Politik & Regulierung

"Fintechs haben aus der Dotcom-Blase gelernt"

Von David GorrTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Investoren schütten Insuretechs mit Geld zu. Florian Nöll, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Startups e.V., kann keine Blasenbildung erkennen. "Das deutsche Start-up-Ökosystem wächst, die Geschäftsmodelle tragen und die Start-ups wirtschaften sinnvoll und mit Bedacht mit ihren Investitionen. Aus der Dotcom-Blase wurden einige Learnings gezogen", erklärt er gegenüber VWheute.
VWheute: Wie bewerten Sie die aktuellen Finanzierungsrunden bei den deutschen Start-ups? Befürchten Sie eine Blasenbildung?
Florian Nöll: Große Summen werden im Silicon Valley oder in China investiert. Betrachtet man beispielsweise den deutschen Venture Capital Markt oder deutsche Startups, kommen wir jedoch auf ganz andere Summen. Die großen Finanzierungsrunden von denen berichtet wird, sind meist amerikanische VC’s die in amerikanische Startups investieren oder chinesische Staats-VC’s die in chinesische Startups investieren. Ich sehe weder in Deutschland noch auf anderen Märkten eine Parallele zur Dotcom-Blase der späten 90er-Jahre.
Nehmen wir das deutsche Startup-Ökosystem. Die heutige Situation lässt sich nicht mit der damaligen vergleichen. Heute finden die Investitionen – in Berlin waren es laut dem Startup-Barometer von EY im Jahr 2015 2,2 Mrd. Euro Euro VC-Kapital – vor einem robusten realwirtschaftlichen Hintergrund statt. Allein in Berlin gehen wir von 3.000 Startups aus, die insgesamt 13.200 Mitarbeiter beschäftigen. Die Berliner Startups sind somit, zusammen mit der BVG, der viertgrößte Arbeitgeber Berlins. Es gibt auch Schätzungen, die von 30.000 Beschäftigten im Berliner Startup-Ökosystem ausgehen. Das deutsche Startup-Ökosystem wächst, die Geschäftsmodelle tragen und die Startups wirtschaften sinnvoll und mit Bedacht mit ihren Investitionen. Ich bin mir sicher: Aus der Dotcom-Blase wurden einige Learnings gezogen.
VWheute: Aus welcher Branche haben deutsche Start-ups das nachhaltigste Geschäftsmodell bzw. sind bislang am erfolgreichsten?
Florian Nöll Als das deutsche Start-up-Ökosystem vor einigen Jahren anfing zu wachsen waren die meisten Neugründungen dem Bereich E-Commerce zuzuordnen. Mittlerweile verzeichnen wir in diesem Bereich kaum noch Neugründungen. Eine Branche die in den letzten Jahren und heute viele Neugründungen verzeichnet sind Fintechs. Die Fachgruppe Fintech des Startup-Verbandes ist stetig gewachsen, Fintechs sammelten vergleichsweise hohe Investitionssummen ein und sind mittlerweile ernstzunehmende Herausforderer der etablierten Finanzwirtschaft. Kurz nach dem Boom der Fintech-Szene kamen auch immer mehr Insuretech-Startups hinzu. Das ist ein logischer Schritt der Digitalisierung. Die Versicherungswirtschaft ist ein großer Markt und im Zuge der Digitalisierung ergeben sich Geschäftsmodelle, die diesen Markt für Startups interessant machen. Intelligente Algorithmen und innovative Apps und Web-Oberflächen die eine gute User Experience versprechen, bieten Startups die Möglichkeit der Skalierung ihres Geschäftsmodells – einer der drei wichtigen Eigenschaften von Start-ups, zusammen mit dem jungen Alter und der Innovationsleistung, die Start-ups auf den Markt bringen. Die Insurtech-Szene ist ein zartes Pflänzchen, dass in den nächsten Jahren heranwachsen wird und ähnlich wie Fintechs die etablierten Player auf diesem Markt herausfordern wird.
Zudem verdienten viele Start-ups damit ihr Geld bereits erprobte und erfolgreiche Business Models aus – vornehmlich dem Silicon Valley – zu kopieren. Dies führte sicherlich zu einigen Erfolgen, die ganz großen Würfe können auf diese Art und Weise aber nicht gelingen. Die Startups drängen mit dieser Strategie auf Märkte die, zumindest international, schon besetzt sind. Mittlerweile sind die deutschen Gründer aber selbstbewusster geworden. Immer mehr Innovationen und Geschäftsmodelle, die in Deutschland erdacht und entwickelt worden sind bringen es zur Marktreife und setzen sich auch international durch. Dieser Sinneswandel ist zu begrüßen. Denn es sind nur die echten Innovationen die einen wirklichen Durchbruch auf den internationalen Märkten versprechen.
Die Fragen stellte VWheute-Redakteur David Gorr.
Bild: Florian Nöll ist Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Startups e.V. (Quelle: Bundesverband Deutsche Startups e.V.)
FinTech · Insuretech
Auch interessant
Zurück
30.11.2018VWheute
Ohne Tempo­limit: Versi­cherer haben gelernt, die rich­tigen Schlüsse aus ihren Fehlern zu ziehen Die großen Strategie-Wochen der Versicherer neigen …
Ohne Tempo­limit: Versi­cherer haben gelernt, die rich­tigen Schlüsse aus ihren Fehlern zu ziehen
Die großen Strategie-Wochen der Versicherer neigen sich heute mit dem „Update“ der Allianz dem Ende zu. Zuvor haben Big-Player wie Generali, Axa oder die Munich Re offen dargelegt, …
03.04.2018VWheute
Sattel­berger: "Versi­che­rungs­be­am­tentum hat nie Kunden­zen­trie­rung gelernt" Der ehemalige Top-Manager Thomas Sattelberger gilt gemeinhin als …
Sattel­berger: "Versi­che­rungs­be­am­tentum hat nie Kunden­zen­trie­rung gelernt"
Der ehemalige Top-Manager Thomas Sattelberger gilt gemeinhin als Mann klarer Worte. Wenig verwunderlich, dass er auch mit der Versicherungsbranche hart ins Gericht geht. Im Exklusiv-Interview mit …
16.02.2018VWheute
Friend­surance angelt sich drei neue Fintech-Partner Das Berliner Versicherungsunternehmen Friendsurance will künftig gleich mit drei Fintechs …
Friend­surance angelt sich drei neue Fintech-Partner
Das Berliner Versicherungsunternehmen Friendsurance will künftig gleich mit drei Fintechs zusammenarbeiten. Bei den ausgesuchten Partnern handelt es sich um Bonify, Fino und Savedroid. Das Ziel sind nutzerfreundliche …
03.05.2017VWheute
Krämer: "Reales Risiko einer Blase am Immo­bi­li­en­markt" Die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) erhitzt weiterhin die Gemüter. So …
Krämer: "Reales Risiko einer Blase am Immo­bi­li­en­markt"
Die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) erhitzt weiterhin die Gemüter. So befürchtet Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, im Zuge der EZB-Geldpolitik, "dass sich in Deutschland in ein paar Jahren …
Weiter