Köpfe & Positionen

"Schwarze Schwäne als Ausrede für Missmanagement"

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Die Stimmen der Heads der Versicherer werden immer lauter. Nach seinem angekündigten Rückzug aus dem Vorstandsvorsitz wirkt Nikolaus von Bomhards vierseitiger FAZ-Aufsatz wie ein Vermächtnis über die Neubewertung von Risiko. Ins gleiche Horn stößt Allianz-Chef Oliver Bäte mit seinem vielbeachteten Youtube-Interview, in dem er über die Grundsätze der Marktwirtschaft sinniert. Von den Stabsstellen der Politik regnet es Beifall.
"Der Verweis auf angeblich Schwarze Schwäne ist letztlich ornithologische Rosstäuscherei. Meine These ist, dass die vermeintliche Unvorhersehbarkeit von Ereignissen nur allzu oft als Ausrede für fehlendes  Risikomanagement herhalten muss." In seinem Beweisgang auf über 20.000 Zeichen fragt sich Nikolaus von Bomhard, ob die Finanzkrise ein wirklich derart extremes Pech war, wie es die Menschheit in ihrer Geschichte wohl noch nie gesehen hat? "Eher geht es um blinden Glauben an fehlerhafte Modelle, um übertriebene Risikoneigung, um Gier und um mangelndes Risikomanagement", lautet seine Antwort.
Wer nach dieser Logik scheinbar schuldlos von einem Schicksalsschlag getroffen werde, dürfe auf die Solidarität des Staates und damit des Steuerzahlers hoffen. Bei diesen Rettungsmaßnahmen werden die Hintergründe, die zum Entstehen eines Katastrophenereignisses führen, nur selten aufgeklärt. "Diese Logik führt dazu, dass beispielsweise diejenigen Unternehmen, die im Rahmen ihres konservativen Risikomanagements darauf verzichtet haben, hochspekulativen Renditen hinterherzujagen, den Wettbewerbsvorteil verlieren, der eigentlich aus dieser Vorsicht im Krisenfall entsteht", fasst von Bomhard zusammen.
Diese Überzeugung teilt auch Allianz-Chef Oliver Bäte, die er in einem Youtube-Interview die Komplexität der Finanzplatzes runterbricht. "Es kann nie ein Finanzsystem geben, wo es keinen Ausfall gibt. Denn die Kosten zur Absicherung wären so unermesslich hoch, dass sich das System dann nicht mehr rechnet. Es gibt immer Risiko in einer Marktwirtschaft. Das einzige was wir sicherstellen müssen, ist, dass wir Kosten und Erträge für Risiko richtig verteilen." Deswegen verstehe er die Kritik der Menschen, dass Gewinne privatisiert und die Verluste sozialisiert werden. "Das ist eine Sauerei, das kann nicht sein."
Beide Manager sind sich einig, dass es ohne Risiko keinen Fortschritt und keine Innovationen gebe. Nach von Bomhards Einschätzung werden bei der Risikobewertung zwei Fehler gemacht: Erstens wird rückblickend eine zu kurze historische Zeitspanne als Grundlage der Beobachtung gewählt. Zweitens werden aktuell beobachtete Trends vorschnell in die Zukunft extrapoliert.
Obwohl man Risiko brauche, um zu wachsen: "Wachstum um jeden Preis oder um jedes Risiko ist ein Irrweg", warnt der Munich-Re-Chef. Für Unternehmen und Gesellschaft wäre es besser, wenn sie einen konstanteren Wachstumspfad einschlagen würden. Damit vermeide man die Gesamtbilanz aus kurzfristigem Boom und anschließendem Zusammenbruch.
Von Bomhards Vorschlag: Man dürfe nicht alles auf eine Karte setzen, man brauche Puffer: "Das bedeutet vielleicht auch, zugunsten eines nachhaltigen und damit langfristigen erfolgreichen Geschäftsmodells auf das letzte Quäntchen kurzfristig möglicher Marge zu verzichten." (vwh/dg)
Bild: Nikolaus von Bomhard, Vorstandsvorsitzender der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft (Quelle: Munich Re).
Nikolaus von Bomhard · Oliver Bäte
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