Assets im Blick: Neben Versicherern werden auch Pensionsfonds weiterhin langlaufende Anleihen benötigen, da sie jährliche Beiträge von ihren Mitgliedern und Plansponsoren einziehen.
Assets im Blick: Neben Versicherern werden auch Pensionsfonds weiterhin langlaufende Anleihen benötigen, da sie jährliche Beiträge von ihren Mitgliedern und Plansponsoren einziehen.Quelle: Deutsche Börse
Erschienen in Ausgabe 2-2020Märkte & Vertrieb

Maximale Belastung

Deutsche Lebensversicherer müssten rund 150 Mrd. Euro dreißigjährige Anleihen kaufen, um wieder die Zinssensitivität zu erreichen, der sie Anfang 2018 ausgesetzt waren

Von Karl HappeVersicherungswirtschaft

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Der starke Zinsrückgang in Europa letzten Sommer hat viele Marktbeobachter überrascht. Zwar verschlechterten sich die Konjunkturindikatoren und bereitete die Europäische Zentralbank (EZB) eine weitere Lockerung der Geldpolitik vor, gleichwohl erstaunten Tempo und Ausmaß der Bewegung. Ein Auslöser hierfür war sicherlich die europäische Lebensversicherungsbranche, angetrieben durch ein Asset-Liability-Management (ALM) unter Solvency II. Der Zinsrückgang zwischen Ende 2018 und Mitte 2019 führte sowohl zu Verlusten bei den Eigenmitteln als auch zu einem Anstieg des Kapitalbedarfs, da die Verbindlichkeiten der Lebensversicherer tendenziell umso zinssensitiver werden, je weiter die Zinsen fallen. Dieses im Finanzjargon Konvexität genannte Phänomen kommt dadurch negativ zum Tragen, dass viele Versicherungsverträge eine Mindestverzinsung garantieren, deren Finanzierung wiederum mit sinkenden Zinsen teurer wird. Dies führt zu einem prozyklischen Verhalten: Bei fallenden Zinsen müssen die Versicherer immer länger laufende Anleihen kaufen, was wiederum den Zinsrückgang verstärkt. Gleichzeitig verflacht sich die Zinsstrukturkurve, da die Versicherer die am längsten laufenden Anleihen am stärksten nachfragen. Diese bieten ihnen bei einem weiteren Renditerückgang den wirksamsten Schutz.

Analysen von Société Générale zufolge belastet ein Zinsrückgang um 50 Basispunkte die Solvenz der verschiedenen europäischen Lebensversicherer um sieben bis 26 Prozentpunkte; bei die meisten großen Versicherern lag die Belastung zwischen acht und 13 Prozentpunkten. Der tatsächliche Verlust an ökonomischer Solvenz war wahrscheinlich noch deutlich größer. Denn die Solvency-II-Regeln dämpfen gleich auf zweierlei Weise die Auswirkung von Zinsänderungen auf die regulatorische Solvenz. Erstens schlagen Zinsänderungen nur voll auf Cashflows von weniger als 20 Jahren durch; für längere Zeiträume wird der Forward-Zinssatz auf den sogenannten ultimativen Terminkurs („Ultimate Forward Rate“) fixiert. Letztgenannter Satz kann zwar im Laufe der Zeit angepasst werden, wenn er unrealistisch erscheint, dies geschieht aber nur langsam und mit Zeitverzögerung, um die Branche vor zu vielen Sprüngen und Anpassungen zu schützen. Zweitens befindet sich die Branche erst im vierten Jahr eines von der europäischen Versicherungsaufsichtsbehörde EIOPA vorgegebenen 16-jährigen Übergangs von den alten Solvabilitätsregeln zu einem vollständig marktwertbasierten System. Unter letztgenanntem Regime wäre der Verlust an…