Historischer Verlauf der Insurtech-Entwicklung in Deutschland: Direktversicherer starteten ab 1982 in U.K., deutsche Insurtechs ab 2010 und „echte“ deutsche Digitalversicherer erst im Jahr 2015.
Historischer Verlauf der Insurtech-Entwicklung in Deutschland: Direktversicherer starteten ab 1982 in U.K., deutsche Insurtechs ab 2010 und „echte“ deutsche Digitalversicherer erst im Jahr 2015.Quelle: Unternehmen, LBBW Research
Erschienen in Ausgabe 3-2019Märkte & Vertrieb

Wie die Luft zum Atmen

Insurtechs sind aus dem deutschen Versicherungswesen nicht mehr wegzudenken. Dabei setzen sie mehr auf Evolution und Kooperation als auf Revolution und Konkurrenz. Ein Überblick über die Geschäftsmodelle und ihre Protagonisten.

Von Werner SchirmerVersicherungswirtschaft

Der exakte Beginn der Historie der deutschen Insurtechs lässt sich nur schwer festmachen. Eine Art Vorläufer sehen wir jedenfalls im ersten britischen Direktversicherer (Top UK), der 1982 mit einem rein telefonischen Angebot startete. In Deutschland kann der Einstieg ins E-Commerce des Direktversicherers Cosmos Direkt im Jahr 1996 als Meilenstein bezeichnet werden. Die inzwischen zur Generali-Gruppe zählende Gesellschaft dürfte heute der weltweit größte Direktversicherer im Lebengeschäft sein. 1999 begann der Online-Vertrieb von Huk-Coburg und auch die Allianz startete mit Allianz 24 einen Direktversicherer, der später unter dem Namen Allsecur bekannt wurde. Ebenfalls 1999 begann mit dem Marktstart von Check24 (damaliger Name: Einsurance) die Zeit der deutschen Online-Vergleichsportale. Im Jahr darauf folgte dann FinanceScout24. 
Check24 ist heute mit Abstand Marktführer beim Vergleich von Kfz-Versicherungsverträgen und wies einschließlich seiner anderen Vergleichsportale (z.B. im Energiesektor) zuletzt einen Umsatz von rund 500 Mio. Euro aus. 1999 startete auch Asuro, die mit einer Online-Plattform den Kunden einen Überblick über ihre Versicherungsverträge bot. Im Jahr 2000 wurde der ausschließlich online tätige Versicherer HUK24 gegründet, der bis heute erfolgreichste deutsche Online-Versicherer. 
Die erste mobile App eines etablierten Versicherers war ab dem Jahr 2010 verfügbar und stammte von der Munich-Re-Tochter Ergo direkt. 2010 schlug aber auch die Stunde der „echten“ Insurtechs. Mit den digitalen Policenverwaltern wie z.B. Simplr konnten Kunden auch mobil den Überblick über ihre Versicherungspolicen sowie ihre Konten und Depots wahren. Ebenfalls 2010 trat mit Friendsurance zudem der erste Peer-to-Peer-Versicherer in den Markt ein und ermöglichte die gegenseitige Versicherung von (Bagatell-)Schäden innerhalb einer Nutzergruppe, während nur größere Schäden von beteiligten Versicherern getragen werden. 
Ab 2013 gingen digitale Makler wie Knip und später Clark, Wefox und Getsafe an den Start. Sie sind inzwischen in der Regel auch als Policenverwalter tätig und bieten Versicherungsvergleiche an. Seit dem Jahresende 2013 wurde von der SV Versicherung erstmals im deutschen Kfz-Versicherungsmarkt ein Telematik-Tarif angeboten. Es folgten Admiral Direkt, Allianz, Axa, Generali, Signal Iduna und VHV.  Rein digitale Versicherer entstanden im Grunde erst im Jahr 2015. In der Idealvorstellung wird zwar ihre gesamte Wertschöpfungskette digital abgebildet, in der Praxis fällt jedoch allein schon aufgrund ihrer Telefon-Hotlines die Abgrenzung zu den etablierten Online-Versicherern schwer. Zu den Vorreitern zählen die Deutsche Familienversicherung (DFV) sowie der Krankenversicherer Ottonova und ab 2016 Element (Schaden- & Unfall / White Label), One (Haftpflicht und Hausrat) und Neodigital (Privat- & Tierhalterhaftpflicht, Hausrat & Unfall). Ebenfalls ab dem Jahre 2016 tauchten mit Clark (und später Moneymeets) am Markt die ersten Makler auf, die bei der Analyse der bestehenden und der Auswahl von neuen Versicherungsverträgen auf Robo Advisory setzen. 

In deutsche Insurtechs investiertes Kapital: Einen Überblick über das in einzelne deutsche Insurtechs investierte Risikokapital zu geben fällt schwer, da die entsprechende Transparenz gering und die Geschwindigkeit der Marktveränderung hoch ist. Mit Hilfe von Pressemitteilungen und der Fintech- Datenbank Crunchbase können wir aber abschätzen, dass der Großteil der Investments in Online-Makler wie Clark, v.a. aber in Digitalversicherer wie One, DFV, Ottonova und Coya geflossen ist.
In deutsche Insurtechs investiertes Kapital: Einen Überblick über das in einzelne deutsche Insurtechs investierte Risikokapital zu geben fällt schwer, da die entsprechende Transparenz gering und die Geschwindigkeit der Marktveränderung hoch ist. Mit Hilfe von Pressemitteilungen und der Fintech- Datenbank Crunchbase können wir aber abschätzen, dass der Großteil der Investments in Online-Makler wie Clark, v.a. aber in Digitalversicherer wie One, DFV, Ottonova und Coya geflossen ist.Quelle: Unternehmen, Crunchbase, LBBW Research
Ab dem Jahre 2017 erhielten Insurtechs wie Ottonova und Element Bafin-Lizenzen, wobei erstere von Munich Re und letztere von Debeka unterstützt wurden. Zudem gründeten auch etablierte Versicherer reine Digitalmarken: Adam Riese / W&W (Privathaftpflicht, Rechtsschutz), Friday / Baloise (Kfz) und Nexible / Ergo (Kfz). Im Jahr 2018 fand der Markteintritt vom Start-up Coya statt, das Schaden- & Unfall-Policen anbietet. Erneut verschoben wurde hingegen der Start von Flypper (Privat- und Tierhalterhaftpflicht, Hausrat, Wohngebäude, Unfall).
Formen der Zusammenarbeit von Versicherern mit Insurtechs nach Sparten: Gemäß einer weltweiten Umfrage aus dem Jahr 2017 arbeitet über die Hälfte der Versicherer inzwischen mit Insurtechs zusammen. Rund ein Drittel der befragten Unternehmen entwickelt die Innovationen im eigenen Haus. Mit Blick auf die Formen der Zusammenarbeit etablierter Versicherer mit Insurtechs scheint es keine grundlegenden Unterschiede zwischen den Hauptsparten (Schaden & Unfall, Leben, Kranken) zu geben. Umfragen zeigen aber, dass nahezu alle Versicherer an den Aktivitäten von Insurtechs interessiert sind.
Formen der Zusammenarbeit von Versicherern mit Insurtechs nach Sparten: Gemäß einer weltweiten Umfrage aus dem Jahr 2017 arbeitet über die Hälfte der Versicherer inzwischen mit Insurtechs zusammen. Rund ein Drittel der befragten Unternehmen entwickelt die Innovationen im eigenen Haus. Mit Blick auf die Formen der Zusammenarbeit etablierter Versicherer mit Insurtechs scheint es keine grundlegenden Unterschiede zwischen den Hauptsparten (Schaden & Unfall, Leben, Kranken) zu geben. Umfragen zeigen aber, dass nahezu alle Versicherer an den Aktivitäten von Insurtechs interessiert sind.Quelle: Capgemini, LBBW Research

Ein Teil der Wertschöpfungskette

Beim Blick auf deutsche Insurtechs nicht zu vernachlässigen sind Unternehmen, die zwar keinen direkten Kontakt zu Privatkunden haben, aber entweder als Makler für Firmenkunden agieren, oder als Dienstleister bzw. Zulieferer im digitalen Maschinenraum von Versicherern wichtige Teile deren Wertschöpfungskette abbilden. Zu letzteren zählen – wobei es sich hierbei nicht um Insurtechs im engeren Sinn handelt – Unternehmen wie z.B. IBM und SAP. Als Insurtech könnte aber MSG Life bezeichnet werden, die mit den inzwischen erworbenen Gesellschaften FJA und COR bereits seit 1987 Standard-Software für die Bestandsführungssysteme von Lebensversicherern anbieten. Sieht man von dem seit Dezember 2018 börsennotierten Digitalversicherer DFV ab, so sind COR (ab dem Jahr 1998) und FJA (ab dem Jahr 2000) die einzigen InsurTechs hierzulande, die – inzwischen unter MSG Life firmierend – über eine Börsennotiz verfügen. 
Quelle: Unternehmen, LBBW Research
Zu erwähnen wären zum Beispiel aber auch die „Enabler“ von Anbietern von Annex- oder Nischenversicherungen bzw. situativen Versicherungen (On-Demand Policen). Aus dem direkten Kundenkontakt sind zwar in der Regel SituatiVe (AppSichern) und Simplesurance bekannt, die seit dem Jahr 2012 u.a. unter der Marke Schutzklick insbesondere Handys, aber auch Kameras und Fahrräder versichern. Im Hintergrund von Online-Händlern arbeiten aber häufig Unternehmen (wie z.B. Virado und MassUp seit dem Jahr 2014), die ihnen das Angebot dieser Policen ermöglichen.
Mit Blick auf neue Technologien für Versicherer sind bei den Themen Big Data und künstliche Intelligenz z.B. Insurers.ai, MotionsCloud, Omni:us, Parlamind und Rasa zu nennen, die ab dem Jahr 2015 tätig wurden. Mit Chatbots für den Kontakt mit Kunden beschäftigen sich u.a. Kauz und Knowhere.
Quelle: Unternehmen, LBBW Research
Beim Thema Blockchain bzw. Smart Contracts ist uns hierzulande lediglich Etherisc im Jahr 2016 aufgefallen, da sie eine auf Ethereum basierende Technik für Flugausfallversicherungen entwickelt hat (noch bevor Axa im Jahr 2017 ein ähnliches Produkt mit dem Namen Fizzy startete). Im Fall von Stornierungen oder Verspätungen eines Fluges werden dabei automatisch Zahlungen an Kunden ausgelöst, ohne dass eine Schadenabteilung den Schaden überprüft. Den Vergleich und Abschluss von Cyber-Security-Policen für kleine und mittelgroße Unternehmen bietet seit dem Jahr 2017 CyberDirekt an. Das ebenfalls im vergangenen Jahr gegründete Start-up Perseus bietet KMUs Schutz bzw. Hilfe bei Cyber-Attacken an und hat im Jahr 2018 zusammen mit Versicherern einen Cybersecurity Club gegründet.
Quelle: Unternehmen, LBBW Research

Versicherer kooperieren gerne

Die großen deutschen und europäischen Versicherer setzen bei der Förderung von InsurTech-Innovationen neben klassischen Beteiligungen v.a. auf die Unterstützung in Form eines Akzelerators. Ein Akzelerator unterstützt Gründer in zeitlich begrenztem Umfang nicht nur mit Kapital, sondern auch mit Coaching, Zugang zu Netzwerken, Büros und Infrastruktur. Ein Inkubator hingegen hat statt der schnellen Hilfe bei der Produkteinführung mehr die längere Begleitung im Sinn, wobei sich diese beiden Formen der Innovationsförderungen nicht immer trennscharf abgrenzen lassen. Bei den selbst gemanagten Aktivitäten sind neben der Gründung von digitalen Unternehmen auf der „Grünen Wiese“ und Joint Ventures mit anderen Unternehmen auch Digital Labs anzutreffen. Ein Digital Lab bzw. Innovation Lab (wie es z.B. von Axa im Silicon Valley unterhalten wird) bündelt hausinterne Aktivitäten in einem eigenständigen Team, dessen Mitarbeiter sich – losgelöst vom Tagesgeschäft – mit digitalen Innovationen beschäftigen. Ihre Ideen sollen als Motor für die Digitalisierung des ganzen Unternehmens dienen.
Quelle: Unternehmen, LBBW Research
  • Allianz weist als Kooperationspartner u.a. JD.com, Visa und Panasonic auf und verfügt z.B. über Beteiligungen an Simplesurance, Lemonade und N26. Die IT-Investitionen liegen bei rund 3,5 Mrd. EUR p.a. 2018 wurden offenbar 840 Mio. Euro rein in Digitalisierung investiert, u.a. um einen europäischen Direktversicherer (Allianz Direct) aufzubauen.
  • Axa verfügt u.E. bislang über die aussichtsreichste InsurTech-Strategie unter den von uns analysierten europäischen Versicherern. Dafür sprechen prominente Kooperationspartner (z.B. Alibaba, Ebay, Facebook und Uber), InsurTech- Förderung u.a. via Digital Lab und Inkubator aber auch Beteiligungen wie z.B. an Policy Genius und Limelight.
  • Generali wirkte lange beim Thema InsurTechs recht defensiv. Der Konzern kooperiert mit Nest Labs / Google und Devolo (Hausautomation). Zuletzt fiel er z.B. durch Kooperation mit Etherisc und Shift Cryptosecurity (Versicherung von Kryptowährungen), Skin Vision (Hautkrebsvorsorge) sowie in Indien durch Schadensmeldung via WhatsApp auf.
  • Hannover Re leidet als reiner Rückversicherer kaum unter Digitalisierungsdruck. Neben mehreren Eigenentwicklungen wie ReFlex (Risikoprüfung am Point-of-Sale) existieren zwar relativ wenige (Insur-)Tech-Kooperationen, aber einige Beteiligungen wie z.B. Sureify (Customer Engagement Tools), Perseus (Cyber-Schutz) und Qinematic (Scan-Software).
Insurtech-Aktivitäten etablierter Versicherer: Jeder große Player setzt neben Beteiligungen auch auf eigene Projekte.
Insurtech-Aktivitäten etablierter Versicherer: Jeder große Player setzt neben Beteiligungen auch auf eigene Projekte.Quelle:  Unternehmen, LBBW Research
  • Munich Re hat u.E. die am breitesten diversifizierten Insurtech-Aktivitäten. Der Konzern besitzt u.a. den Online-Versicherer nexible und den IoT-Spezialist Relayr. Es existieren z.B. Kooperation mit InsurTechs wie Getsafe, One, Slice und Trov bzw. mit Bosch (Sensorik), Dt. Telekom (Haussicherheit), Precisionhawk (Drohnen), KuKa und MHP.
  • Swiss Re liegt u.E. beim Stand der InsurTech-Aktivitäten zwischen Hannover Re und Munich Re. Neben zahlreichen Eigenentwicklungen und der Tochter Community Life existieren Beteiligungen an CarlQ (nutzungsabhängige Kfz-Vers.), Tyche (Machine Learning f. Gewerbevers.) und Vouch (P2P-Kfz-Versicherung). Kooperiert wird insbesondere mit SAP.
  • Talanx betreibt u.E. eine verhaltene Digitalstrategie. Neben Eigenentwicklungen wie Argos (Geoinformation), Cyber+Smart (Cyber Insurance) und Eagent (Online-Sales-Plattform) bestehen Beteiligungen an Finleap (Start-up-Schmiede) und Elinvar (Asset-Management-Plattform). Kooperiert wird mit ExB (KI) und xbaV (betriebliche Altersversorgung).
  • Zurich ist bei der Kommunikation von Insurtech-Aktivitäten defensiv. Bekannt sind aber u.a. Kooperationen mit Vodafone (Smart Home) und Coverwallet (SME-Versicherungsmanagement) sowie Beteiligungen an FitSense (Fitness- App), DIG (Mobile Versicherungsplattform), OutShared (Self-Service-Plattform) und Brightbox (Connected Cars).
Tech-Aktivitäten etablierter Versicherer: Kooperationen mit großen Tech-Konzernen sind unabdingbar.
Tech-Aktivitäten etablierter Versicherer: Kooperationen mit großen Tech-Konzernen sind unabdingbar.Quelle:  Unternehmen, LBBW Research

Rückversicherer weniger vom Digitalisierungsdruck betroffen

Wie bereits erläutert, dürfte der (potenzielle) Konkurrenzdruck durch InsurTechs und Big Techs auf die etablierten Versicherer zum einen mit dem Anteil des Schaden- & Unfallversicherungsgeschäfts an den Prämieneinnahmen steigen. Zum anderen steigt der Druck sicherlich auch mit dem Anteil des Erstversicherungsgeschäfts. Lebensversicherer einerseits und Rückversicherer andererseits dürften weniger unter dem Druck durch die Techno-Konkurrenz stehen. Ordnet man die europäischen (Rück-) Versicherer in unserem Coverage-Universum (siehe Abbildung unten) entsprechend ihrem relativen Exposure, so scheint der Druck im Fall von Zurich und Talanx am höchsten zu sein. Es folgen Axa , Allianz und Generali. Munich Re und Swiss Re, in erster Linie aber „reine Rückversicherer“ wie Hannover Re sollten weniger stark betroffen sein.
Quelle: Unternehmen, LBBW Research

Etablierte Versicherer können jedes Insurtech abwehren

Ist in der Versicherungsbranche angesichts der Vielzahl der entstehenden Insurtechs bald mit einem Pendant zum Taxivermittler Uber zu rechnen, der die Geschäftsmodelle der etablierten Anbieter manchenorts in den Grundfesten erschüttert hat? Oder droht sogar Online-Versicherern Konkurrenz durch neuere und (noch) billigere Anbieter?
Unseres Erachtens sind keine InsurTechs in Sicht, die eine „Revolution“ in der Versicherungsbranche auslösen könnten. Auch die „Gefahr“, dass solch ein Anbieter künftig entsteht, hält sich aus unserer Perspektive in Grenzen. Da wir weitreichende Gratis-Angebote im Versicherungsgeschäft u.a. aus regulatorischen Gründen ausschließen, müsste ein solcher Anbieter den Zugang zum Kunden durch den Aufbau eines Markennamens erst teuer erkaufen. Nur wenige (wie hierzulande z.B. Check24 oder Hypoport) dürften über ausreichend Kapital verfügen, um dies in großem Umfang gewährleisten zu können. Hinzu kommt, dass eine rasche internationale Expansion aufgrund der national z.T. sehr unterschiedlichen Hürden (wie z.B. Solvenzanforderungen und Vertriebszulassungen) zumindest außerhalb der EU-Staaten stark erschwert wird. Der bei weitem größte Teil der Insurtechs dürfte aus unserer Sicht als Serviceanbieter oder Produktlieferant mit den etablierten Versicherern kooperieren. Die Start-ups, die auf „Revolution“ setzen, dürften in der Mehrzahl zu klein bleiben, um den etablierten Anbieter ernsthaft gefährlich werden zu können. Falls „revolutionäre“ Insurtechs in größerem Umfang Erfolg haben sollten, wären aus unserer Sicht etablierte Versicherer in der Lage, durch Eigenentwicklungen, Beteiligungen und Kooperationen mit anderen Start-ups zumindest mitzuhalten. 
In Einzelfällen könnte es für große Versicherer aus der Old Economy dennoch notwendig werden, sehr erfolgreiche InsurTechs aufzukaufen, bevor deren Marktanteile zu groß und der Kaufpreis zu hoch werden. Das Risiko, dass dies im Fall der Fälle misslingt, weil die Eigentümer der InsurTechs den Verkauf ihrer Anteile verweigern, ist allerdings nicht unerheblich.

"Amazonisierung" ist größere Gefahr als "Uberisation"

Die Gefahr durch eine „zündende Idee“ bleibt zwar allgegenwärtig, die wesentlich konkretere Bedrohung geht aus unserer Sicht jedoch von „Big Tech“ aus, d.h. konkret von Digital Global Playern wie Amazon, Google, Apple und Facebook. Sie verfügen über ein weltumspannendes Netz an Nutzer bzw. Kunden, von denen u.E. viele vergleichsweise leicht zu Versicherungskunden gemacht werden könnten, indem sie in die im Aufbau befindlichen Ecosysteme dieser Konzerne eingebunden werden. 
Hinzu kommen die bislang vornehmlich in Asien tätigen Online-Giganten Alibaba und Tencent (dem auch der führende chinesische Instant-Messaging-Dienstes WeChat angehört). WeChat betreibt bereits heute ein Ecosystem, das große Teile der Lebensbereiche der Nutzer umfasst, wie z.B. Instant Messenging, Telefongespräche, Computerspiele, Online-Shopping, Zahlungsverkehr, Lieferdienste und Taxi-Angebote (zusammen mit Didi). 
Von den Big Techs der kalifornischen Technologie-Hochburgen sehen wir im Fall von Apple trotz der hohen Kundenzahl kaum Gefahr für etablierte europäische Versicherer ausgehen. Abgesehen von Produktversicherungen bzw. Garantieverlängerungen für die hauseigenen Produkte (Apple+ und Apple Protection Plan) hat das Unternehmen bislang auch keine Neigungen erkennen lassen, in den Versicherungsmarkt einzudringen. Abgesehen von den dort wesentlich geringeren Margen würde dies u.E. auch nur schwer zum Luxus-Image von Apple passen. 
Facebook (inkl. WhatsApp) weist zwar wesentlich größere Nutzerzahlen auf als Apple und verfügt auch über sehr detaillierte persönliche Daten seiner Nutzer, was ein passgenaues Angebot von Policen und die Risikoselektion stark erleichtern würde. Allerdings würden wir hierin massive zusätzliche Datenschutz-Probleme über diejenigen hinaus erkennen, wegen denen der Konzern seit einiger Zeit ohnehin am medialen Pranger steht. Einen Markteintritt als Makler auf dem Facebook Marketplace kann aber aus unserer Warte nicht völlig ausgeschlossen werden. 
Im Gegensatz zu den beiden bereits genannten Konzernen hat sich Google tatsächlich bereits ins Versicherungsgeschäft vorgetastet. Der Konzern hat sich nicht nur an den US-InsurTechs Oscar Health und Lemonade beteiligt, sondern – vermutlich in Kooperation mit Branchengrößen - Versicherungen für mobile Endgeräte angeboten (Google Protect bzw. Nexus Protect). Zudem betrieb der Konzern Vergleichsportale für Kfz-Versicherungen, Kreditkarten und Hypotheken (Google Compare), die allerdings 2013 (Frankreich) bzw. 2016 (USA und Großbritannien) eingestellt wurden. Der seit 2013 geplante Markteintritt in Deutschland wurde abgesagt. Trotz des Scheiterns der genannten Vorhaben ist ein neuer Anlauf im Versicherungsgeschäft nicht auszuschließen. Dies zeigt auch die im Okt. 2018 verkündete Minderheitsbeteiligung an Applied Systems (GB / Irland), die Managementsysteme für Versicherungsvermittler anbieten. 
Die besten Chancen, erfolgreich ins Erstversicherungsgeschäft (evtl. als Makler) vorzudringen, räumen wir Amazon ein. Der Konzern nennt einerseits einen umfangreichen Schatz an Kundendaten sein eigen. Zum anderen hat er – im Gegensatz zu den zuvor genannten Unternehmen – bewiesen, nicht nur Smartphone-Besitzer und Suchmaschinen-Nutzer zu bedienen, sondern zahlende Kunden erfolgreich mit höchst effizientem Online-Shopping-Service versorgen zu können. Amazon war bereits in der Vergangenheit sehr erfolgreich darin, ganze Branchen vor sich herzutreiben. 
Neben dem komfortablen Online-Service und der ausgeklügelten Logistik trugen hierzu v.a. attraktive Preise bei. Insbesondere im Buchhandel konnte sich der Konzern erfolgreich zwischen Produzenten und Endverbraucher drängen und sich so – unter Nutzung von Skalenvorteilen und modernster Technologie - einen erheblichen Teil der Margen der Buchhändler sichern. Zuletzt sorgte aber auch der Kauf des Online-Pharmahändlers Pillpack für Aufsehen. Amazon bietet seit 2016 in Kooperation mit etablierten Versicherern wie z.B. Warranty Group / London, General und ERGO Garantieverlängerungen für (Elektro-)Produkte an, die bei Amazon gekauft wurden (Amazon Protect). 
Im November 2017 suchte Amazon zudem in größerem Stil Fachkräfte für einen in London ansässigen Geschäftsbereich. Nicht zuletzt hat der Konzern im laufenden Jahr gemeinsam mit J.P. Morgan und Berkshire Hathaway die Neugründung einer US-Krankenversicherers angekündigt. Schließlich könnte auch die Beteiligung an dem indischen Insurtech Acko General Insurance als Teil der Vorbereitung eines „Angriffs“ im Versicherungsgeschäft gedeutet werden. Zuletzt machten Gerüchte um den Start einer Versicherungsvergleichsplattform in Großbritannien die Runde.
 
Quelle: Unternehmen, Statista, LBBW Research

Strategien gegenüber Big Techs

Große Teile der Produktpalette des Versicherungsgeschäfts sollten aufgrund der Komplexität der Schadensabwicklung auf Jahre hinweg in den Händen etablierter Anbieter bleiben – zumindest soweit es sich um komplizierte Versicherungsprodukte handelt, wie z.B. private Haftpflicht- oder Krankenvollversicherungen bzw. gewerbliche All-Risk-Policen. Hinderlich für Direktversicherer jeder Art dürfte zudem sein, dass die Anonymität der Kunden schlechtere Risiken anlocken könnte als dies bei etablierten Versicherern mit persönlichem Kontakt zum Vertreter der Fall ist. Die automatisierte Kommunikation mit Chatbots oder virtuellen Assistenten erhöht u.E. auch die Gefahr von Versicherungsbetrug. Schließlich könnte die Bequemlichkeit bei der Schadensmeldung Kunden in manchen Fällen dazu „verleiten“, auch kleinere Schäden zu melden. In Summe dürften diese Faktoren dazu führen, dass die Schadenquoten von Online-Versicherern höher als zunächst erhofft ausfallen – egal, ob sie von Big Techs betrieben werden oder von anderen Anbietern. Nicht zu vernachlässigen ist an dieser Stelle, dass einzelne große Versicherer längst begonnen haben, umfangreiche Abwehrstrategien gegenüber Big Techs zu entwickeln: So hat z.B. Chinas zweitgrößter Versicherer Ping An Milliarden Euro in seine Ecosysteme gesteckt. Von den knapp 26 Mio. Neukunden, die Ping An im ersten Halbjahr 2018 hinzugewinnen konnte, stammen 30 Prozent aus den fünf Ecosystemen des Konzerns. Im Ecosystem Gesundheit hat inzwischen allein Ping An Good Doctor 230 Mio. registrierte Nutzer. Nicht zuletzt zählt Ping An zu den Gründungsgesellschaftern des chinesischen Online-Versicherers Zhong An, der seine Policen u.a. über Alibaba und Tencent vertreibt und seit seiner Gründung im Jahr 2013 bereits 450 Mio. Kunden gewonnen hat.
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