Quelle: SAP
Erschienen in Ausgabe 8-2019Schlaglicht

Verwurzelt, verwaltet, veraltet

Exkurs zum Umbruch in der deutschen Wirtschaft

Von Michael StanczykVersicherungswirtschaft

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Geht dem Standort D jetzt wirklich die Luft aus? Von der viel proklamierten Planungs-, Organisations- und Innovationskraft vergangener Tage jedenfalls scheint aktuell nicht mehr allzu viel übrig geblieben zu sein. Führende Konzerne stellen um auf Krisenmodus. Auf Gewinnwarnungen folgen Effizienzprogramme. Auf Effizienzprogramme folgen Kosteneinsparungen. Auf Kosteneinsparungen der Abbau von Stellen. Deutsche Bank, Deutsche Telekom, Siemens, Bayer, Thyssenkrupp, BASF –traditionsreiche Giganten kürzen ihre Belegschaft. Die Deutsche Bank etwa erwägt den Abbau von weltweit bis zu 20 000 Arbeitsplätzen, BASF-Chef Martin Brudermüller will Verwaltung sowie Serviceeinheiten bei dem Ludwigshafener Konzern komplett neu aufstellen und bis 2021 rund 6000 Stellen streichen. Bei VW werden 4000 Stellen in den Zentralfunktionen nicht neu besetzt. Der Autobauer muss milliardenschwere Investitionen in die E-Mobilität und ins autonome Fahren tätigen. Solche Dimensionen gab es lange nicht. Dagegen wirken die Programme der Versicherer geradezu mickrig. Unternehmen reagieren auf das schwierige konjunkturelle Umfeld, sagt Kai Bender, Deutschlandchef der Unternehmensberatung Oliver Wyman. Sie wollen sich robust machen.

So etwas wie die letzte große Sparwelle hatte die deutsche Wirtschaft im Jahr 2012/13 erfasst, als viele Firmen Umsatzrückgänge verbuchten. Damals starteten 22 von 30 Dax-Konzernen Programme zur sogenannten Effizienzsteigerung. In fast jedem Fall traf es vor allem den Overhead, sprich Verwaltungen, Konzernstäbe, Einkaufs- und Finanzabteilungen.

Dass heute am Standort Deutschland zu wenig perspektivisch gedacht wird und zu stark von Tag zu Tag, bemängeln dagegen die Kritiker. Der Schweizer Journalist Beat Balzli bringt es nüchtern auf den Punkt: „Während andere hochkomplexe Tunnelsysteme termingerecht durchs Alpenmassiv treiben, kriegt das Land Berlin nicht mal den Bau eines Flughafens auf die Reihe. Während Länder wie Japan ihre Züge auf die Sekunde und den Millimeter genau an Bahnhöfen stoppen lassen, jagt die Deutsche Bahn ohne Halt der verlorenen Zeit hinterher. Während andere schon mit dem jüngsten Mobilfunkstandard 5G arbeiten, steckt Deutschland in der Funklochdebatte fest. Während andere hippe Elektroautos bauen, manipuliert die weltweit größte Autoindustrie lieber jahrelang die Abgaswerte.“ Deutschland hinkt hinterher, wirkt in Unternehmertum, Strategie und Innovation lethargisch. Wundern sollte das allerdings nicht unbedingt. Seit der letzten Wirtschafts…