Schlaglicht

"Je sicherer wir uns fühlen, desto unsicherer leben wir"

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Wie pessimistisch die Deutschen sind, bestätigt einmal mehr eine Umfrage des YouGov-Instituts im Auftrag der Canada Life. Die Deutschen fürchten sich mehr vor Terroristen als vor den Bedrohungen des Alltags, berichtet Value in der Dezember-Ausgabe. Wir sprachen über die Phobien mit dem Mediziner und Publizisten Klaus Heilmann. Er erklärt, warum wir trotz unserer Ängste so lange leben.
VWheute: Was verstehen Sie unter der "German Angst"?
Heilmann: Die "German Angst" ist im eigentlichen Sinn keine Angst sondern eine Sorge, ein kollektives, zukunftsgerichtetes Gefühl, dass etwas Unerfreuliches kommen könnte. Derartige Gefühle sind in Bezug auf die Themen Terror, Altersarmut oder Klimawandel variabel und situationsbedingt und können national sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Je sicherer wir uns fühlen, desto unsicherer leben wir.
VWheute: Nun steht in Europa und in Übersee die Angst vor Terror ganz oben.
Heilmann: Das stimmt. Lediglich bei den Deutschen rangieren die Risiken von Krankheiten und bei den Kanadiern die des Klimawandels noch vor denen des Terrorismus. Angst vor einem IS gesteuerten Terrorismus ist sehr real und somit verständlich, ebenso, dass sie in Deutschland und Irland ausgeprägter ist als in den USA und Kanada.
VWheute: Was sind für diese Ängste die ausschlaggebenden Gründe?
Heilmann: Terrorismus ist eine neue Variante von Krieg und deshalb so sehr gefürchtet, weil niemand weiß, wo die Kriegshandlungen gerade stattfinden, gegen wen sie gerichtet sind und ob der, dem man gerade auf der Straße oder im Supermarkt begegnet, eventuell dazu gehört. Auch wird es jedem allmählich klar, dass es gegen Terroranschläge nur wenig Abwehrmöglichkeiten gibt.
VWheute: Was sagt das über unser Freiheitsgefühl aus?
Heilmann: Die Menschen in Europa bekunden immer wieder, am Lebensstil einer freien Gesellschaft festhalten und ihre Freiheitsspielräume verteidigen zu wollen. Gleichzeitig fordern sie vom Staat, dass mehr für ihre persönliche Sicherheit getan wird. Forderungen in dieser Form sind aber unrealistisch. Will man terroristisches Risiko reduzieren, dann kostet das nicht nur Geld. Es geht notgedrungen auch auf Kosten persönlicher Freiheiten. Die Frage muss also heißen: Wie viel Entzug an persönlicher Freiheit ist uns die Reduzierung von Gefahren wert?
VWheute: Auch die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich macht den Menschen Sorgen…?
Heilmann: Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich wird als zweitgrößtes Risiko betrachtet, vor allem von den Deutschen. Ob es wirklich stimmt, dass Arm und Reich in Deutschland immer stärker auseinander driftet, darüber sind sich selbst namhafte Ökonomen uneins. Es sieht so aus, als habe dank guter Arbeitsmarktlage und Lohnsteigerungen die Ungleichheit in den letzten Jahren abgenommen, die hohe Ungleichheit bei den Vermögen allerdings nicht. Wenn die Arm-Reich-Schere in der Befragung den zweiten Platz einnimmt, so kommt also hierin vor allem die Sorge vor dem möglichen Verlust des erarbeiteten Besitzes zum Ausdruck.
VWheute: Migration und Flüchtlinge sind die in Deutschland beherrschenden Themen. Kommt das in dieser Befragung auch zum Ausdruck?
Heilmann: Sie spielen in Europa und besonders in Deutschland eine größere Rolle als auf dem amerikanischen Kontinent, der aktuell hiervon nicht betroffen ist. Dass in diesen Themen ein enormes Gefahrenpotential steckt, wie die Ereignisse in den benachteiligten Randgebieten der französischen Großstädte, immer wieder zeigen, wird nun den Menschen nicht nur in Frankreich bewusst. Die sogenannten Banlieues gibt es überall in Europa. Und der plötzlich aus dem Nichts kommende Zustrom von Flüchtlingen verstärkt die Sorge vor ähnlichen Zuständen und mit ihnen vor terroristischen Ereignissen.
VWheute: Sie sagen, dass es ein Missverständnis sei, medizinischem Fortschritt so hohe Chancen beizumessen. Warum?
Heilmann: So wie mit bedeutenden ersten Errungenschaften der wissenschaftlichen Medizin wird auch mit dem Herzschrittmacher, der Herz-Lungen-Maschine, Kunststoff-Gelenken oder mit neuen Medikamenten und Impfstoffen das verbunden, was allgemein unter dem medizinischen Fortschritt verstanden wird. Hiervon hat vor allem der Einzelne profitiert. Wenn die menschliche Lebenserwartung in den letzten 100 Jahren um etwa 30 Jahre zugenommen hat, so ist dies nur sehr bedingt diesem Fortschritt zuzuschreiben. Zu den wichtigsten Faktoren, die dies bewirkt haben, zählen verbesserte Hygienemaßnahmen und genügende und gesündere Ernährung, Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse im Einzelnen wie im Ganzen sowie ein gestiegener Bildungsstand und damit ein verbessertes Gesundheitsbewusstsein. Dadurch kann wahrscheinlich mehr Geld im Gesundheitsbereich eingespart werden als durch staatliche Reformen.
VWheute: Was ist für Sie das größte Risiko der kommenden zehn Jahre?
Heilmann: Das ist für mich eindeutig die Zunahme der Weltbevölkerung.
Dieses Risiko ist seit langem existent und vergrößert sich derart rasant, dass ihm gegenüber alle anderen in der Studie erwähnten Risiken unerheblich erscheinen müssen. Entsprechend diesem Risiko sehe ich in einer wirkungsvollen globalen Geburtenregulierung, die längst sowohl medizinisch wie auch ökonomisch machbar ist, die größte und einzig mögliche Chance für die Reduzierung oder Beseitigung der meisten der in der Studie für die Zukunft genannten Risiken.
Das Gespräch führte Wolfgang Otte.
Value analysiert in seiner neuen Ausgabe, warum das Sicherheitsdenken so unglücklich macht ("Verzerrte Wahrnehmung").
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