Erschienen in Ausgabe 4-2019Unternehmen & Management

Der nächste große Wurf

China baut unter Hochdruck an eigenem Silicon Valley – Versicherer sind dabei

Von Heng YanVersicherungswirtschaft
Während alle Welt über die Neue Seidenstraße redet, bereitet die chinesische Regierung den nächsten großen Wurf vor. Dieser sieht den Aufbau der Guangdong-Hongkong-Macau Greater Bay Area, kurz Greater Bay Area, vor, in der ein gemeinsamer Markt zwischen Festland, Hongkong und Macau entstehen soll. Die Region ist mit einer Einwohnerzahl von 70 Millionen und einer jährlichen gesamten Inlandsproduktion von mehr als 1,3 Billiarden Euro der ökonomisch am besten entwickelte Landesteil Chinas. Viele technologische Unternehmen wie Huawei, Tencent, ZTE und DJI haben dort ihre Hauptsitze. Der Marktprimus Ping An residiert mit dem Hauptquartier ebenfalls dort. Nicht von ungefähr wird die Region als das chinesische Silicon Valley genannt. Bis 2022 sollen die Wettbewerbsfähigkeit in den Bereichen innovative Technologien, Finanzdienstleistungen, Seetransport und moderne herstellende Industrie signifikant verbessert werden. Bis 2035 soll das gesamte Gebiet zu einer Vorreiterregion für Wohnen, Geschäft und Tourismus werden. In dem Plan wird das Versicherungswesen 17 Mal erwähnt. Darin heißt es zum Teil konkret, dass z.B. die Transportversicherung und Rückversicherung gefördert werden sollen. Auch sollen in Hongkong und Macau abgeschlossene Versicherungen in der Greater Bay Area Gültigkeit haben. Die Versicherungsbranche bewertet bereits jetzt die Region als attraktiv für den Anlagenmarkt. Hier wurden bis Ende 2017 nach der Angabe der Provinzregierung Guangdong insgesamt mehr als 104 Mrd. Euro Versicherungsgeld investiert.

Marktdisziplin durch Bestrafung

Obwohl der chinesische Versicherungsmarkt keine freie Marktwirtschaft im westlichen Sinn ist, herrscht zum Teil übertriebene Freiheit, mit der viele Machenschaften getrieben werden. Im hart umkämpften, weltweit zweitgrößten Versicherungsmarkt schrecken manche Manager auch nicht vor illegalen Methoden zurück, um den Marktanteil zu vergrößern, Kunden über den Tisch zu ziehen. Dazu gehören häufig Betrug, Dokumentenfälschung und unerlaubte Geschäftsaufnahmen. Kunden und potenzielle Kunden hinters Licht zu führen, ist bei manchen risikofreudigen Vertretern gängige Praxis. Vor kurzem wurde ein Vermögensverwalter einer Versicherung wegen Eigenbereicherung zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Er hatte heimlich drei Anlagekonten eingerichtet und mithilfe von Insider-Information umgerechnet 2,6 Mio. Euro in die eigene Tasche erwirtschaftet. Auf der anderen Seite gilt die Finanzaufsicht CBRC nicht unbedingt als nachsichtig. 2018 hat die CBRC mehr als 1.500 Strafen gegen 1.122 Versicherungsfirmen, Makler, Gutachter verhängt. Geldstrafen in Höhe von umgerechnet 32 Mio. Euro wurde ausgesprochen. Fünf Firmen wurde die Betriebserlaubnis entzogen. 44 Manager wurden auf Anordnung der Finanzaufsicht abgesetzt, einer wurde lebenslang aus der Versicherungsbranche verbannt.

Versicherungsgeschäft gleich Verlustgeschäft?

Der chinesische Versicherungsmarkt ist hart umkämpft. Für fast 50 Prozent der Unternehmen ist es ein Ort, an dem man zuerst nur Verlust macht. Das betrifft besonders nichtbörsenotierte Unternehmen. Nach jüngsten Zahlen von CBRC haben von 141 Unternehmen 65 im Jahr 2018 rote Zahlen geschrieben, die insgesamt auf ca. 2,7 Mrd. Euro beziffert werden. 76 Firmen erwirtschaften Gewinne. Betrachtet nach der Branchensparte machten 33 Sachversicherer Verlust, 38 Gewinn. Bei den 70 Lebensversicherern befanden sich 32 in der Verlustzone, und zwar mit einem Gesamtverlust von 1,9 Mrd. Euro. 38 Lebensversicherer haben doch Gewinne eingefahren. Die Ursachen für Verluste liegen offenbar in der zunehmenden Konkurrenz. Während sich das Wachstum des gesamten Beitragseinkommens mit nur 3,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr deutlich verlangsamt hat, hat die Anzahl von Versicherungsunternehmen zugenommen. Ein anderer Grund dafür ist, dass Schaden- und Leistungsauszahlungen 2018 im Vergleich zum Vorjahr um 10 Prozent gestiegen sind.