Quelle: Boeing
Erschienen in Ausgabe 4-2019Trends & Innovationen

Schadenprisma März 2019

Boeing droht historischer Strafschadenersatz

Von VW-RedaktionVersicherungswirtschaft

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Die heutigen Verkehrsflugzeuge sollen sparsam sein, weit fliegen, lange halten – bei möglichst geringer Wartung. Um all das zu erreichen, hat Boeing im Konkurrenzkampf mit Airbus jedoch die wichtigste Komponente vernachlässigt: Die Sicherheit. Statt ein komplett neues Flugzeug zu entwickeln, hat Boeing seinem Verkaufsschlager 737, die 1967 zum ersten Mal flog, das neue Triebwerk LEAP-1B angebaut. Dieses produziert mehr Schub als das Vorgängermodell und verbraucht gleichzeitig 15 Prozent weniger Kerosin. Allerdings passte LEAP 18 kaum unter die Tragfläsche. Daher verlängerten die Ingenieure das Fahrwerk um ein paar Zentimeter und brachten den Motor etwas höher und weiter vorne an der Tragfläche an. Damit aber veränderte sich die Aerodynamik des Flugzeugs. Die neuen Düsen lieferten unerwünschten zusätzlichen Auftrieb, der es zu steil steigen lassen könnte. Automatische gegensteuern sollte das Computerprogramm namens MCAS. Allerdings waren die Piloten damit anscheinend nicht ganz vertraut. Bei den Abstürzen der Boeing 737 Max der Ethiopian Airlines und der Gesellschaft Lion Air kämpften die Piloten um Kontrolle über das Flugzeug, während MCAS die Flugzeugnase nach dem Start immer wieder nach unten drückte - die Flugschreiber-Daten der beiden Flüge weisen ""eindeutigen Ähnlichkeiten". Boeing arbeitet an einem Software-Update, während die Maschinen der 737 Max weltweit nicht starten dürfen. Laut Unternehmensangaben ist die Reihe ein Verkaufshit mit weltweit etwas mehr als 5.000 Bestellungen und über 100 Abnehmern. 376 Stück der Boeing 737 Max wurden Stand Februar ausgeliefert. Einige Airlines werden die Milliarden-Bestellungen wahrscheinlich stornieren. Dabei ist das noch das geringste Problem von Boeing. Schwerwiegender dürften die Entschädigungen aus der Produkthaftung sein und sich zum größten juristischen Schadensfall der Luftfahrtgeschichte entwickeln.
Diese Ansicht vertritt Professor Elmar Giemulla, Jurist, Luftfahrtexperte und Honorarprofessor für Luftverkehrsrecht an der TU Berlin. "Die Besonderheit der tragischen Abstürze ist der offensichtliche Designfehler und damit eine Produkthaftung des US-Herstellers Boeing", sagt Giemulla im Gespräch mit der Welt. Damit sei nach US-Recht ein Schadenersatzanspruch mit Bestrafungscharakter sehr wahrscheinlich, den Juristen als "punitive damage" bezeichnen. Boeing habe womöglich schon vor dem ersten Absturz in Indonesien von dem Risiko gewusst, aber sicher nach diesem Unglück wenige Monate vor dem zweiten Crash…