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Erschienen in Ausgabe 7-2019Schlaglicht

Kernprobleme

Versicherer kratzen an der Schwelle zur Perfektion – zumindest, wenn es um ihre reine Performance geht. Dieser gute Eindruck täuscht über strukturelle Schwierigkeiten in der IT hinweg. Sie sind gravierender als vielfach vermutet.

Von Michael StanczykVersicherungswirtschaft

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Giulio Terzariol lässt gerne die Zahlen für sich sprechen. Auch diesmal, an diesem kühlen Dienstagmorgen Mitte Mai, als Branchenprimus Allianz zur Telefonkonferenz lud, um der Öffentlichkeit seine Quartalsergebnisse zu präsentieren – die Spannung groß, die Fragen heiß. Wohin zeigt die Leistungskurve? In welche Richtung bewegt sich das Geschäft nach 2018? Wo liegen neue Marktpotenziale? Ohne große Umschweife verwies der Finanzvorstand am anderen Ende der Leitung auf die belastbaren Fakten. Mehr braucht es derzeit auch gar nicht, um die Über-Macht des Versicherungskonzerns aus der Münchener Königinstraße in Worte zu fassen. Von Januar bis März wuchs der operative Gewinn um 7,5 Prozent auf drei Mrd. Euro. Der Umsatz stieg in den ersten drei Monaten um 9,3 Prozent auf 40,3 Mrd. Euro, nachdem es 36,9 Mrd. Euro im Vorjahr waren. Für das Gesamtjahr rechnet der Versicherer mit einem operativen Ergebnis von 11,5 Mrd. Euro und einer Spanne von 500 Mio. Euro nach oben wie nach unten.

Der Wirtschaftstanker Allianz hat noch einmal den Turbomotor angeworfen. Und der brummt gehörig. Durchschnittlich verdient der DAX-30-Player mittlerweile eine Milliarde Euro pro Monat. Der Versicherer ist eine wahre Geldmaschine, die ihres Gleichen sucht im deutschen Finanzsektor. Ob neue Konkurrenz, schwächere Konjunkturaussichten oder interner Umbau, die Münchener bleiben resilient, widerstandsfähig. Die Allianz kratzt an der Schwelle zur Perfektion – zumindest, wenn es um die Performance geht. Was aber ist schon perfekt in einem Geschäft, bei dem den Top-Manager das immerwährende Gefühl beschleicht, dass noch mehr geht?

Maximale Agilität

Der Terminus „perfekt“ an sich ist schwer zu definieren und gerade im Versicherungskosmos selten zu hören – intern, hinter den ovalen Vorstandstischen beim Blick auf den Jahresabschluss, aber auch extern, wenn man bei zahlreichen Fachtagungen und Branchentreffs zwischen Hamburg, München, Berlin oder Köln auf Stimmenfang geht. Zu groß das Bewusstsein für das Unkalkulierbare, zu vehement das Streben nach fortwährender Verbesserung in einem durchaus anfälligen Finanzmarkt. Eine nachvollziehbare Haltung. Schließlich kann das Pendel schnell umschlagen und das ungehemmte Verlangen nach dem perfekt sein dazu führen, dass zentrale Voraussetzungen für Innovation – dezentrale Entscheidungen, Fehlerkultur und Eigeninitiative – nicht geschaffen werden.

So trivial es klingen mag. Die optimale Organisation hängt immer von den jeweiligen Rahmenbedingungen und…