Quelle: HDI
Erschienen in Ausgabe 4-2019Unternehmen & Management

„Das Verhältnis zwischen Risiko und Prämie ist in Schieflage“

Christian Hinsch, Vorstandsvorsitzender der HDI Global SE, über rote Zahlen der Industrieversicherer, ausufernde Rückwirkungsschäden und die Kumulgefahren in Cyber

Von VW-RedaktionVersicherungswirtschaft

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Versicherungswirtschaft: Laut Zahlen des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft haben die deutschen Industrie- und Gewerbeversicherer vergangenes Jahr tiefrote Zahlen geschrieben. Die kombinierte Schaden-/Kostenquote in der industriellen Sachversicherung lag demnach bei 129 Prozent. Wie sah das beim HDI aus?

Christian Hinsch: Ja, der GDV spricht vom zweitgrößten versicherungstechnischen Verlust seit der Jahrtausendwende. Wir gehören in diesem Bereich zu den Marktführern. Unsere Zahlen sehen nicht besser aus.

Wieso tun sich die Industrieversicherer so schwer damit, diese Risiken richtig einzuordnen? Feuerversicherung ist doch kein Hexenwerk, sollte man meinen.

Nein, das nicht, aber es gibt einige Besonderheiten im Vergleich zu anderen Sparten. Zum einen ist der Wettbewerb in der Feuerversicherung besonders intensiv, weil die Marktzutrittsbarriere niedriger als anderswo ist, insbesondere im Beteiligungsgeschäft. Zum anderen spielt das aleatorische Element – der Zufall – eine größere Rolle, da es eine Großschaden-, keine Frequenzschadensparte ist. Wer als Kunde 30 Jahre keinen Großschaden hatte, glaubt häufig, er zahle zu viel Prämie und verlangt eine Prämienreduzierung. Versicherer gewähren diese, um den „guten“ Kunden nicht zu verlieren. Ebenso glaubt womöglich ein Versicherer, der einige Zeit keine Großschäden hatte, es sei Raum für Preisabsenkungen. Dabei war es nur Zufall und sein Großschaden-Risiko hat sich in dieser Zeit wahrscheinlich sogar erhöht. Das zeigen Langfrist-Studien des Versicherungsmarkts.

Woran liegt die Erhöhung der Risiken?

Die arbeitsteilige Wirtschaft hat sich in den vergangenen zehn Jahren verändert. Wertschöpfungsketten sind viel stärker als früher vernetzt und noch dazu global aufgebaut. Wenn es bei einem Zulieferer – egal welcher Größenordnung – zu einer Betriebsunterbrechung kommt, können innerhalb weniger Stunden oder Tage gleich bei mehreren weiterverarbeitenden Unternehmen die Bänder stillstehen. Es kommt zu Rückwirkungsschäden. Die Zahl und insbesondere das Volumen dieser Schäden steigt stetig. Das sehen wir anhand unserer Schadenanalysen.

Haben Sie ein Beispiel?

Der CEO eines Hannoveraner Mobilitätskonzerns hat das unlängst sehr anschaulich beschrieben. Danach hat dieser Konzern allein im Autogeschäft 17.000 Zulieferer. Von denen bezieht er 140 Milliarden Teile pro Jahr, die in 130 Werken in 24 Ländern verarbeitet werden. Jedes Teil überschreitet im Schnitt viermal eine Grenze, bevor es in einem Fahrzeug eingebaut…