Schlaglicht

"Die Krise ist schon da"

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Die Kfz-Versicherung in Deutschland befindet sich angesichts der aktuellen digitalen Trends vor großen Herausforderungen. Die Assekuranz befinde "sich jetzt in einer Situation, in der wir uns entscheiden müssen. Wir müssen viel aktiver werden und uns klarer positionieren", konstatiert Roland Voggenauer-Graf von Bothmer von der Swiss Re gegenüber VWheute.
VWheute: Was macht Sie so sicher, dass die Krise kommt? Autonomes Fahren, echte Telematik - ist doch alles nur Spielerei, ein Business Case nicht absehbar, oder?
Roland Voggenauer-Graf von Bothmer: Die Krise kommt nicht, sie ist schon da. Das ist auch gut so, denn eine Krise ist keine hoffnungslose Situation, sondern Höhe- und Wendepunkt einer gefährlichen Situation. Wichtig ist, dass man Entscheidungen trifft und nicht die Hände in den Schoss legt und abwartet, wohin es gehen könnte. Das würde tatsächlich in die Katastrophe führen.
Die Kfz-Versicherung stellt die Versicherer in Deutschland aktuell vor große Herausforderungen. Im automobilen Bereich z.B. übernehmen die Fahrerassistenzsysteme immer mehr Aufgaben des Fahrers, dennoch bleiben diese Einrichtungen – wie der Name auch sagt - Assistenzsysteme. Ich glaube nicht, dass wir mittelfristig den Fahrer dadurch ersetzen können, denn dazu ist allein der rechtliche Rahmen nicht gegeben. Ganz abgesehen davon, ob der Endkunde das überhaupt will. Irgendwann werden Autos auch fliegen können, aber das werden die meisten von uns nicht mehr erleben, und bis wir eine komplett autonome, landgebundene Autowelt haben, wird es noch lange dauern. Dieses Szenario bedroht die Assekuranz allerdings derzeit nicht.
Swiss Re wird die Auswirkungen von Assistenzsystemen auf das Schadengeschehen natürlich genau beobachten und analysieren. Wir sehen und erwarten, dass viele Systeme frequenzreduzierend wirken, aber dass die Schadendurchschnitte absinken werden, das ist nur schwer zu begründen. Außerdem kommen neue Risiken hinzu, z.B. das Cyber-Risiko, das mittelfristig in die Autoversicherung, sofern es sich auf das Fahrzeug bezieht, integriert werden muss.
VWheute: Wenn die Krise also kommt, wo sehen Sie die Chancen und vor allen Dingen: für wen?
Roland Voggenauer-Graf von Bothmer: Wie schon gesagt, die Assekuranz befindet sich jetzt in einer Situation, in der wir uns entscheiden müssen. Wir müssen viel aktiver werden und uns klarer positionieren. Das betrifft aus meiner Sicht in erster Linie die Digitalisierung. Und das heißt konkret: Wie nehmen wir die bestehenden Vertriebe – wo ich eine der Kernkompetenzen der Branche sehe - in die digitale Welt des Kunden mit? Es muss uns gelingen, das Kundenerlebnis, das unser Kunde von anderen Branchen bereits kennt, auch im Bereich Versicherung erlebbar zu machen.
Die Chance der Assekuranz wird darin liegen, Branchenfremde und "Eindringlinge", in unsere Welt zu integrieren. Dieses Eindringen findet in der Regel an der Schnittstelle zum Kunden statt, nicht aber dort, wo das eigentliche Risiko landet, nämlich in unserer Bilanz. Der Versicherer wird auch zukünftig alleiniger Risikoträger bleiben.
VWheute: Wie und wo ist die Swiss Re hier im Markt aktiv und wo sind Ansatzpunkte geplant?
Roland Voggenauer-Graf von Bothmer: Swiss Re ist im Bereich Telematik in Deutschland bestens positioniert. Wir sehen in gewissen Bereichen entsprechendes Potential, allerdings wird es keine "one-size-fits-all"-Lösung geben. Nach wie vor wird es für das traditionelle Produkt Autoversicherung noch viel Potential geben, und das auch für einen längeren Zeitraum.
Allerdings gilt es auch, einige Herausforderungen anzunehmen und zu bewältigen: Die anhaltend niedrigen Zinsen, die Rentenproblematik, das regulatorische Umfeld, Solvency II, und vor allem die neuen Mobilitätskonzepte. All das wird bei unseren Kunden zu einer Mehrbelastung führen; wir werden mit unserem Know-how und unserer Expertise unterstützend zur Seite stehen.
Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Rafael Kurz.
Bild: Roland Voggenauer-Graf von Bothmer ist Motor Expert EMEA und Director der Swiss Re (Quelle: Swiss Re)
Swiss Re · Telematik · Autonomes Fahren
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