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"Versicherer müssen Telemedizin in die Regelversorgung aufnehmen"

Von David GorrTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
"Wir sind nun seit Anfang Mai mit der Barmenia im Live-Betrieb und verzeichnen fast 1.000 registrierte Patienten", zeigt sich Katharina Jünger mit dem Pilotprojekt zur Telemedizin zufrieden. Die Gründerin und CEO von Teleclinic verrät im VWheute-Interview, welche Versicherte mitmachen und was sie am US-Krankenversicherer Oscar schätzt: "Der Versicherte kann aktiv mitgestalten, wie sein Risiko eingestuft und somit sein Tarif berechnet wird.
VWheute: Wie verläuft derzeit Ihr Projekt? Wie viele Kunden haben Sie und wie ist deren Resonanz der Kunden?
Katharina Jünger: Das Projekt läuft zu unserer höchsten Zufriedenheit. Wir sind nun seit Anfang Mai mit der Barmenia im Live-Betrieb und können seit dieser Woche fast 1.000 registrierte Patienten verzeichnen. Das Interesse seitens der Versicherten ist groß. Erstaunlicher Weise haben wir sehr viele Nutzer im Bereich 40 Plus. Das sind Menschen, die z.T. beruflich sehr eingespannt sind und daher natürlich wenig Zeit haben. Diese Zielgruppe schätzt den Service der Online Videosprechstunde sehr. Großen Bedarf an unserem Angebot haben generell Eltern mit Kindern, ältere Bürger oder Versicherte die während eines Urlaubs ein medizinisches Problem haben. Übrigens haben wir auch viele Männer als Nutzer. Optimierungsbedarf sehen wir  darin, dass wir unser Angebot noch spezifischer auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Versicherten ausrichten möchten. Ein Beispiel ist zum Beispiel die Stillsprechstunde für Mütter. Hier wollen wir weitere attraktive Angebote mit Unterstützung der Versicherungen etablieren. Und natürlich wollen wir unser Angebot auch noch bekannter machen.
Von den Nutzern haben bisher nur positive Resonanz erfahren. Besonders wertvoll ist sowohl für die Patienten wie auch die Ärzte, dass die Patienten über die Teleclinic-App Dokumente mit dem Arzt teilen können. Nur so kann sich der Arzt in vielen Fällen überhaupt ein qualifiziertes Urteil bilden, Beispiele dafür, die wir in letzter Zeit hatten, sind Fotos von Hautausschlägen oder Fremdbefunde für Zweitmeinungen.
VWheute: Barmenia testet die Telemedizin mit Teleclinic, Ottonova geht bald an den Start und in den USA hat der digitale Krankenversicherer Oscar bereits 135.000 Mitglieder, schreibt jedoch hohe Verluste. Können Sie von Oscar etwas lernen?
Katharina Jünger: Oscar denkt das Modell Krankenversicherung grundsätzlich neu. Der Versicherte wird weniger als ein "hohes oder geringes Risiko" qualifiziert, sondern als Individuum sehr ernst genommen. D.h. der Versicherte kann aktiv mitgestalten, wie sein Risiko eingestuft und somit sein Tarif berechnet wird. Dies z.B. indem er verfolgen lässt, wie viel er sich bewegt oder indem er sich verpflichtet, sich vor jedem Arztbesuch erst einmal telemedizinisch versorgen zu lassen. Der Patient wird immer aufgeklärter hinsichtlich seiner Gesundheit und hat den Anspruch für vernünftiges Verhalten rund um seine Gesundheit auch belohnt zu werden. Wer dazu beiträgt Kosten im System zu sparen, soll dafür auch unmittelbar finanziell honoriert werden. Ich glaube, dass ein Ansatz bei dem Patienten kooperativ und gemeinschaftlich daran arbeiten, Kosten zu sparen, dazu führen kann, dass unser Gesundheitssystem langfristig auf finanziell stabilen Beinen steht.
Der Telemedizin wird dann "zum Durchbruch verholfen", wenn sie nicht mehr in Pilotprojekten stattfindet, sondern Teil der Regelversorgung wird. Oscar und Ottonova leisten hier sicherlich einen wichtigen Beitrag. Für uns ist es essentiell, dass die Player, die die Gesundheitsversorgung prägenden, also auch Kassen und Versicherungen, die Telemedizin in die Regelversorgung mitaufnehmen. Auch der Gesetzgeber ist hier an der einen oder anderen Stelle gefragt.
VWheute: Wie gehen Sie mit dem Verbot einer ausschließlichen Fernbehandlung um?
Katharina Jünger: Die Bundesärztekammer hat Ende letzten Jahres das sogenannte Fernbehandlungsverbot konkretisiert. Danach ist nur eine abschließende Diagnose und Therapieempfehlung über die Ferne im Erstkontakt nicht zulässig. Unsere Ärzte beraten allgemein in allen gesundheitsrelevanten Themen und halten sich damit an die Berufsordnung. Man sieht hier aber auch eine starke Entwicklung hin zu einer Haltung, die besagt: Unsere deutschen Ärzte sind extrem gut ausgebildet. So wie der Hausarzt entscheidet, wo er selbst beraten kann und wann er an einen spezialisierten Kollegen verweisen muss, können das auch die Ärzte in der Telemedizin tun. Manche Fälle sind abschließend telemedizinisch handelbar, andere bedürfen einer körperlichen Untersuchung. Baden-Württemberg geht hier übrigens innovativ voran und wird nun als erstes Bundesland das Fernbehandlungsverbot dahingehend öffnen, dass die ausschließliche Fernberatung zumindest in Testprojekten zulässig ist.
Die Fragen stellte VWheute-Redakteur David Gorr.
Bild: Katharina Jünger, Gründerin und CEO von Teleclinic (Quelle: Teleclinic)
Barmenia · e-health · Telemedizin
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