Schlaglicht

"EZB hat sich noch tiefer in die Sackgasse manövriert"

Von Tobias DanielTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Die Geldschwemme der Europäischen Zentralbank (EZB) geht in die nächste Runde. So hat die Notenbank den Leitzins erstmals auf 0,0 Prozent gesenkt. Auch das Anleihekaufprogramm soll deutlich ausgeweitet werden, der Einlagenzins auf -0,04 Prozent sinken. Allerdings stößt die EZB-Entscheidung durchaus auf Kritik - vor allem seitens der Versicherer.
"Die EZB hat sich noch tiefer in die Sackgasse manövriert. Mit größter Sorge sieht die Versicherungswirtschaft, dass die Notenbank ihre schon extrem expansive Geldpolitik noch weiter signifikant gelockert hat. Denn immer mehr Anzeichen deuten darauf hin, dass diese monetären Anreize ihr Ziel nicht erreichen", kommentiert Alexander Erdland, Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), die Entscheidung der europäischen Notenbank.
Dabei befürchtet Erdland, "dass diese unorthodoxe Geldpolitik das Gegenteil von dem bewirkt, was eigentlich beabsichtigt ist - nämlich mehr Wachstum und eine höhere Inflation. Die Notenbank läuft daher zunehmend Gefahr, von den Risiken und Nebenwirkungen ihres Tuns eingeholt zu werden. Wir appellieren erneut nachdrücklich an EZB-Präsident Mario Draghi, die geldpolitische Strategie im Euro-Währungsgebiet im Interesse von Wirtschaft und Haushalten neu zu denken", fordert der GDV-Präsident.
GDV-Chefvolkswirt Klaus Wiener ergänzt: "Der Sparer wird selbstverständlich enteignet und hat deshalb allen Grund, misstrauisch gegenüber der EZB-Niedrigzinspolitik zu sein – allein, man sieht den monetären Abwärtsdruck nur noch nicht in den Zahlen." Zudem stehe "wegen der demografischen Entwicklung in Deutschland die ganze Generation der Baby-Boomer vor einer Versorgungslücke. Diese Lücke wird durch den Zinsverfall vergrößert. Denn bei einem Rückgang der Rendite um nur einen Prozentpunkt müsste die Sparleistung um rund 15 Prozent erhöht werden, nur um bei Renteneintritt das gleiche Versorgungsniveau zu erreichen", ergänzt Wiener.
Für Otmar Lang, Chefvolkswirt der Targobank, "zeugt das große Bündel an Maßnahmen von einer enormen Nervosität seitens der obersten Währungshüter. Denn auch sie müssen sich eingestehen, dass ihre Geldpolitik bislang die Wirkung verfehlt hat". Dabei sei die Bilanz "ernüchternd: So ist es der EZB nicht einmal gelungen, die am leichtesten von ihr zu beeinflussenden Indikatoren in die gewünschte Richtung zu drehen", kritisiert Lang.
"Es ist vollkommen unnötig, dass die Europäische Zentralbank (EZB) den Geldhahn heute noch weiter aufgedreht hat. Die Notenbank überzeichnet die Deflationsrisiken", kommentiert Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes die EZB-Entscheidung. "Der Geldmarkt im Euro-Raum ist durch die EZB-Politik faktisch stillgelegt. Wirtschaftsreformen sowie die Sanierung von Bankbilanzen werden verschleppt. Doch auf all diesen Feldern hat die EZB heute noch einmal eine Schippe draufgelegt", kritisiert der Bankenvertreter die Entscheidung der Notenbank.
Aus Sicht des Finanzmarktexperten Sascha Steffen vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) stelle die EZB-Entscheidung "die Banken auch in Zukunft vor massive Probleme und ist ein Risiko für die Finanzmarktstabilität in Europa. Gerade die kleinen und mittelgroßen Banken sowie Sparkassen, die von Fristentransformationen leben, werden durch die Entscheidung benachteiligt. Sie werden in Zukunft Probleme haben, profitabel zu arbeiten".
Selbst die Exportwirtschaft sieht den Zinsschritt der europäischen Notenbank kritisch. So wertet Anton Börner, Präsident des Exportverbandes BGA, den Nullzins als "gute Nachricht für die Börsianer und für die Schuldenländer im Süden". Dennoch glaubt er nicht an einen wirtschaftlichen Erfolg der Maßnahme: "Man lullt die Schuldenstaaten ein. Sie machen keine Reformen, die Produktivität steigt nicht. Nord und Süd driften so noch weiter auseinander. Die deutschen Exporteure können vielleicht kurzfristig ein bisschen profitieren, weil der Euro weiter geschwächt wird. Auf der anderen Seite ist es aber schlecht für die Importeure". Für die deutsche Bevölkerung sei der Schritt zudem katastrophal, denn die Sparer würden dadurch "enteignet".
Marcel Fratscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, sieht in der Entscheidung "auch die Sorge der EZB über die schwächer werdende europäische Wirtschaft". Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, befürchtet jedoch, dass diese Geldpolitik kaum in der Realwirtschaft ankommen werde. "Denn die Nebenwirkungen sind massiv. Das Produktivitätswachstum lässt nach, weil auch unrentable Investitionen wegen der niedrigen Zinsen attraktiv erscheinen. Es steigt das Risiko, dass es in Deutschland am Immobilienmarkt zu Überhitzungen kommt. Außerdem wird der Anreiz für Euro-Länder gesenkt, notwendige Reformen durchzusetzen", befürchtet Krämer. "Die Medizin wird nicht wirken, auch wenn man die Dosis erhöht", prognostiziert Krämer die Politik von Doktor Draghi. (td)
Bildquelle: Jörg Brinckheger / pixelio.de
GDV · EZB
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