Märkte & Vertrieb

Tschernobyl-Schäden deutlich höher als erwartet

Von Alexander KasparTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Heute vor 30 Jahren kam es im Kernkraftwerk Tschernobyl zur nuklearen Katastrophe. In einer aktuellen Untersuchung von Forschern des Münchener Ifo-Instituts und der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wurden die volkswirtschaftlichen Schäden der Reaktorkatastrophe neu berechnet. Danach beläuft sich der jährliche Wohlfahrtsverlust für die große Mehrheit der ukrainischen Bevölkerung auf jährlich zwei bis sechs Prozent der Wirtschaftsleistung, erläutert Natalia Danzer, stellvertretende Leiterin des Ifo Zentrums für Arbeitsmarktforschung und Familienökonomik und Co-Autorin der Studie.
"Die negativen psychischen Langzeitfolgen wurden bislang nicht berücksichtigt. Wir haben sie jetzt in Geldwerte umgerechnet bei jenen 96 Prozent der ukrainischen Bevölkerung, die nicht einer medizinisch bedenklichen Strahlung ausgesetzt waren, sondern verunsichert und verängstigt waren und sind", so Danzer weiter.
Diese Summen müssen hinzugerechnet werden zu den fünf bis sieben Prozent ihrer jährlichen Wirtschaftsleistung, die die Ukraine ohnehin aufwendet, um das zerstörte Kraftwerk und die Umgebung zu sichern, zu dekontaminieren sowie um Betroffene zu entschädigen. Außerdem verlässt sich ein Teil der betroffenen Erwerbsbevölkerung stärker auf staatliche Unterstützung und bezieht finanzielle Geldleistungen in Höhe von 0,5 bis 0,6 Prozent der Wirtschaftsleistung.
Nicht einbezogen in die Rechnung wurden psychische Folgen für jene vier Prozent der Bevölkerung in der Nähe des explodierten Kraftwerkes und die besonders belasteten Aufräumarbeiter. "Insofern ist unsere Schätzung wohl eher eine Untergrenze", sagt Danzer. "Die Sorgen der Bevölkerung entstanden zu einem beträchtlichen Teil aus widersprüchlichem Handeln der Sowjetunion. Einerseits wurden staatliche Maßnahmen zur Eindämmung der Folgen der Katastrophe ergriffen, wie die Verteilung von Jod-Prophylaxe-Tabletten oder medizinische Kontrolluntersuchungen. Andererseits blockierte der Staat die Informations- und Aufklärungsarbeit. Diese Situation war ein idealer Nährboden für Gerüchte um die tatsächliche Gefahr und potenzielle Gesundheitsfolgen der Reaktorkatastrophe", fügte sie hinzu. "Die Ergebnisse verdeutlichen die immense Bedeutung eines effizienten und glaubwürdigen Krisen- und Katastrophenmanagements von Regierungen."
Zur Analyse wurden Daten einer repräsentativen Stichprobe der ukrainischen Längsschnittbefragung (Ukrainian Longitudinal Monitoring Survey, ULMS) der Jahre 2003, 2004 und 2007 herangezogen. Aus der Untersuchungsgruppe werden Personen ausgeschlossen, die nach dem Reaktorunfall geboren wurden. Außerdem wurden stark Betroffene wie Aufräumarbeiter und umgesiedelte Personen nicht berücksichtig. (vwh/ak)
Bildquelle: Thorben Wengert / pixelio.de
Ifo-Institut · Tschernobyl
Auch interessant
Zurück
15.05.2017VWheute
Ifo-Präsi­dent Fuest fordert "Krisen-Versi­che­rung" für EU
Ifo-Präsi­dent Fuest fordert "Krisen-Versi­che­rung" für EU
26.07.2016VWheute
Ifo-Geschäfts­kli­ma­index fällt nur minimal Der Ifo-Geschäftsklimaindex fiel im Juli auf 108,3 Punkte von 108,7 Zählern, das berichtet das manager …
Ifo-Geschäfts­kli­ma­index fällt nur minimal
Der Ifo-Geschäftsklimaindex fiel im Juli auf 108,3 Punkte von 108,7 Zählern, das berichtet das manager magazin. Danach war der Rückgang deutlich geringer als befürchtet, wie die monatliche Umfrage des Instituts unter 7.000 Managern …
23.06.2016VWheute
"Schneller, höher, weiter geht nicht mehr" Schneller, höher, weiter geht nicht mehr. Das Zukunftsbild des Versicherungsvermittlers hängt nach Meinung …
"Schneller, höher, weiter geht nicht mehr"
Schneller, höher, weiter geht nicht mehr. Das Zukunftsbild des Versicherungsvermittlers hängt nach Meinung von Michael H. Heinz nicht von der Digitalisierung ab. "Wir müssen ein eigenes Kaufmannsbild kreieren", sagte der Präsident des B…
31.03.2016VWheute
Neuer Ifo-Chef will so unbe­quem sein wie sein Vorgänger Wie der scheidende Ifo-Chef Hans-Werner Sinn schlägt auch sein Nachfolger Clemens Fuest die …
Neuer Ifo-Chef will so unbe­quem sein wie sein Vorgänger
Wie der scheidende Ifo-Chef Hans-Werner Sinn schlägt auch sein Nachfolger Clemens Fuest die gleichen Töne an. Im Interview mit der FAZ warnt er vor den negativen Folgen eines Brexits und kritisiert die Nullzinspolitik der …
Weiter