Zinsen senken oder neue Anleihekaufprogramme: Im November übergibt EZB-Chef Mario Draghi an die ehemalige IWF-Chefin Christine Lagarde. Für die nächste EZB-Sitzung am 12. September deutete Draghi eine erneute Locherung der Geldpolitik an.
Zinsen senken oder neue Anleihekaufprogramme: Im November übergibt EZB-Chef Mario Draghi an die ehemalige IWF-Chefin Christine Lagarde. Für die nächste EZB-Sitzung am 12. September deutete Draghi eine erneute Locherung der Geldpolitik an.Quelle: picture alliance / dpa
Erschienen in Ausgabe 9-2019Politik & Regulierung

Es wird Zeit für eine Geldpolitik der umfassenden Stabilisierung

Die Europäische Zentralbank muss im September eine Richtungsentscheidung treffen

Von Dr. Jörg KrämerVersicherungswirtschaft

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Im Juni 2014 senkte die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Einlagensatz unter die Nullgrenze. Damit wollte sie erreichen, dass die Inflation wieder auf die angestrebten knapp zwei Prozent steigt. Aber die Inflation schwankt noch immer um nur ein Prozent, wenn man sie um die schwankungsanfälligen Energie- und Nahrungsmittelpreise bereinigt. Obwohl die negativen Zinsen bisher nicht gewirkt haben, dürfte die EZB ihre Geldpolitik auf der nächsten Sitzung am 12. September erneut lockern. Dieses Verhalten erinnert an einen riskanten Händlerspruch, der rät, den Einsatz zu verdoppeln, wenn eine Position unter Wasser liegt. Tatsächlich ist die enge Ausrichtung der Geldpolitik auf die Inflation riskant. Sie leistet nämlich dem Entstehen neuer gefährlicher Blasen an den Finanz- und Immobilienmärkten Vorschub. Es wird Zeit, dass die EZB zu einer Geldpolitik der umfassenden Stabilisierung findet, die nicht nur für langfristig stabile Preise sorgt, sondern auch für Finanzstabilität.

Finanzblasen viel gefährlicher als niedrige Inflation

Das Platzen spekulativer Blasen an den Immobilien- und Finanzmärkten ist die wirtschaftliche Geißel unserer Zeit. Sie hat viele Menschen in den USA und in Spanien um ihr Heim gebracht, sie hat Banken destabilisiert und die tiefste Rezession der Nachkriegszeit verursacht. Bis weit in bürgerliche Kreise misstrauen viele Menschen der Marktwirtschaft. Populisten am rechten und linken Rand haben Zulauf. Die westlichen Demokratien befinden sich in der Krise. Es darf zu keiner neuen Finanzblase kommen. 
Aber die Geldpolitiker der EZB fühlen sich nicht zuständig. EZB-Präsident Mario Draghi verweist auf die Bankenaufseher. Diese sollen mögliche Blasen an den Immobilienmärkten etwa dadurch verhindern, dass sie Banken mehr Eigenkapital vorschreiben, wenn diese über einen längeren Zeitraum sehr viele Hypothekenkredite vergeben. Aber solche aufsichtsrechtlichen Maßnahmen reichen nicht aus, wenn die Geldpolitik zu locker ist und die Menschen zum Schuldenmachen verführt. Drücken Wassermassen lange genug auf einen Damm, ist es mit Sandsäcken nicht getan. Das Wasser sucht sich seinen Weg. Die EZB verschließt die Augen vor den Risiken.

So sieht die neue geldpolitische Strategie aus

Die Zentralbank sorgt sich stattdessen vor allem darum, dass die Inflation unter den von ihr angestrebten knapp zwei Prozent liegt. Die auf kurzfristige Inflationsziele ausgerichtete geldpolitische Strategie verhindert, dass sich die EZB um das vordringliche Problem kümmert…