Erschienen in Ausgabe 9-2019Trends & Innovationen

Libra oder Libra nicht?

Von Dr. Dirk SolteVersicherungswirtschaft

Im Rahmen der Vertragsfreiheit kann jeder sein eigenes Geld erschaffen. Ein Versprechen, formuliert auf einem Schuldschein, ist dann so etwas wie Geld, wenn es von einem anderen Vertragspartner akzeptiert wird. Libra, die geplante Kryptowährung der als gemeinnützig mit Hauptsitz in der Schweiz aufgestellten Association, ist nichts anderes, wenn die Darstellungen im Whitepaper umgesetzt werden. Nur, dass damit kein weiteres Versprechen abgegeben wird, als dass es im Ökosystem der Partner als Zahlungsmittel akzeptiert werden soll. Damit ist es fast mit Zentralbankengeld vergleichbar, der Unterschied besteht in der schuldbefreienden Wirkung gesetzlicher Zahlungsmittel. Libra-Münzen sollen gegen Bezahlung mit anderem Geld gekauft werden. Potenzielle Erträge daraus sollen zur Finanzierung der Betriebskosten, Investitionen und Renditen an die Frühanleger verwendet werden. Die privaten Besitzer von Libra sollen nur bei Intermediären die Möglichkeit haben, die Kryptowährung wieder gegen anderes fiat-money eintauschen zu können. Eine Annahmepflicht der Intermediäre ist aus dem Whitepaper nicht herauszulesen.
Im Prinzip stellt sich der Libra also als ein Konzept dar, bei dem ein Kunde bei einer Bank Bargeld gegen Kontogutschrift einzahlen kann, aber ohne die regulatorischen Absicherungen, die das Abheben vom Konto gewährleisten sollen. Werden das die fast 2,5 Milliarden Nutzer bei facebook verstehen, wenn sie ihr Geld gegen Libra tauschen? Wer soll sicherstellen, dass die Paymentpartner oder andere Intermediäre keine Libra-Kredite gewähren und hebeln? Die Regulatoren haben wohl schon erkannt, dass hier eine potenzielle Systemrelevanz von globalem Ausmaß entstehen kann. Der Libra ist der Lackmus-Test für die globale Regulatorik des Finanzsystems. Wo Banking drin ist, sollte selbstverständlich für ein level playing field auch eine dafür geltende Regelsetzung gelten und kontrolliert werden, auch ohne das Argument der Systemrelevanz.
Dass der Bankenverband dies einfordert zeigt, dass Zweifel aufkommen. China kündigt just in dieser Situation eine eigene Kryptowährung an. In einer Zeit, in der zunehmend das nationale Eigeninteresse an erster Stelle des politischen Anspruchs formuliert wird, ist es nicht auszuschließen, dass die Nationalität der Macher von Libra einen entscheidenden Einfluss auf die Entscheidungsfindung in der G20 haben wird.