei Pflegeheimbewohnern mit Demenz "gegen die Leitlinien", betont die Pharmakologin Petra Thürmann. "Neuroleptika werden als Medikamente zur Behandlung von krankhaften Wahnvorstellungen, sogenannten Psychosen, entwickelt. Nur ganz wenige Wirkstoffe sind zur Behandlung von Wahnvorstellungen bei Demenz zugelassen, und dann auch nur für eine kurze Therapiedauer von sechs Wochen", erläutert die Professorin im Hinblick auf unerwünschte Nebenwirkungen wie Stürze, Schlaganfälle oder Thrombosen.
Dabei gehe es nach Ansicht der Experten auch anders, wie die Zahlen aus dem Ausland belegen würden. Während 54 Prozent der spanischen und 47 Prozent der demenzkranken Heimbewohner in Deutschkand Neuroleptika erhalten, sind es nur zwölf Prozent in Schweden und 30 Prozent in Finnland. "Um den Psychopharmaka-Einsatz in Pflegeheimen zu reduzieren, sollte sichergestellt werden, dass nicht-medikamentöse Ansätze im Arbeitsalltag stärker etabliert werden", fordert Antje Schwinger vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO).
Zudem kommt der AOK-Report zu dem Ergebnis, diese alternativen Ansätze auch häufig umgesetzt würden. So geben laut Umfrage 67 Prozent der Pflegekräfte an, dass in ihrem Heim spezielle Pflegekonzepte zum Einsatz kommen. Rund die Hälfte der Befragten (52 Prozent) verwende zudem Assessment-Instrumente. Auch Fallbesprechungen, kognitive und sensorische Verfahren werden laut AOK in der Pflege. Gleichzeitig geben 56 Prozent der Befragten hingegen an, dass Zeitdruck die Umsetzung nicht-medikamentöser Verfahren teilweise beeinträchtige oder verhindere.
Dennoch sei der bewusste und kritische Umgang mit Psychopharmaka eine Teamaufgabe von Ärzten, Pflegeheimbetreibern, Pflegekräften und Apothekern, die Pflegeheime betreuen, fordert die AOK. Vor allem die behandelnden Ärzte, aber auch Pflegeheimbetreiber seien hier in der Verantwortung für eine leitliniengerechte Medizin. "Ärzte stehen in der Pflicht, diese Medikamente nur dann einzusetzen, wenn es nicht anders geht und auch nur so kurz wie möglich. Und Pflegeheimbetreiber müssen ergänzend den Einsatz nicht-medikamentöser Versorgungsansätze fördern", erläutert Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes. (vwh/td)
Bildquelle: Karl-Heinz-Laube / PIXELIO (www.pixelio.de)
Pflege · AOK-Bundesverband · Psychopharmaka
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