Quelle: Konstantin Kolosov/ Pixabay 
Erschienen in Ausgabe 1-2020Politik & Regulierung

Historisches Überbleibsel oder aktuelles Forschungsgebiet?

Versicherungsmedizin zwischen Tradition und Zukunft

Von Dr. Andrea Popa und Prof. Dr. Joachim BreuerVersicherungswirtschaft

Lesen Sie den vollständigen Artikel

Erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln unserer Fachzeitschriften und Publikationen.

Seit der Antike entwickelte sich der Versicherungsgedanke über die Jahrhunderte stetig weiter hin zu immer komplexeren Ebenen. Von den antiken Griechen, die ihre Schifffracht mit Bodmerei absicherten, über den König Hammurabi, der das babylonische Sanktionssystem aufstellte, nahmen die Versicherungsstrukturen immer formellere Züge an. Bei der Krankenversicherung waren ab dem 13. Jahrhundert größere Zusammenschlüsse bei etwa den Bergleuten (Bruderschaften) zu finden. Erste Formalisierungen von staatlichen Strukturen nahmen mit dem im Jahr 1351 erlassenen „Statute of Laborers“ in England Formen an. Im Bereich der privaten Versicherung gab es bereits ab dem 17. Jahrhundert rasante Entwicklungen, als Versicherungsunternehmen anfingen, Geschäfte mit der Absicherung von privaten Risiken zu machen. Das große Feuer von London 1666 war das Schlüsselereignis, das zu der Etablierung von Versicherungsunternehmen für privates Eigentum führte – kurz darauf begannen private Unternehmen Versicherungspolicen gegen die Risiken von Feuer anzubieten. In Deutschland ist die Hamburger Feuerkasse, gegründet 1676, heute das älteste durchgehend bestehende Versicherungsunternehmen Deutschlands. In dieser Frühzeit wurde allerdings gegen Sachschäden versichert, Personenschäden wurden vernachlässigt.

Gesellschaftliche Entwicklung und soziale Not

Im Bereich der sozialen und gesundheitlichen Versorgung entwickelten Regierungen erst ab dem Ende des 18. Jahrhunderts ein formelleres Interesse daran, die arbeitende Bevölkerung gegen Krankheit und Arbeitsunfähigkeit großflächig zu versichern. Da die rasante Entwicklung der Industrialisierung zu der Zeit anfing, Spuren bei der arbeitenden Bevölkerung zu hinterlassen, wuchs auch das Bedürfnis nach einer medizinischen Versorgung. Das zunehmende Wachstum der Städte, getrieben von dem Aufbau produzierender Unternehmen, lockte Arbeitssuchende an, was wiederum die Infrastruktur belastete und zu chaotischen Zuständen führte. Zudem stieg die Gefahr einer Epidemie durch Hunger und Armut, die in diesen Ballungszentren herrschten.

Im Zuge der Industrialisierung stiegen auch die arbeitsbedingten Todesfälle. Die Menschen suchten deshalb zunehmend nach Möglichkeiten, die finanzielle Zukunft ihrer Familien im Todesfall abzusichern und spornten so die Etablierung der Lebensversicherung an. Nicht nur der Tod lauerte in den Fabriken – die Arbeitsbedingungen dort machten die Menschen krank: Staub, Abgase, Ruß und Dreck verschmutzten die Luft und raubten den…