w  Prof. Dr. Elmar Giemulla, er befasst sich seit etwa 40 Jahren mit Luftfahrtpolitik, -recht und -verwaltung. Er hat einen akademischen Hintergrund und ist Professor für Luftrecht an der Technischen Universität Berlin and an der Embry-Riddle Aeronautical University. Honorarprofessor für Luftrecht an der Technischen Universität Berlin
w  Prof. Dr. Elmar Giemulla, er befasst sich seit etwa 40 Jahren mit Luftfahrtpolitik, -recht und -verwaltung. Er hat einen akademischen Hintergrund und ist Professor für Luftrecht an der Technischen Universität Berlin and an der Embry-Riddle Aeronautical University. Honorarprofessor für Luftrecht an der Technischen Universität BerlinQuelle: picture alliance / dpa
Erschienen in Ausgabe 6-2019Schlaglicht

"Die Produkthaftung hat Boeing abgedeckt, aber nicht die punitive damage"

Luftfahrtexperte Prof. Dr. Elmar Giemulla über den Strafschadenprozess bei Boeing

Von David GorrVersicherungswirtschaft

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Im Welt-Interview im März sagten Sie, dass auf Boeing ein historischer Strafschadenersatz zukommt. Nun ist ein weiterer Monat vergangen, die 737 Max-Maschinen sind weiterhin auf dem Boden und erste Opfer klagen, dennoch ist die Boeing-Aktie nur leicht gefallen. Wie passt das zusammen? Wird der Schaden für Boeing nicht so teuer wie Sie annehmen?

Doch, das wird er sicherlich. Was den Kurs der Aktie anlangt, muss man allerdings zwei Dinge sehen: Zum einen wird die US-Regierung Boeing sicherlich nicht in Konkurs gehen lassen. Das würde eine Schlüsselindustrie zerstören und Tausende von Arbeitsplätzen vernichten (too big to fail). Zum anderen werden Luftfahrzeuge auf dem Weltmarkt dringend benötigt. Airbus könnte die Lücke niemals füllen. Das gilt auch für die Max. Der Airbus Neo kann gar nicht in so großen Stückzahlen produziet werden, dass er einen Ausfall von 5.000 Boeings kompensieren könnte. Hieraus speist sich wohl die Zuversicht des Aktienmarktes.

Talanx erklärte, dass Boeing eine Produkthaft-Police bei einem Konsortium abgeschlossen hat, an dem der Versicherer beteiligt ist. Hat Boeing damit nicht viele Schäden zu befürchten?

Die Produkthaftung ist sicherlich abgedeckt, wohl aber nicht der punitive damage, d. h. die Verdreifachung des Schadensersatzes aus Bestrafungsgründen.

Welche Beispiele für punitive damage können Sie nennen?

2014 wurde die Tabakfirma Reynolds zu 23,6 Mrd. US-Dollar punitive damages verurteilt – zusätzlich zu den 16 Mio. US-Dollar compensatory damage wegen des Todes eines Familienmitglieds. Im Stella-Liebeck-Prozess gegen McDonald’s bekam die Klägerin 160.000 US-Dollar Schmerzensgeld und 480.000 US-Dollar punitive damage zugesprochen, weil sie sich an zu heißem Kaffee verbrüht hatte, nachdem McDonald‘s vorher Beschwerden über die Temperatur ignoriert hatte. 
Ganz aktuell ist der Fall von Monsanto, der mit dem verkaufte Mittel Roundup erheblich zu der Krebserkrankung des Klägers Edwin Hardeman beigetragen habe. Der eigentliche Schadenersatz für Hardeman beträgt fünf Mio. Dollar. Die zusätzliche Strafschadenzahlung setzte die Jury mit 75 Mio. Dollar fest.

Das kontroverse MAC-System, das den Piloten die Kontrolle über das Flugzeug nehmen kann, wurde aus Kosten- und Zeitgründen in das alte, bestehende 737-Design eingebaut, das wiederum auf prinzipielle Entwürfe aus den Sechzigerjahren zurückgeht. Wäre es an dieser Stelle nicht sinnvoller ein komplett neues Flugzeug zu bauen, statt das Risiko weiterer möglicher Abstürze in Kauf zu nehmen?

Auf…