Schlaglicht

"Versicherer haben ihr Gleichgewicht verloren"

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Von MdB Susanna Karawanskij. Lebensversicherungen waren lange Zeit der Deutschen liebstes Kind in der Altersvorsorge. Doch in den vergangenen Jahren haben diese Altersvorsorgeinstrumente mehr als nur kleine Wunden abbekommen. Wie ist das zu erklären? Die Niedrigzinsphase ist gewiss eine Herausforderung, aber noch lange kein Untergang.
In der Antwort auf meine Kleine Anfrage (BT-Drs. 18/11076) führt die Bundesregierung aus, dass zurzeit alle konservativ ausgerichteten Anlageprodukte eine rückläufige Rendite verzeichnen. Ferner bestätigt man zwar, dass Versicherer aufgrund ihrer vergleichsweise länger laufenden Verbindlichkeiten stärker vom Niedrigzinsumfeld betroffen sind, jedoch seien die deutschen Lebensversicherer generell stabil.
Nein, die "Zinsdurststrecke" ist nicht allein die Schuldige. Für die oben erwähnten Wunden waren ebenso die politischen Reformen (LVRG) verantwortlich. Es schafft nicht gerade Vertrauen bei Verbrauchern, wenn während der Vertragslaufzeit plötzlich Bewertungsreserven gekürzt werden dürfen. Es sorgt ebenso wenig für Vertrauen, wenn die Überschussbeteiligungen immer geringer werden.

Versicherer nagen nicht am Hungertuch

Betrachtet man daneben Zahlen, welche belegen, dass viele, gerade größere, Versicherer nicht am Hungertuch nagen, gleichwohl häufig recht schnell bei den Gewinnen gekürzt wird, die mit dem Geld der Kunden erwirtschaftet wurden und ihnen zu Gute kommen sollen, scheint etwas aus dem Gleichgewicht geraten zu sein.
Die Kapitallebensversicherung steckt nicht nur in einer Renditekrise, sondern auch in einer Vertrauenskrise. Starken Schaden fügten die Versicherer ihrem Vorzeigeprodukt selbst zu, indem sie im Kampf um Marktanteile in den 1990er Jahren viel zu hohe Garantien auslobten. Man hatte nicht im Blick, dass auch magere Zinszeiten kommen. Doch das sollen nun bitte nicht die Verbraucher, vor allem die mit "frischeren" Verträgen, ausbaden müssen.
Die Branche reagiert auf die hausgemachten Probleme, indem man sich von den Klassikprodukten verabschiedet. Doch manche Kunden wollen weiterhin ein Produkt in Art einer Lebensversicherung, weil der Begriff Lebensversicherung vertrauenserweckend wirkt. In diesem Fall ist es geboten, das Produkt auch unter den Bedingungen von Solvency II wetterfest zu machen.

Wegfall der Klassik nicht unbedingt schlecht

Versicherer müssen für lange Garantien mehr Kapital hinterlegen, dabei steigt die ohnehin schon stetig wachsende Zinszusatzreserve. Dieses Geld fehlt dann Kunden auf ihren Konten. Der Aufbau der Sicherheiten müsste demnach zeitlich gestreckt und zeitweilig sogar gestoppt werden können.
Ein weiteres Problem sind die "neuartigen Garantien", die sehr unterschiedlich und komplex sind. Auch deswegen kommen diese bei Verbrauchern nicht an. Doch das Wegfallen der Klassik muss nicht nur schlecht sein. Garantien sind für die Kunden immer "teuer". Je länger der Anlagehorizont ist, desto verzichtbarer sind umfassende Garantien.
Fallen diese weg, kann mehr Geld der Kunden renditesteigernd angelegt werden. Trotzdem: Dies bringt wiederum größere Finanzmarkt-Risiken mit sich. Letztlich ist die Koppelung der Altersvorsorge an die Entwicklung der Finanzmärkte stets mit Vorsicht zu genießen. Denn ob "Neue Klassik" oder alte Garantien: Mit der Altersvorsorge breiter Bevölkerungsschichten zockt man nicht.
Bild: Susanna Karawanskij, Die Linke (Quelle: Die Linke)

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Altersvorsorge · Lebensversicherung · Susanna Karawanskij
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