Quelle: DVAG
Erschienen in Ausgabe 6-2019Köpfe & Positionen

Geldmaschine 2.0

Im Profil: Andreas Pohl, Vorstandsvorsitzender DVAG

Von Alexander KasparVersicherungswirtschaft

"Man braucht nicht nur im privaten Bereich eine Heimat, in unserer heutigen Zeit braucht man erst recht im beruflichen Bereich eine Heimat, ja eine Familie. Ich kenne keine Gesellschaft in Deutschland, die stärker als wir diese Familiengemeinschaft verkörpert". Gesagt hat diesen Satz Andreas Pohl auf dem traditionellen Familientag der DVAG 2015, ein Jahr nachdem Vater Reinfried, Gründer und bis zuletzt Patriarch des Unternehmens, verstorben war. Damit erneuerte der Sohn das Credo seines Vaters und beendete jegliche Spekulation darüber, wie es im Hause Pohl nun weitergeht: Es gibt keine Diadochen-Kämpfe, es wird keine schmutzige Wäsche gewaschen, wir bleiben auf Kurs.
Wer das Erfolgsrezept der Familie Pohl im Allgemeinen und das des jüngsten Sproß` Andreas im Besonderen verstehen will, der muss verstehen wie Familien, erfolgreiche zumal, funktionieren. Einfach erklärt lautet deren Credo: Wir halten zusammen, wir stehen für einander ein und wir lassen niemanden hängen, nur weil er gerade Pech hat. Differenzierter betrachtet zeichnen sich erfolgreiche Familienunternehmen nicht nur durch einen Macher an der Spitze aus, sondern durch einen mächtigen Macher. Dieser hat die Kapital- und Führungsmacht in seiner Hand, er orientiert sich an einer langfristigen Unternehmensstrategie und stellt die Interessen des Unternehmens an die erste Position. Laut Untersuchungen zeichnen sich erfolgreiche Familienunternehmen auch durch eine besondere Selbsterneuerungskräfte aus. Studien belegen, dass es allen erfolgreichen Unternehmen gelungen ist, auch in schwierigen Märkten und Zeiten ihre Markt- und Wettbewerbsposition zu verbessern und sie national wie international behutsam auszubauen, eine starke Führung vorausgesetzt. Darüber hinaus halten sie an Traditionen und Werten fest, etablieren dazu Strukturen, die es ihnen dennoch ermöglichen, schneller und flexibler als andere Unternehmensformen auf Veränderungen zu reagieren. Den Rahmen bilden Instrumente, die denen von gut geführten Aktienunternehmen ähneln. So haben Forscher festgestellt, dass Familienunternehmen langlebiger, unternehmerischer, familiärer, kurz erfolgreicher sind, weil sich eine Familie im Zweifelsfall immer für das Unternehmen entscheidet. Natürlich gibt es auch das Risiko von Familienstreitigkeiten und bei Misserfolg der Mitarbeiter enttäuschte Bindungen und das Gefühl verratener Loyalitäten, doch in der Regel lassen sich solche Schäden begrenzen.

Im Schatten des übermächtigen Vaters

Eine solche Zuschreibung dürfte auch das Wesen und die Erfolgsfaktoren der heute von Andreas Pohl geführten DVAG vortrefflich charakterisieren. Andreas Pohl, zweitältester Sohn des legendären Firmengründers Reinfried Pohl Sr. und fünf Jahre jüngerer Bruder von Reinfried Pohl Jr., wurde 1965 in Marburg geboren. Die Mutter Anneliese, geborene Klingelhöfer, entstammt einer alteingesessenen Konditorenfamilie, die noch heute in Marburg ansässig ist. Schon früh lernen beide Söhne, was es heißt, wenn ein bienenfleißiger Vater Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen versucht und Frau und Söhne jedes Wochenende auf Geschäftstreffen, Tagungen und Vertriebsveranstaltungen mitnimmt. Dabei würde Andreas Pohl seine Freizeit gerne auf dem Fußballplatz verbringen oder mit Freunden auch mal eine Party feiern, doch die Familie und das Geschäft gehen vor, das merken Andreas und sein Bruder Reinfried schnell und fügen sich in das unvermeidliche, denn "die Jungs haben das voll mitbekommen, weil ich alles zu Hause besprochen habe", wie Vater Pohl einmal sagte. Gemeint sind die Geburtswehen, die schließlich zur Gründung der DVAG geführt haben. Konkret ging es in diesem Zusammenhang um eine Vertriebskonferenz 1974 in Mainz, die der Versicherer Deutscher Herold, für die Pohl Senior höchst erfolgreich Policen verkaufte, veranstaltet hatte um die zukünftige Vertriebsstrategie, die weiter die alte bleiben sollte, zu verteidigen. Das Bild eines Allfinanzvertriebes schon im Kopf, entzweit sich Pohl vom Herold und geht, bedroht von Klagen und Prozessen unbeirrt weiter seinen Weg und gründet 1975 mit dem Kauf der Kompass-Gesellschaft für Vermögensanlagen mbH mit Sitz in Frankfurt die Allgemeine Vermögensberatung, die schon bald in Deutsche Vermögensberatung umbenannt wird. "Ohne meine Frau wäre ich damals nicht zurück ins Geschäft gegangen", sagte der promovierte Jurist Jahre später zu diesem entscheidenden Karrierekapitel. Solche Erfahrungen schweißen die Familie zusammen, das erleben die Söhne zehn- und fünfzehnjährig hautnah. Möglicherweise entstand schon damals der Wunsch, den Vater zu unterstützen, denn nach der Schule geht Andreas Pohl beim DVAG Partner Aachen-Münchener-Versicherung in die Lehre, die er als Versicherungskaufmann abschließt. Es folgt noch ein Auslandsaufenthalt in den Vereinigten Staaten von Amerika, bevor Andreas Pohl, gemeinsam mit seinem Bruder Reinfried, der seinerseits sein Studium der Betriebswissenschaften absolviert hat, 1984 der Eintritt in die väterliche Firma. Hier im eigenen Ökosystem, gefördert und tatkräftig von Vater Pohl unterstützt, entwickelt sich Andreas Pohl, der schon während seiner Ausbildung fleißig Verträge und Policen gesammelt hat, zum Vollblut-Vertriebler. Sukzessive steigen er und sein Bruder Reinfried immer weiter auf in der Firmenhierarchie, bis beide im Juli 1991 Generalbevollmächtige im Unternehmen werden. Das bleiben sie auch 23 Jahre lang im Schatten des nach aussen hin übermächtig wirkenden Gründervaters. Andreas Pohl heiratet und Ehefrau Jaqueline bringt drei Kinder zur Welt, von der eine, Nathalie Luisa Pohl 2014 mit 19 Jahren den Frauenweltrekord bei der Durchquerung des Bodensees und weitere zwei Jahre später den selben Titel als Freiwasserschwimmerin für die Durchquerung der Straße von Gibraltar in der Rekordzeit von zwei Stunden und 53 Minuten erringt. Immer mit dabei, als familiär-moralische Unterstützung, im Begleitboot Papa Andreas. Die sogenannte Serie der "Ocean´s Seven", die Überwindung sieben bis zu 44 Kilometer breiter Wasserstraßen rund um den Globus, wie dem Ärmelkanal, der Cook-Straße zwischen den Nord- und Südinseln Neuseelands oder dem Kawi-Kanal um Hawaii haben sich die beiden vorgenommen. Haie, Stürme, Strömungen und viel Verkehr sind dabei allgewärtige Risiken, ganz so wie im Vertriebsgeschäft. Andreas Pohl ist dabei "immer wieder froh, wenn sie angekommen ist". Was Mutter Jaqueline zu diesen Abenteuertouren sagt ist jedoch nicht überliefert. Man darf auch annehmen, dass Andreas Pohl privat etwas mit den Namen Jay Leno und Jeremy Clarkson anfangen kann. Ersterer sammelt Oldtimer wie Andreas Pohl selbst und mit dem legendären BBC-Moderator der Kult-Autosendung Top Gear verbindet Pohl die Leidenschaft abenteuerlicher Autoreisen in die letzten Winkel der Welt. Da schläft der Manager auch schon mal in einem Zelt. Auch bei der italienischen Oldtimer-Rallye Mille Miglia oder diversen Concours d´Elegance ist Andreas Pohl regelmäßig zu Gast, als Teilnehmer wahlweise in einem "James Dean Porsche" 550 Spyder RS, einem Mercedes-Benz 710 SS, Baujahr 1930, einem Alfa Romeo 6C 2500 SS, Baujahr 1946 um nur einige wenige zu nennen. Man muss auch gönnen können, in diesem Falle sich selbst. Das sind aber die einzigen Exentrizitäten die sich Andreas Pohl leistet. Überhaupt dringen nur ganz wenige private Informationen nach aussen. Skandale und Affären sind im Hause Pohl unbekannt oder sie werden, wie sich dies bei Familienangelegenheiten so gehört, strikt intern geregelt. Das gilt selbstverständlich auch für alle geschäftlichen Belange zumal die Firma ohnehin, de facto seit ihrer Gründung, zur erweiterten Familie gehört. "Die DVAG ist im Grunde kein Unternehmen, sondern eine familiäre Berufsgemeinschaft" sagt Andreas Pohl über das Unternehmen einmal in einem Interview und das ist durchaus wörtlich gemeint, denn die rund 17.000 hauptberuflichen Vermögensberater in Deutschland, Österreich und der Schweiz, sind im Grunde lauter selbständige Unternehmer, die immer im Dienst sind und dabei auch die Unterstützung der eigenen Familie benötigen. "Nicht nur der Unternehmer, auch die Familie muss Anerkenung erfahren", ist man sich in der Marburger Firmenzentrale sicher. Und Anerkennung gibt es reichlich, in Form von Reisen, Geld und Events, bei denen man sich selbst und seine Erfolge feiert.                    

Pompöse Parties als Motivation für Mitarbeiter

Dabei gilt auch hier wieder: Think big! Dieser Spirit beseelt den 54-jährigen Manager, der überhaupt kein Problem damit hat, vor einer freudig erregten Zuhörerschaft mit mehr als 12.000 Vermögensberatern und ihren Lebenspartnern in der Kölner Lanxess Arena eine ansprechende Rede zu halten und die Fans und ihre Familien, inklusive der eigenen, zu begeistern. Bei allem pomp and circumstance, moderiert von der ersten Liga deutscher TV-Größen, bei der Weltstars wie weiland Rekordweltmeister Michael Schumacher, dem die Pohls als Familie bis heute eng verbunden sind, Fußballbundestrainer Joachim Löw oder Kulttrainer Jürgen Klopp auftreten. So schafft man sich Freunde fürs Leben, Menschen die gerne bei und für die DVAG, von wenigen Ausnahmen abgesehen, arbeiten und so weiter Vermögen vergrößern, ihr eigenes und das der Familie Pohl. Die wiederum teilt gern, wie die bombastische Jubiläumsveranstaltung im Hafen der maltesischen Hauptstadt La Valletta zum 40. Geburtstag der DVAG im Jahre 2014 zeigte. Gleich vier Kreuzfahrtschiffe der Aida-Flotte brachten tausende Berater, Assoziierte, Freunde und Geschäftspartner nach Malta, und weil man da unter sich bleiben wollte, wurde gleich der gesamte Hafen inklusive Restaurants gebucht. Von diesen Events sprechen Teilnehmer noch heute und beziehen daraus ihre langanhaltende Motivation. Als guter Psychologe, der Reinfried Pohl Senior war, weiss man im Hause Pohl schon lange wie man Loyalitäten schafft und Menschen an das Unternehmen bindet.
Ein einschneidender Vorgang für die gesamte Familie Pohl ist der Tod von Anneliese Pohl im Juli 2009. Reinfried Pohl Senior reist nicht, wie sonst üblich, zum alljährlichen Inncentive-Event, sondern überläßt erstmals seinen Söhnen gemeinsam die Bühne. Die füllen das geforderte Format auch aus und schaffen es, die dem Vater geschuldete Loyalität der versammelten Nachwuchs-Berater auf sich zu übertragen. Dort im fernen Südafrika empfangen Reinfried und Bruder Andreas die Ergebensheitsadresse der, im Firmanjargon "Admiräle" genannten Führungsriege: "Ihr seid die Zukunft. Wir stehen hinter euch, wie wir hinter eurem Vater stehen." Damit ist der Übergang geschafft, auch wenn Reinfried Sr. da noch weitere acht Jahre Vorstandsvorsitzender der DVAG bleibt. In dieser Zeit wuchern Gerüchte und Spekulationen, wie es denn wohl nach der Ära Reinfried weitergehen wird, wer zukünftig der starke Mann an der Spitze wird und ob der Konzern verkauft oder unter den Brüdern aufgeteilt wird. Der "Ernstfall" trat dann 2014 mit dem Tod des Gründers ein, plötzlich standen Reinfried jr. und Andreas voll im Rampenlicht der öffentlichen Erwartungen und sie sollten sich erfüllen. Anlässlich einer Veranstaltung von Führungskräften der DVAG in Marburg gab der Vorsitzende des Aufsichtsrates, Ex-Kanzleramtsminister Friedrich Bohl (CDU), die Entscheidung des Aufsichtsrates über die Nachfolge bekannt: Zukünftig leiten Andreas Pohl und Reinfried Pohl als gleichberechtigte Geschäftsführer und Gesellschafter die Deutsche Vermögensberatung Holding in Marburg, die sich zu 100 Prozent im Besitz der Familie Pohl befindet. Die Holding hält die Mehrheit von 60 Prozent an der Deutschen Vermögensberatung AG in Frankfurt. damit soll sichergestellt werden, dass die Eigenständigkeit der DVAG als Familienunternehmen gewahrt bleibt. Andreas Pohl wird, wie schon sein Vater, den Vorsitz des Vorstandes der Deutschen Vermögensberatung AG in Frankfurt übernehmen. Reinfried Pohl wird weiterhin als Generalbevollmächtigter seine Aufgaben innerhalb der DVAG wahrnehmen.

Wer stürzt den König?

Heute ist Andreas Pohl, der joviale Kommunikator, das bekanntere Gesicht in der Aussendarstellung des Unternehmens. Das Image aus den 1990er Jahren von der größten "Drückerkolonne Deutschlands" ist überwunden und mit der Übernahme des Exklusiv-Vertriebs der Generali (EVG) mit ihren mehr als 2500 Beratern erfolgte Anfang 2018 das Meisterstück und aus der Branche heraus quasi der Ritterschlag. Wieviele der Kunden noch übrgbleiben, wenn sie merken, dass sie nicht mehr bei der Generali versichert sind wird die Zukufnt zeigen, aber aktuell sind die Zahlen ja hervorragend, wie der Konzernbericht vom März 2019 ausweist. Demnach stieg der Konzernumsatz im vergangenen Geschäftsjahr um 16,4 Prozent auf nunmehr 1,57 Mrd. Euro und der Konzernjahresüberschuss um 3,1 Prozent aus 202 Mio. Euro. Daneben legte der Gesamtbestand der betreuten Verträge um sechs Prozent auf insgesamt 205,3 Mrd. Euro zu.  Andreas Pohl, nun ganz in seiner Rolle als Vorstandsvorsitzender angekommen, kommentierte diese Zahlen wie folgt: "Im harten Wettbewerb machen unsere Vermögensberater durch eine enge Kundenbeziehung den entscheidenden Vorteil aus. Die Chancen, die sich uns 2019 bieten werden wir ergreifen. Wir werden hinterfragen und weiterentwickeln, vorantreiben und mitgestalten, denn unser großes gemeinsames Ziel ist es, auch weiterhin zu wachsen und noch erfolgreicher zu werden". Das werden die Berater mit ihren mittlerweile acht Mio. Kunden sicher gerne hören. Und so wachsen sie weiter in Marburg, mit ihrem Familien-Konzept und fliegen als Strukturberater weiter unterhalb des Bafin-Radars. Bleibt zum Schluss nur noch die Frage, ob der Übergang von Generation zwei zu drei genauso reibungslos funktioniert wie der von der ersten zur zweiten. Schließlich stehen in der dritten Generation zusammen acht Pohl-Kinder zur Nachfolge bereit. Die gingen zwar nicht durch die harte Schule ihrer Väter und sind auch nicht so nah dran am operativen Geschäft, aber auch in Zukunft gilt wohl im Hause Pohl, die Familie steht zusammen und die wird sich immer einigen.