Schlaglicht

Versicherer sollten Rückversicherungsstrukturen anpassen

Von Tobias DanielTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Starkregenereignisse sind sehr lokal und kaum vorhersehbar. Da die Frequenz solcher Starkregen-Ereignisse tendenziell zunehme, sollten "alle Schaden- und Unfallversicherer regelmäßig ihr Bilanzrisiko und ihre Rückversicherungsstrukturen in Bezug auf ihre Exponierungen überprüfen und entsprechend anpassen", fordert Thomas Brandl, Senior Vice President von Guy Carpenter.
VWheute: Im Mai und Juni dieses Jahres haben Unwetter wie Starkregen und Überschwemmungen für erhebliche Schäden in Bayern und Baden-Württemberg gesorgt. Welche unmittelbaren Auswirkungen hatte dies nach Ihren Erfahrungen für das Risikomanagement der Versicherer?
Thomas Brandl: Starkregenereignisse sind sehr lokal, kaum vorhersehbar und können grundsätzlich überall in Deutschland auftreten und erhebliche Schäden verursachen. Der Starkregen Ende Juli 2014 in Münster verursachte beispielsweise einen volkswirtschaftlichen Schaden von rund 300 Mio Euro. Davon waren etwa 140 Mio. Euro versichert.
Das Ereignis vom 1. Juni 2016 in Simbach am Inn könnte Berichten zufolge aus volkswirtschaftlicher Sicht in die in die Milliarden gehen. Die Frequenz solcher Starkregen-Ereignisse nimmt tendenziell zu. Folglich sollten alle Schaden- und Unfallversicherer regelmäßig ihr Bilanzrisiko und ihre Rückversicherungsstrukturen in Bezug auf ihre Exponierungen überprüfen und entsprechend anpassen.
VWheute: Der Branchenverband GDV geht davon aus, dass solche Unwetterextreme in absehbarer Zeit noch zunehmen. Welche Herausforderungen bedeutet dies aus Ihrer Sicht für das Risikomanagement?
Thomas Brandl: Wir beobachten seit einigen Jahren Wachstumsraten in der Elementarschadenversicherung von zehn Prozent und mehr. Bis zu 30 Prozent lassen sich sogar in Regionen, welche erheblich von Starkregen und Hochwasser betroffen wurden, verzeichnen. Eine regelmäßige Überprüfung der eigenen Risikosituation und des Risikotransfers ist folglich aus Risikomanagement-Sicht unabdingbar.
Die stetige Weiterentwicklung der kommerziellen Naturgefahrenmodelle oder auch Forschungsprojekte zur Entwicklung von präziseren Gefährdungskarten (vgl. Kooperation GDV und DWD) schreitet schnell voran und sollte das Risikomanagement künftig erleichtern.
VWheute: Der Bund der Versicherten fordert vehement die Einführung einer Pflichtversicherung für Elementarschäden in Deutschland. Halten Sie eine solche Versicherungspflicht für sinnvoll und welche Auswirkungen hätte eine solche für das Risikomanagement?
Thomas Brandl: Die Verbraucherschützer fordern eine Versicherungspflicht, beispielsweise nach dem Schweizer Vorbild. Je nach Risikosituation sollen jedoch differenzierte Beiträge und Bedingungen angeboten werden.
Die Politik scheint sich diesbezüglich nicht einig zu sein. Stärker im Fokus der Politik ist die Schadenprävention wie zum Beispiel die Umsetzung neuer Bauvorschriften, die Erstellung von Notfallplänen oder die Sensibilisierung der Bürger.
Der GDV wiederum ist der Meinung, dass eine grundsätzliche Pflichtversicherung die Prävention eher verhindert. Beispielsweise führte die Einführung der Versicherungspflicht für Überschwemmung in Großbritannien dazu, dass der Staat seine Präventionsinteresse und die damit verbundenen Investitionen ad acta legte. Es wurden sogar weiter Bebauungszonen in Risikogebieten ausgewiesen. Als Folge für die Versicherten hat sich die Höhe der durchschnittlichen Versicherungsprämien verdoppelt.
Rechtlich bleibt eine Pflichtversicherung für Eigenvermögen in Deutschland mit Blick auf das Grundsatzprinzip der Vertragsfreiheit der Einzelnen sehr angreifbar. Für rund 99 Prozent der Hauseigentümer kann derzeit eine Elementarversicherung zu auskömmlichen Beiträgen (im Schnitt 100 Euro pro Jahr) angeboten werden. Der GDV bevorzugt daher einen weiteren Ausbau der Marktdurchdringung für Elementargefahren (derzeit rund 37 Prozent in Deutschland).
Laut einer Umfrage der GfK meinen 93 Prozent der Hausbesitzer, dass sie gegen Naturgefahren aller Art versichert sind. 80 Prozent der Hausbesitzer ohne Elementarschadenversicherung lehnen eine Pflichtversicherung ab. Unter Berücksichtigung der rechtlichen Unsicherheit sowie der unterschiedlichen Interessenslagen folgen wir, Guy Carpenter & Company, dem GDV und unterstützen die Versicherer, unsere Kunden, bei der Bewertung ihrer sich stets veränderten Risikosituation und entwickeln maßgeschneiderte Risikotransferlösungen.
Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Tobias Daniel.
Bildquelle: Raphael Reischuk / pixelio.de
Risikomanagement · Naturgefahren
Auch interessant
Zurück
11.04.2019VWheute
Sigma Studie: Rekord­schäden, bedroh­li­cher Anstieg sekun­därer Natur­ge­fahren – trotzdem geringe Absi­che­rungs­be­reit­schaft Die letzten beiden …
Sigma Studie: Rekord­schäden, bedroh­li­cher Anstieg sekun­därer Natur­ge­fahren – trotzdem geringe Absi­che­rungs­be­reit­schaft
Die letzten beiden Jahre weisen gemeinsam die höchste je verzeichnete Schadensumme auf. Das schreibt Swiss Re in ihrer Sigma-Studie, Insgesamt kam es …
01.02.2019VWheute
Eber­hard Faust: "Versi­cherer können sich dem Klima­wandel anpassen" Extreme Wetterlagen als Folge des Klimawandels kommen die Versicherer zunehnemd …
Eber­hard Faust: "Versi­cherer können sich dem Klima­wandel anpassen"
Extreme Wetterlagen als Folge des Klimawandels kommen die Versicherer zunehnemd teuer zu stehen. Doch wie können diese sich auf die klimatischen Veränderungen einstellen? "Risiken verändern sich nicht in großen…
09.11.2018VWheute
VKB will Verbrau­cher wetter­fest gegen Natur­ge­fahren machen Extreme Wetterlagen haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen, katastrophale …
VKB will Verbrau­cher wetter­fest gegen Natur­ge­fahren machen
Extreme Wetterlagen haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen, katastrophale Ereignisse können heute jeden betreffen. Obwohl hier die Versicherungswirtschaft mit zahlreichen Produkten die Möglichkeit zur …
25.09.2018VWheute
Kraft­fahrt steuert wieder ins Minus Weiter steigende Durchschnittsschadenkosten, aber keine entsprechenden Prämienerhöhungen belasten die …
Kraft­fahrt steuert wieder ins Minus
Weiter steigende Durchschnittsschadenkosten, aber keine entsprechenden Prämienerhöhungen belasten die Kraftfahrtversicherung. "Nur wenn weitere Unwetterereignisse ausbleiben, schafft es die Kraftfahrtversicherung 2018 noch zur schwarzen Null"…
Weiter