Erschienen in Ausgabe 7-2019Köpfe & Positionen

Sicherheit als universelles Bedürfnis

Ein Blick aus der Informatik in Memoriam Peter Koch

Von Prof. Dr. Wolfgang KochVersicherungswirtschaft

Lesen Sie den vollständigen Artikel

Erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln unserer Fachzeitschriften und Publikationen.

Sicherheit ist ja nicht allein die Domäne der Ver-Sicherung. Sie ist vielmehr ein universelles Bedürfnis, zu dessen Stillung viele Zweige der Wissenschaft und Wirtschaft beitragen, zum Beispiel auch meine Profession, die Informatik, die künstliche Intelligenz, die Überwachungstechnik für innere und äußere Sicherheit.

So selbstverständlich ist der Wunsch nach Sicherheit vielleicht doch nicht, wie wir glauben möchten. Nicht weit von Gotha, in Schulpforta, ist Friedrich Nietzsche zur Schule gegangen. Nach Naumburg, später nach Weimar, kehrte er zurück. Für ihn war Sicherheit gerade nicht erstrebenswert: „Denn – glaubt es mir – das  Geheimnis, um die größte Fruchtbarkeit und den größten Genuss vom Dasein einzuernten, heißt gefährlich leben!“, schreibt er in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“. „Baut eure Städte an den Vesuv! Schickt eure Schiffe in unerforschte Meere! Lebt im Kriege mit Euresgleichen und mit Euch selbst!“ Aber Nietzsches Lebensentwurf ist gescheitert. So zu leben, ist nicht menschlich. In einer „gefährlichen Welt“ wird Sicherheit vielmehr zum Grundbedürfnis und zur Voraussetzung für geistige Freiheit und kulturelle Früchte. Mein Vater führt das Beispiel Schillers an, der geistig zu Thüringen gehört, in diese Landschaft um Gotha: „Das, wonach ich mich schon so lange ich lebe auf aufs feurigste gesehnt habe, wird jetzt erfüllt“, schreibt Schiller an seinen Freund Körner. „Ich bin auf lange, vielleicht auf immer aller Sorgen los. Ich habe die längst gewünschte Unabhängigkeit des Geistes. Heute erhalte ich Briefe aus Kopenhagen  […], die mir auf drei Jahre jährlich Tausend Taler zum Geschenk anbieten…“.

Als Phänomen des menschlichen Lebens ist das Sicherheitsbedürfnis aber auch Gegenstand philosophischer, psychologischer und historischer Spekulation, denen Peter Koch nachging. Schopenhauer, auch er ist ja mit dieser Gegend im Herzen Deutschlands verbunden, schreibt: „Unsere Maxime aber sei: opfere den bösen Dämonen! […] Die deutlichste Exemplifikation dieser Regel ist die Assekuranzprämie. Sie ist ein öffentlich […] dargebrachtes Opfer.“

Siegmund Freud ist eher auf der Seite Nietzsches: „Durch den Fortschritt der Kultur tauscht der Mensch zunehmend ursprüngliche Glücksmöglichkeiten gegen Sicherheit und abgedämpfte Leidenschaftlichkeit ein.“ Und Stefan Zweig spricht vom 19. Jahrhundert, vom bürgerlichen Jahrhundert, als einem Jahrhundert der Versicherung: „Das Jahrhundert der Sicherheit wurde das goldene Zeitalter des Versicherungswesens. […] Nur wer…