Schlaglicht

Abschied vom Markt

Von Christoph BaltzerTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Grüner sollen die Finanzprodukte werden und einfacher. Diese Grundsatzforderung hat der Econ-Ausschuss letzte Woche beschlossen. "Ein Meilenstein für eine grüne Finanzwirtschaft," jubelt Grünenpolitiker Sven Giegold. Déjà vu: Bis 1994 gab es in Deutschland nur genormte Einheitsprodukte. Nach zwanzig Jahren ist man müde von der Mündigkeit geworden.
Es mutet wie ein Treppenwitz der Geschichte an, was der Econ-Rat in der vergangenen Woche beschlossen hat. "Eine Mehrheit der Abgeordneten unterstützte die nachdrückliche Forderung nach der Vereinfachung von Anlageprodukten wie Versicherungen oder Alterssicherungsprodukten", berichtet das Büro von Grünen-Politiker Sven Giegold. "Verbraucher können so durch größeren Wettbewerb und höhere Vergleichbarkeit von Produkten profitieren.“
Zwanzig Jahre nach der Deregulierung der Versicherungsmärkte ist man in Brüssel zu der Erkenntnis gelangt, dass es mit der Mündigkeit der Bürger nun doch nicht so weit her ist, wie man das noch Anfang der 1990er Jahren gedacht hat. "Müde von der Mündigkeit", schrieb die Versicherungswirtschaft vor zwei Jahren. Bis 1994 gab es in Deutschland nur genormte Einheitsprodukte. Sie wurden vom GDV kalkuliert, per Sammelgenehmigungsverfahren beim damaligen Bundesaufsichtsamt BAV eingereicht, genehmigt und dann verkauft. Eine Hausratversicherung sah genau gleich aus und war auch genauso teuer, egal, ob man sie bei der Colonia oder bei der Cosmos eingekauft hat.
Wettbewerb gab es nur im Vertrieb. Wer am meisten davon verkaufte, hatte den höchsten Gewinn. Übertragen auf die Automobilbranche würde das bedeuten: Alle produzieren das gleiche Auto und auch der Preis ist genormt. Schließlich blickt man sonst nicht durch. Absurd.
Und doch steckt ein Körnchen Wahrheit hinter dem Econ-Beschluss. Auf der Suche nach Unique Selling Propositions haben sich viele Versicherer vergaloppiert. Eine Hole-in-One-Deckung in der Unfallversicherung ist das wohl erstaunlichste Ergebnis eines Wettbewerbs, bei dem es dem einen oder anderen Marketing-Chef an der Phantasie fehlte. In der Lebensversicherung sind die Produkte tatsächlich so unterschiedlich geworden, dass selbst die Unternehmen sie mitunter nicht mehr beherrschen. Man denke an die Variable Annuities, die einer Reihe von Lebensversicherern in der Finanzkrise um die Ohren geflogen sind. ING ging an dem Produkt sogar zu Grunde.
Von da her stellt eine gewisse Reregulierung eine Chance dar. Den Lebensversicherer fehlt ein Knallerprodukt, wie die Kapital bildenden Lebensversicherung es einmal gewesen ist: "Da weiß man, was man hat." In Zeiten gesellschaftlicher Desorientierung ist dies ein Werbeversprechen mit riesigem Potenzial. Voraussetzung für die Versicherer: Wir wissen, was wir wollen. Doch das ist im Jahr 22 seit der Deregulierung unendlich schwierig geworden. Markt eben. (ba)

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