Märkte & Vertrieb

Rückversicherungsbranche auf Talfahrt

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Die Attacke auf das World Trade Center in New York bedeutete für die Assekuranz einen 40 Mrd. US-Dollar Marktschaden. Andererseits war dies aber auch ein "market turning event", also der Katalysator für ein wesentlich strikteres Underwriting. Hinzu kamen auch noch im wesentlichen schadenfrei verbleibende US-Hurrican-Saisons, die den aktuarisch kalkulierten Schadenbedarf bei weitem unterschritten.
Eine neue Haftpflicht-Serie wie Asbestose wollte sich ebenfalls nicht einstellen. So beschwerten die Zeichnungsjahre 2012 bis 2014 der Rückversicherungsbranche hohe Gewinne. Auf Kalenderjahresbasis war es möglich, üppig zu reservieren, sodass künftige Kalenderjahre jeweils Besserabwicklungsgewinne aus Vorjahresreserven um die sechs Prozentpunkte aufwiesen.
Seit 2015 scheint diese ungewöhnlich lang andauernde Glückssträhne der Branche zu Ende zu sein. Von allzu guten Ergebnissen verführt, von Maklern bedrängt, vor dem Hintergrund der zunehmenden Substitution durch Risikoverbriefungen und möglicherweise gar an die eigene Unfehlbarkeit selbst glaubend, konzedieren Underwriter immer mehr, was Raten und Bedingungen betrifft. Für das erste Halbjahr 2016 meldet die Ratingagentur Fitch eine von 88,3 Prozent auf 92,7 Prozent angestiegene Combined Ratio. Auch diese Zahl dürfte noch durch angebliche Besserabwicklungen der Vorjahresreserven geschönt sein. Die Kapitalmarktzinsen sind bis zu einer zehnjährigen Laufzeit für einige EU-Länder negativ, sodass gegenwärtig für die Aktionäre kaum noch eine auskömmliche Rendite auf das eingesetzte Eigenkapital herausschauen dürfte.
Ein derartiger misslicher Zustand pflegt meist mehre Jahre lang anzuhalten, bis erneut ein katastrophales Ereignis bei allen Marktteilnehmern jedenfalls den noch Überlebenden die Erkenntnis reifen lässt, so könne es nicht weitergehen. Im Hinblick auf ein solches Szenario äußert Fitch die Befürchtung, einige Marktteilnehmer könnten sich allzu sehr mit Cat-Risiken vollgesogen haben und durch das Eintreten eines solchen Ereignisses dann in ernste Bedrängnis geraten.
Soweit die Schweinezyklus-Routine. Jedoch hat sich diesmal noch ein ungewöhnlicher Umstand dazugesellt. Sollte es tatsächlich zum Brexit kommen und sollte es nicht gelingen, für Großbritannien – oder was nach der Abspaltung Schottlands noch davon übrig bleiben mag – eine Art Assoziierung zu verhandeln, so könnte britischen Versicherern und möglicherweise auch bermudischen der Zutritt zum EU-Markt zumindest wesentlich erschwert werden. Selbst die Äquivalenz müsste verhandelt werden und EU-Zedenten müssten möglicherweise von ihren Londoner Underwritern die Deponierung der zedierten technischen Rückstellungen verlangen.
Gleichzeitig könnte die Bedeutung Londons für die Branche insgesamt schwinden, auch was ihre Hilfstruppen wie Makler, Schadengutachter und spezialisierte Anwälte betrifft. Es fragt sich, wo das Ersatz-Rückversicherungscluster entstehen wird. Dublin scheint aufgrund von gleicher Sprache, gleichem Rechtssystem, einem 12,5-prozentigen Steuersatz und forgesetzter EU-Mitgliedschaft besser platziert als Zürich, Luxemburg oder München. Noch ist Zeit für die Politiker, an alternativen Standorten den Wettbewerb ernsthaft aufzunehmen. (cpt)
Bild: Spielbank Monte Carlo (Quelle: hkm)
Rückversicherer · Monte Carlo Rendez-Vous
Auch interessant
Zurück
11.09.2018VWheute
Monte Carlo: Rück­ver­si­cherer haben unter­schied­liche Auffas­sungen zum Cyber­ri­siko Das Feilschen um höhere Preise auf dem Rendez-Vous de …
Monte Carlo: Rück­ver­si­cherer haben unter­schied­liche Auffas­sungen zum Cyber­ri­siko
Das Feilschen um höhere Preise auf dem Rendez-Vous de Septembre geht weiter. Daneben versucht Scor sich vor einer Übernahme zu schützen, Munich Re und Partner Re wollen mehr Kapazität in die …
07.09.2018VWheute
Rück­ver­si­cherer suchen verzwei­felt nach neuen Einnah­me­quellen In keiner allzu attraktiven Verfassung präsentieren sich vor dem 2018er …
Rück­ver­si­cherer suchen verzwei­felt nach neuen Einnah­me­quellen
In keiner allzu attraktiven Verfassung präsentieren sich vor dem 2018er Monte-Carlo-Rendez-Vous die Rückversicherungsmärkte: Trotz hoher Katastrophenbelastungen im vergangenen Jahr ist es bislang kaum gelungen, …
05.09.2018VWheute
S&P: Rück­ver­si­che­rungs­branche bleibt robust Die Rückversicherer haben den jüngsten Stresstext gut bestanden. Trotz des von Großschäden geprägten …
S&P: Rück­ver­si­che­rungs­branche bleibt robust
Die Rückversicherer haben den jüngsten Stresstext gut bestanden. Trotz des von Großschäden geprägten Jahres 2017 konnten die Unternehmen die versicherten Risiken ohne Rückgriff auf ihre Reserven bewältigen. Nicht zuletzt war dies u…
18.06.2018VWheute
Munich Re baut in neuer Firma C-3PO Die Munich Re wandelt auf unbekannten Pfaden. Der Rückversicherer hat ein neues Unternehmen gegründet und steigt …
Munich Re baut in neuer Firma C-3PO
Die Munich Re wandelt auf unbekannten Pfaden. Der Rückversicherer hat ein neues Unternehmen gegründet und steigt in die Industrie-Digitaltechnik ein. Erste Kooperationen mit marktführenden Unternehmen sind offenbar bereits vereinbart worden. …
Weiter