Quelle: Munich Re
Erschienen in Ausgabe 4-2019Köpfe & Positionen

"Unsere Branche ist für Unsicherheiten gut aufgestellt"

Im Profil: Doris Höpke, Vorstand Munich Re

Von Alexander KasparVersicherungswirtschaft
Wer in seiner Freizeit mit einem Gespann von Schlittenhunden durch einsame, tiefverschneite Weltgegenden tourt, dabei auf sich selbst gestellt den Widrigkeiten von Wetter und Natur trotzt und in verfahrenen Situationen immer einen Ausweg findet, der braucht nicht nur jede Menge Erfahrung, Mut und Improvisationstalent, sondern auch Tatkraft, Organisationsvermögen und, als Herrchen über ein ganzes Rudel domestizierter Wölfe, Leaderqualitäten. In diesem Fall handelt es sich bei dem Leitwolf um eine Frau, die all diese Qualitäten bei der Führung des größten Rückversicherers der Welt, der Münchener Rück, einbringt und als Vorständin für die Bereiche Europa und Lateinamerika, sowie für Human Resources und als Arbeitsdirektorin zuständig ist. Die Rede ist von Doris Höpke, promovierte Juristin und seit dem 1.5.2014 bis 2022 bestelltes Mitglied im Board of Management der Munich Re Group, wie sich der Gigant aus der Münchener Königinstraße am Englischen Garten gelegen, am liebsten selbst bezeichnet. Dort ist Doris Höpke zwar, nach dem Abgang von Pina Albo, die heute der Hamilton Insurance Group auf den Bermudas vorsteht, nunmehr die einzige Frau im verkleinerten, neunköpfigen Vorstand um CEO Joachim Wenning, aber beileibe keine Quotenfrau, denn Höpke braucht keinen Protegé um Erfolg zu haben. Doris Höpke wußte im Laufe ihrer Karriere selbst mit ihren Taten zu überzeugen, doch Glück gehört natürlich auch dazu, wenn Höpke bekennt: "Da muss irgendwo in der richtigen Runden jemand sein, der deinen Namen fallen läßt. Das Wohlwollen einer Umgebung gehört dazu". Die vielbeklagte "Gläseren Decke" für Frauen in Führungspositionen hat Höpke nicht erlebt, und als Missionarin für Gleichberechtigung will sie sich auch icht verstanden wissen:"Für mich ist entscheidend, dass die richtige Person auf dem richtigen Platz sitzt".

Kompetitive Situationen im Sport- und Berufsleben

Geboren wurde Doris Höpke 1966 im niedersächsichen Alt-Georgsmarienhütte, welches durch das Stahlwerk gleichen Namens bundesweit bekannt wurde. Damit teilt Höpke die Erfahrungen der anderen Babyboomer, als die Geburtenrate in der Bundesrepublik Deutschland die heute unglaubliche Zahl von 1,3 Millionen Geburten pro Jahr erreichte. Deren Erfahrungen lauteten: Wir sind viele, wir blicken hoffnungsvoll in die Zukunft und lassen uns auf der Basis christlicher Werte von einem unbedingten Leistungs- und Arbeitswillen leiten. Bildung wurde für alle Schichten zugänglich und auch Frauen konnten zunehmend Karriere und Kinder unter einen Hut bringen. Die wirtschaftliche Entwicklung kannte nur eine Richtung, steil nach oben, wie der allgemeine Lebensstandart, die Saat des zweiten Bundeskanzlers West-Deutschlands, Ludwig Erhard (CDU), war aufgegangen. Doch am Horizont mehrten sich bereits die ersten Krisenzeichen. 1966 übergibt Erhard nach nur 1142 Tagen im Amt am 1. Dezember 1966 die Regierungsgeschäfte an Kurt Georg Kisinger ebenfalls von der CDU, der aber auch nur zwei Jahre und 11 Monate im Palais Schaumburg überlebt. So skizziert sich das gesellschafts-politische Umfeld in das Doris Höpke hineingeboren wird. Der Wettbewerb der Vielen sorgt bei den Babyboomern für eine kompetitive Grundhaltung, die auch bei Doris Höpke verankert ist und auch noch Jahrzehnte später deutlich wird, wenn die Managerin in einem Interview, Höpke ist da bereits seit zwei Jahren Mitglied des Vorstands der Münchener Rück, auf die Frage nach ihrem prägendsten Erlebnis sportlicher Natur antwortet: "Als ich merkte, dass Beruf und privater Wettkampfsport sich zeitlich nicht mehr vereinbaren ließen und ich dann feststellte, dass mir Tennis ohne Wettkampf keinen Spaß mehr macht." Doch bevor sich eine Öffentlichkeit für sportlich wie private Vorlieben einer Führungskraft der Versicherungswirtschaft interessierte, musste zuerst ein langer Weg zurückgelegt werden. Nach dem Abitur bleibt Doris Höpke, bodenständig und erdverbunden wie Ostwestfalen sind (Zitat: "Der westfälische Menschenschlag steht für die Werte, die ich persönlich einhalte und einfordere. Verbindlichkeit, Respekt im Umgang und eine Art von sportlicher Fairness, auch im Geschäft"), zuerst einmal ihrer Heimat treu und nimmt an der Universität Osnabrück ihr Studium der Rechtswissenschaften in Angriff. Analytische Fähigkeiten, sprachliche Stärke und Menschenkenntnis sind die Zutaten die Doris Höpke mit einbringt und das Studium zur Erfolgsgeschichte werden läßt. Einen konkreten Karriereplan verfolgt sie dabei nicht, wenn Höpke bekennt: "Ich habe auch im Berufsleben immer nur von einer Station zur nächsten geschaut. Aber natürlich ist es bei jedem Karriereschritt angenehm, wenn man gefragt wird." Der Weg führt die angehende Juristin über die Universität Hannover auch in die Niederlande an die Rijksuniversiteit te Leiden, wo sie neben Deutsch und Englisch ihr Sprachrepertoire um das Niederländische erweitert. Als Statthalterin für die Münchener Rück in Madrid gesellt sich später noch Spanisch hinzu. Mit einem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten von Amerika während ihres Referendariats und der abschließenden Promotion zum Thema Europäische Produktsicherheits- und Produkthaftungsrecht endet 1993 das Studentenleben und Doris Höpke wird ab Mitte der 1990er Jahre Vorstandsassistentin bei der 1903 gegründeten HDI Versicherung in Hannover im Ressort Industriehaftpflichtversicherung. In der Folge übernimmt Höpke beim HDI als Syndikus die Zuständigkeit für das Schadenmanagement und verdient sich auch auf internationaler Bühne bei Verhandlungen im Bereich großer Industriehaftpflichtschäden mit Firmenkunden weltweit größere Meriten. Kurz vor der Jahrtausendwende tritt die begeisterte Wintersportlerin 1999 als 33-jährige in die Münchener Rück ein um dort ebenfalls die Position des Syndikus zu bekleiden. Von 2001 bis 2003 übernimmt Höpke dann als Referatsleiterin den Bereich Munich American Risk Partners (MARP München) um sich ab 2003 im Rahmen des globalen EDV-Projekts "Gloria" (steht für Global Reinsurance Application) als Projektmanagerin für die Umsetzung des "Business Group Master" zu engagieren.

Ohne Allüren an die Spitze, auch mit Misserfolgen

Anschließend leitet sie von 2006 bis 2010 den Geschäftsbereich Aerospace & Special Services wo Höpke es mit explodierenden Raketen, verlorenen Satelliten und abstürzenden Flugzeugen zu tun bekommt. Nach acht Jahren im Hause ist Doris Höpke auf der Ebene 1, der direkt unter dem Vorstand angesiedelten Führungsmannschaft, angekommen und neben 42 Männern eine von sechs weiblichen Führungskräften. Daneben überträgt man ihr die Leitung eines Innovationsteams sowie die Verantwortung für zwei Tochtergesellschaften, die Schweizer Neue Rück und die Great Lakes Reinsurance in London. Der Lohn all dieser Mühen wird 2011 ausgeschüttet, als sie zur Leiterin der Außenstelle Munich Re in Madrid gekürt wird und Spanisch ihre vierte Sprache wird. Unprätentiös, effektiv und ohne jegliche Allüren hat Doris Höpke bis zu diesem Zeitpunkt alle die ihr übertragenen Aufgaben erledigt und so ist ihre Berufung in den Vorstand der Münchener Rück AG zum 01.05.2014 nur noch zwangläufig. Ihre Berufung unter Wenning-Vorgänger Nikolaus von Bomhard ist für die alt-ehrwürdige Münchener Rück durchaus eine kleine Sensation und markiert auch einen Kulturwandel in dem als konservativ bekannten Unternehmen, denn mit Höpke ziehen, neben Pina Albo, seit 1993 wieder Frauen in den Vorstand ein. Bis Januar 2017 ist Doris Höpke dann auch noch für das Geschäftsfeld Munich Health und von Februar 2017 bis Juli 2018 für das Ressort Special and Financial Risk verantwortlich. Zu einem Meilenstein wird das Kapitel Munich Health allerdings nicht, weder für Höpke noch für die Munich Re. Lange hatte zwar von Bomhard an dem Geschäftsfeld Gesundheit festgehalten und wollte dies zu einem weiteren Standbein ausbauen, doch die Erwartungen erfüllten sich nicht und so wurde "der Laden" mit dem Lebengeschäft verschmolzen und dafür ein Vorstandsressort eingespart. Für den Misserfolg hat man jedoch nicht Doris Höpke persönlich verantwortlich gemacht, was im Vorstand ganz generell keine Selbstverständlichkeit darstellt. 

Ansprechpartner für Folgen des Klimawandels

Heute verantwortet Doris Höpke das Ressort Europe and Latin America inklusive der Financial Lines. Zudem trägt sie weiterhin die Verantwortung für die Ende April 2017 übernommene weltweite Personalarbeit im Geschäftsfeld Rückversicherung einschließlich der Funktion der Arbeitsdirektorin. Daneben engagiert sich Doris Höpke auch noch in der nach einem früheren Vorstandsvorsitzenden der Munich Re benannten Dr. Hans-Jürgen Schinzler Stiftung, die sich als "gemeinnützige und mildtätige Vereinigung" versteht, in der sich aktive und pensionierte Mitarbeiter ehrenamtlich einbringen mögen. Dort heißt es über sie: "Gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen ist für Doris Höpke ein zentraler Baustein der Unternehmenskultur von Munich Re. Höpke sieht das ehrenamtliche Engagement von Mitarbeitern und Pensionären mit Unterstützung der Munich Re als eine echte Win-Win Situation". Für die Gesellschaft, für die Mitarbeiter und für die Munich Re, weil sie ihrer Verantwortung als "Corporate Citizen" gerecht wird. Bürgerschaftliches Engagement ist für einen Manager modernen Typs, wie ihn auch Doris Höpke repräsentiert, jedoch kein rhetorisches Feigenblatt oder nur eine lästige Pflichtveranstaltung, sondern konkrete Handlungsmaxime auch für das Tagesgeschäft. So antwortet Höpke auf die Frage wie die Versicherungsindustrie durch den Einsatz ihrer Kapazitäten mehr Wert schaffen und ihre Rolle bei der globalen Resilienz und Risikofinanzierung erweitern könne: "Mit unserem Know-how und unserer starken Kapitalposition entwickeln wir Lösungen, die immer mehr Menschen den Zugang zu Versicherungen ermöglichen und so eine stabilere wirtschaftliche Basis schaffen. Besonders die aufstrebenden Märkte sind oft Risiken aus Naturkatastrophen ausgesetzt. Aber nur ein kleiner Teil der Schäden ist versichert: Rund zehn Prozent in Südamerika, acht in Asien und nur fünf Prozent in Afrika. Darüber hinaus ist die Unterstützung der lokalen Regierungen notwendig, um die richtigen Voraussetzungen für eine Durchdringung von Versicherungslösungen zu schaffen. Die G7-Mitgliedstaaten haben beispielsweise eine Klimaschutzinitiative ins Leben gerufen, die die Bedeutung von Konzepten für den Transfer von Finanzrisiken insbesonderen für Schwellen- und Entwicklungsländer hervorhebt. Ziel ist es, bis zum Jahr 2020 den Versicherungsschutz gegen Wetterkatastrophen in diesen Ländern auszuweiten. Davon profitieren rund 400 Millionen Menschen. Öffentlich-private Partnerschaften wie das Insurance Development Forum, welches von der Weltbank, UN-Organisationen und der Versicherungsbranche einschließlich der Münchener Rück getragen wird, unterstützen solche Projekte." Als Vorstand des größten Rückversicherers der Welt ist man eben nicht nur Manager, sondern auch Ansprechpartner für Fragen mit großer politischer Reichweite. Auch diese Disziplin beherrscht Doris Höpke vortrefflich, wenn sie mit Blick auf die politisch weniger stabile Weltlage zusammenfasst: " Unsicherheit an sich ist nichts Neues und unsere Branche ist im Allgemeinen gut aufgestellt, um mit Situationen hoher Unsicherheit umzugehen. In der Tat scheint die Anhäufung von Quellen für Instabilität oder geringer Vorheresagbarkeit zukünftiger Entwicklungen in diesen Zeiten stärker zu sein. Neue Interdependenzen sowie direkte und indirekte Kausalitäten führen auf hoher Ebene zu Komplexität. Versicherungen können hier ihren Beitrag zum Risikotransfer leisten, riskanten Marktaktivitäten ermöglichen und damit die Auswirkungen von Unsicherheit reduzieren. Aber natürlich ermöglichen ein zuverlässiger politischer Rahmen und eine angemessene Regulierung es Versicherern und Rückversicherern ihre Rolle noch effektiver zu gestalten." 
Von der großen Bühne zurück ins Private und wieder hinaus in die weite Welt, solche Bewegungen sind für Doris Höpke, die in jüngeren Jahren auch gerne Tierärztin geworden wäre, überhaupt kein Problem. Heute lebt die hochaktive Freizeitsportlerin mit ihrem Partner ohne Kinder im Münchener Süden und auf die Frage in welcher Disziplin sie Olympiasiegerin wäre antwortet die sonst so disziplinierte Managerin in einem Fragebogen der Süddeutschen Zeitung von 2016: "Weltklasse bin ich darin, mir ernsthaft vorzunehmen, die Tüte Gummibärchen nicht auf einmal aufzuessen, und es dann doch zu tun." Wenn es der Schwächen nicht mehr sind brauchen sich Arbeitgeber und Anteilseigner wohl keine weiteren Sorgen machen. Ihre Belange sind bei Höpke in den besten Händen. Nur Weingummi ist fernzuhalten.