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Erschienen in Ausgabe 7-2019Schlaglicht

Ein ganzes Land als Start-up

Wieviel Digitalisierung verträgt eine Gesellschaft und welche Auswirkungen hat das auf den Vermittler-Stand? Blickt man in das  kleine Estland, scheint der digitale Bürger längst eine Realität zu sein.

Von Tobias DanielVersicherungswirtschaft

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Estland – die nördlichste der drei baltischen Republiken - eingepfercht zwischen den übermächtigen Nachbarn Russland im Osten, den Letten im Süden und der „Westsee“ (estnische Bezeichnung für die Ostsee) wirkt heute auf den Blick für manch ausländischen Besucher jung, trendy und hipp. Allein schon die Ankunft am Flughafen lässt diesen Eindruck erahnen: Bunte Möbel, deren Gestaltung und Farben an die eines bekannten schwedischen Möbelhauses erinnern – dazu ein Flügel, eine Tischtennisplatte und eine Luxuslimousine zwischen den insgesamt 18 Fluggates mit Flugverbindungen in die Metropolen der unmittelbaren Nachbarn.
Doch trotz aller bunten Jugendlichkeit, die einen vermeintlich am Flughafen empfängt: Die Bürde der Jahrhunderte mit wechselnden Herrschern und Besatzern hat in der estnischen Hauptstadt Tallinn ihre tiefen Spuren hinterlassen. Angefangen vom Deutschen Orden über die dänische Oberhoheit im 14. Jahrhundert und die Schutzmacht Schweden bis hin zu den russischen Zaren und der sowjetischen Okkupation von 1940 bis 1991 – sie alle hinterließen ihre Spuren in der kleinen Baltenrepublik mit gerade einmal 1,3 Millionen Einwohnern. Die Alexander-Newski-Kathedrale in unmittelbarer Nachbarschaft des estnischen Parlaments, die mittelalterliche Stadtmauer oder „Chruschtschows Bungalows“ unweit des Freiheitsplatzes sind nur die bekanntesten Überbleibsel aus der wechselvollen Geschichte.

Eine digitale Bürgerkarte für alle Behördengänge

Mit der Unabhängigkeitserklärung Estlands während des August-Putsches gegen den damaligen sowjetischen Staats- und Parteichef Michael Gorbatschow haben es die freiheitsliebenden Esten dennoch geschafft, binnen weniger Jahre aus einem sehr kleinen und sehr armen Land praktisch ein wirtschaftlich boomendes digitales Start-up zu entwickeln. Die vielgerühmte Digitalisierung, über die in Deutschland seit Jahren in allen möglichen Facetten diskutiert und debattiert wird, war für die Baltenrepublik quasi das Patentrezept zur wirtschaftlichen und staatlichen Überlebensfähigkeit. Internet und Technik galten dabei in erster Linie als Notlösung, die obendrein noch besonders kostengünstig war.
Bestes Beispiel: Fast 90 Prozent aller Esten geben ihre Steuererklärung mittlerweile digital ab – binnen zehn Minuten auf dem Smartphone auf dem Weg zum Arbeitsplatz in der Straßenbahn. Und dies auch noch staatlich gefördert. Kristina Kallas, Direktorin des Narva College, einer Außenstelle der Universität Tartu, brachte dies einst kurz und knapp auf dem…