Quelle: ParentingupstreamPixabay
Erschienen in Ausgabe 8-2019Märkte & Vertrieb

Die Würde des Menschen ist unantastbar

Palliativmedizin zwischen Ertrag und Ethik

Von Maximilian VolzVersicherungswirtschaft

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Es wäre einfach, eine Geschichte über Palliativmedizin sentimental mit "Oma Erna" beginnen zu lassen. Eine die Tränendrüsen reizende Erzählung, in der eine wehrlose Person mit unbarmherziger Apparatemedizin gegen ihren Willen am Leben gehalten wird, damit sich wenige bereichern. Diese Fälle gibt es, sie sind ebenso grausam und unmenschlich wie kaum überprüfbar. Der Fall des Franzosen Vincent Lambert zeigt, wie wehrlos eine Person in einem Streit um das eigene Leben sein kann. Nach einem Motorradunfall im Jahr 2008 lag Lambert im Wachkoma, die Ehefrau und Ärzte wollten sein Leben beenden. Die Eltern des Verunglückten waren dagegen. Der Fall beschäftigte Gerichte über Jahre, bis Lambert letztendlich nach der Abschaltung der lebenserhaltenden Apparate im Juli 2019 starb. Die Mutter des Toten will die Ärzte wegen Mordes verklagen – und an dieser Stelle beginnen die Frage nach Selbstbestimmung, Tod, Lebenserhaltung und Geld; denn das Sterben ist ein Milliardengeschäft. Und Fälle wie die von Lambert gibt es auch in Deutschland.

Geld und Gier größer als Eid?

Der Palliativmediziner Dr. Matthias Thöns kritisiert das System in Deutschland scharf, spricht von einem "Sterbeverlängerungskartell". Die Gründe für die künstliche Lebensverlängerung seien "Geld, Geld, und nochmals Geld". Eine Übertherapie gäbe es nur bei Hochpreismedizin, erklärt der Autor eines Buches zur Palliativmedizin. Dieser Medizinbereich beschäftigt sich mit der Behandlung und Begleitung von Patienten mit einer nicht heilbaren, fortgeschrittenen Erkrankung mit begrenzter Lebenserwartung sowie der Angehörigenbegleitung. Nicht zu verwechseln ist das mit der aktiven Sterbehilfe. Unterstützung erhält Thöns in seiner Kritik an der künstlichen Lebenserhaltung von Gian Domenico Borasio, Doktor und Professor an der Universität Lausanne. Für ihn ist die "Durchökonomisierung des Gesundheitssystems" die größte Gefahr für die Selbstbestimmung. Wenn Patienten nicht als "leidende Menschen, sondern als Kosten- und Profitfaktoren" angesehen werden, sei die Übertherapie am Lebensende "die logische Folge". Übertherapie ist kein Kavaliersdelikt. Jede Behandlung gegen den Willen des Patienten ist eine Körperverletzung – aber auch lukrativ.  Diese Art der Medizin "verteuert das Lebensende massiv und gestaltet es unnötig qualvoll", erklärt Borasio. Keine Gesellschaft könne sich so eine Medizin leisten – nicht finanziell und schon gar nicht menschlich, assistiert Thöns.
Auch abseits der Ärzteschaft herrscht Klarheit über…