Politik & Regulierung

"Klimaziele sind nicht ambitioniert genug"

Von Tobias DanielTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Den Teilnehmern der Klimakonferenz in Marrakesch ist nach dem Inkrafttreten des Pariser Klimaabkommens nach Feiern zumute. Ein Rekord, der auch getrieben wurde von der Angst, dass nach dem Ende von Barack Obamas Amtszeit keine großen Fortschritte mehr zu erwarten sind. Nach Ansicht des Swiss Re-Experten Andreas Spiegel sind dennoch enorme Anstrengungen notwendig, um die Dekarbonisierung der Wirtschaft bis 2050 sicherzustellen.
VWheute: Vor dem Hintergrund des UN-Klimagipfels in Paris drängen die europäischen Versicherer darauf, dass Politik und Wirtschaft den beschlossenen Zielen nun Taten folgen lassen. Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen?
Andreas Spiegel: Die derzeit ratifizierten, national rechtlich bindenden Klimaziele (National Designation Contributions – NDCs) sind noch nicht ambitioniert genug und werden noch nicht ausreichen, die Welt auf eine Zwei-Grad-Zukunft auszurichten. Eine Entkoppelung des Wirtschaftswachstums von den CO2-Emissionen hat in den meisten Ländern zudem noch nicht stattgefunden, d.h. es sind immer noch enorme Anstrengungen notwendig, um die Dekarbonisierung unserer Wirtschaft bis ins Jahr 2050 sicherzustellen. Die derzeitig angekündigten Anstrengungen deuten zur Zeit auf ein Emissionszenarium hin, welches eher Richtung drei Grad als Richtung 1,5 Grad geht.
VWheute: Laut Geneva Association ist die Zahl der Katastrophenereignisse gestiegen. In den vergangenen dreißig Jahren haben Wetterschäden mehr als 600.000 Menschenleben gekostet. Allein die regionalen Unwetterereignisse in Deutschland in diesem Jahr haben Schäden in Millionenhöhe verursacht. Der Klimawandel ist zumindest in vollem Gange, glaubt Klimaforscher Mojib Latif. Wie müssen die Rückversicherer auf diese Entwicklung reagieren und wo sehen Sie die größten Herausforderungen?
Andreas Spiegel: Aus Sicht der Versicherungswirtschaft bedeutet die Klimaveränderung in erster Linie eine Veränderung der Risikolandschaft und ist damit sowohl eine Opportunität, um neue Lösungen anzubieten, z.B. im Bereich Wetterversicherungen für erneuerbare Energieproduzenten, Landwirtschaftsversicherung, Versicherungen für den Public Sector, Mikroversicherungen und generell für wetterbezogene Gebäudeversicherungslösungen.
Andererseits birgt Klimaveränderung auch potentielle Risiken für die Versicherungsindustrie, z.B. in Bezug auf neue Regulation, Rechtsstreitigkeiten, Technologieänderungen, Reputationsrisiken und sehr langfristig gesehen auch möglicherweise auch in Bezug auf die Versicherbarkeit von Wetterrisiken in exponierten Regionen. Klimarisiken und Opportunitäten müssen daher vermehrt in der langfristigen Strategie berücksichtigt werden und allen relevanten Stakeholdern (Investoren, Analysten, Kunden etc.) offengelegt werden (Finanzreporting).
Das Financial Stability Board (FSB), d.h. die Task Force on Climate-related Financial Disclosures, wird diesbezüglich im Dezember neue Disclosure Requirements veröffentlichen. Swiss Re ist Mitglied dieser Initiative und hat zu der Entwicklung dieser Offenlegungsstandards beigetragen.
VWheute: Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) sieht im Klimawandel zudem ein höheres Risiko für bewaffnete Konflikte. Teilen Sie diese Aussage und wo sehen Sie die Risiken des Klimawandels für die Versicherer?
Andreas Spiegel: Als Rückversicherer setzen wir uns mit dem Thema Klimawandel seit über 20 Jahren auseinander.
Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Tobias Daniel.
Bild: Andreas Spiegel ist Head Group Sustainability Risk bei der Swiss Re (Quelle: Swiss Re)
Swiss Re · Klimawandel · Klimaschutz
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