Schlaglicht

"Umfassender Kassensturz in der Altersvorsorge"

Von Rafael KurzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
DAV-Chef Wilhelm Schneemeier sieht "unser künftiges Augenmerk auf der Entwicklung von Produkten, die stärker mit dem Markt atmen." Im Exklusivinterview mit VWheute plädiert er für einen umfassenden Kassensturz über die drei Säulen der Altersvorsorge hinweg: Es sei "ein Irrglaube, dass die umlagefinanzierte gesetzliche Rente losgelöst von der betrieblichen und privaten Altersvorsorge betrachtet werden" könne.
VWheute: Wie bewerten Sie aktuelle Entwicklungen im Zuge von LVRG und Solvency II? Wie entwickeln sich langfristige Garantien als Markenkern der Lebensversicherung?
Wilhelm Schneemeier: Solvency II ist zweifellos die tiefgreifendste Veränderung der Bewertungslandschaft in der deutschen Lebensversicherung seit vielen Jahren. Die neuen Regelungen werden einerseits zum Umbau der Produkte und andererseits zu starken Veränderungen in der Kapitalanlage in der aktuellen Tiefzinsphase führen.
Verblüffend ist, dass bereits zum Start des neuen europäischen Aufsichtsregimes schon wieder viele Änderungen diskutiert und gefordert werden. Nach 16 Jahren Vorbereitungszeit ist es nach Ansicht der Deutschen Aktuarvereinigung e.V. jetzt aber erst einmal an der Zeit, diesem neuen System eine Chance zu geben.
Ein wesentliches Ziel des LVRG und von Solvency II war es, die Transparenz zu verbessern. Dazu gehört auch eine seriöse Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit mit der Aussagekraft der neuen Kenngrößen und Ergebnisse. Hierzu ist von allen Beteiligten noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten, um im Interesse einer umfassenden Verbraucherinformation mehr Transparenz zu schaffen. Die Aktuare werden sich in diesen Prozess als Mittler zwischen Unternehmen und Kunden aktiv einbringen.
VWheute: Welche Perspektiven können Aktuare für die Zukunftsfähigkeit der Kapitaldeckung bieten?
Wilhelm Schneemeier: Die anhaltende Tiefzinsphase setzt nicht nur in Deutschland die Kapitaldeckung unter Druck. Europaweit beobachten wir den Trend, dass sich Unternehmen aus tradierten Garantiemodellen zurückziehen und auf flexiblere Vorsorgelösungen setzen.
Die Aktuare gestalten als Sicherheits-Ingenieure der Versicherungen diese Entwicklungen seit Anbeginn mit. Dabei liegt unser künftiges Augenmerk auf der Entwicklung von Produkten, die stärker mit dem Markt atmen. Deshalb setzen wir uns als DAV seit geraumer Zeit für ein neues Höchstrechnungszinsmodell mit Abschnittsgarantien ein, das die Vorteile des bewährten Systems der vorsichtigen, langfristigen Kalkulation mit den Absicherungsmöglichkeiten der Kapitalmärkte verbindet. Dieser neue Ansatz schafft Transparenz und kann das Vertrauen der Bürger in die Lebensversicherung erhöhen.
Zudem ist auch in diesem Punkt zu sagen: Die Branche muss noch stärker als bisher kommunizieren, dass die derzeit diskutierten Produktveränderungen der Lebensversicherung ausschließlich das Neugeschäft tangieren und nicht die rund 74 Millionen bestehenden Altersvorsorgeverträge. Denn für diese gibt es einen umfassenden Bestandsschutz über das VAG. Diese Planungssicherheit ist seit jeher für die entscheidend beim Abschluss einer betrieblichen oder privaten Altersvorsorge.
VWheute: Andrea Nahles will jetzt offensichtlich ein Gesamtpaket in Sachen Rente und Altersvorsorge verhandeln. Was braucht es von der Politik?
Wilhelm Schneemeier: Deutschland braucht einen umfassenden Kassensturz über alle drei Altersvorsorgesäulen. Es ist ein Irrglaube, dass die umlagefinanzierte gesetzliche Rente losgelöst von der betrieblichen und privaten Altersvorsorge betrachtet werden kann. Denn in Zeiten des demographischen Wandels und des damit verbundenen Absinkens des Rentenniveaus gewinnt die kapitalgedeckte Altersvorsorge zunehmend an Bedeutung, um auch im Alter den vorhergehenden Lebensstandard halten zu können. Es wäre grundfalsch, einen künstlichen Dualismus zwischen der zwingend notwendigen Umlagefinanzierung und der Kapitaldeckung aufzubauen – denn nur durch eine kluge Verzahnung der beiden Altersvorsorgewelten kann das deutsche Rentensystem nachhaltig zukunftsfest gemacht werden. Von daher appellieren wir an die politischen Entscheidungsträger, die Rahmenbedingungen für die kapitalgedeckten Säulen zu verbessern und gemeinsam mit den Experten der Versicherungswirtschaft und des Verbraucherschutzes Vorsorgeprodukte weiterzuentwickeln.
Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Rafael Kurz.
Bild: Wilhelm Schneemeier ist Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung. (Quelle: DAV)
Altersvorsorge · DAV · Andrea Nahles
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