Erschienen in Ausgabe 2-2019Zur Debatte

Welche Unsicherheiten sind gekommen, um zu bleiben?

Von Ron van het Hof, CEO Euler Hermes Deutschland, Österreich und Schweiz

Von Ron van het HofVersicherungswirtschaft

Drohender Handelskrieg, Protektionismus, Populismus, Brexit, Italien oder Türkei-Krise: 2018 war einiges los. Die meisten dieser Schauplätze werden uns auch 2019 begleiten. Der Konjunkturzyklus neigt sich zudem dem Ende zu und die Wachstumsdynamik verliert an Fahrt. Weltweite Kreditrisiken und Insolvenzen steigen an. Dieser Trend geht auch an Deutschland nicht spurlos vorbei. Die Insolvenzen hierzulande sind auf einem Tiefstand. Aber: Trotz rückläufiger Fallzahlen sind die voraussichtlichen Schäden für Unternehmen durch Insolvenzen in den letzten Jahren deutlich gestiegen, von insgesamt 17 Milliarden (Mrd.) Euro (EUR) in 2015 auf 30 Mrd. EUR in 2017. Dieser Trend setzt sich auch 2018 fort. Die durchschnittlichen Schäden bei Unternehmen durch Insolvenzen haben sich in der Bundesrepublik seit 2015 sogar  verdoppelt. 2019 erwarten wir zudem auch in der Bundesrepublik eine Trendwende und erstmals nach neun Jahren stagnierende Pleitezahlen – weltweit ist das bereits seit einigen Jahren Realität.

Nostalgische Verklärung: War früher wirklich alles besser?

Die gefühlte Unsicherheit ist aktuell relativ groß. Aber ist es wirklich unsicherer als noch vor zehn oder gar 20 Jahren? Nach dem Ende des kalten Krieges galt Europa viele Jahre als relativ sicherer Hafen, die Handelsbeziehungen gefestigt, politische, wirtschaftliche oder gar militärische Konflikte vor der Haustüre waren nahezu unvorstellbar. In der Wirtschaft lief es relativ rund, der Freihandel boomte und auch politisch gab es wenig Eskalationen. Gefühlt war alles besser damals – jedenfalls in der nostalgischen Verklärung.

Vor 10 Jahren: Finanzkrise, Griechenland, Rettungsschirm

Denn schauen wir beispielsweise ein Jahrzehnt zurück, ist das erste, was einem wohl einfällt die Finanzkrise: der Zusammenbruch des weltweiten Bankensystems nach der Lehman-Pleite und die folgende harte Landung der Weltwirtschaft. In Europa erhitzten die Griechenlandkrise und der Rettungsschirm die Gemüter. Angesichts dieser Ereignisse bezweifle ich, dass damals alles sicherer war. Es war nur anders. Was geblieben ist, ist ein zerrissenes Europa, das um eine gemeinsame Haltung ringt, in Politik, Wirtschaft und bei Finanz- und Geldpolitik. Vor fast 10 Jahren waren Griechenland, Portugal oder Spanien die größten Unsicherheitsfaktoren oder „Wackelkandidaten“, an denen sich die Geister schieden.

Bleibt alles anders: Europa kämpft um einheitliche Haltung

Heute sind es die Italiener mit ihrem Haushaltsplan oder die Briten mit ihrem inzwischen beinahe absurden Brexit-Spektakel, das etwas von einer griechischen Tragödie hat. Verlierer ist heute schon die britische Wirtschaft, die jeden Monat bis zur Einigung 0,1 Prozentpunkte (pp) an Wirtschaftswachstum einbüßt. Insgesamt erhält das britische Wirtschaftswachstum also einen weiteren Dämpfer. Wir gehen beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) nur noch von einem Zuwachs von 1,3% für 2018 und 1,2% für 2019 aus – sofern es zu einem geordneten Austritt kommt. Trotz weiterhin vieler Unsicherheiten halten wir das mit etwa 70% für sehr wahrscheinlich. Aber auch die „großen“ europäischen Nationen kämpfen mit Problemen. In Frankreich sind es die „Gelbwesten“, die für Unsicherheit sorgen, politisch wie gesellschaftlich und auch wirtschaftlich. Die Streiks und Proteste wirken sich negativ auf die Wirtschaft aus. In Deutschland sorgt die Merkel-Nachfolge für einige Fragezeichen bezüglich des weiteren Regierungskurses.

Populismus, Protektionismus und Trumponomics

Vielerorts sind zudem populistische Tendenzen sichtbar, sei es in Deutschland, Italien, Brasilien oder den USA, um nur einige Beispiele zu nennen. Russland und die Türkei bergen aufgrund der Sanktionen Unsicherheiten. Und dann wäre da ja auch noch Trump, seine „Protektionismus-Show“ und der drohende Handelskrieg mit China sowie mögliche Zölle für europäische, insbesondere deutsche Autobauer. Aktuell sind die USA bei den Zöllen in einer Zeitmaschine zurück in die 1980er Jahre geschleudert worden. Sie liegen bei durchschnittlich 5,2%, das ist so hoch wie seit vielen Jahren nicht. Die USA sind zudem für die meisten neuen Handelshemmnisse verantwortlich – in einer Zeit, in der der weltweite Trend eigentlich rückläufig ist. Bis Ende 2018 dürfte die Zahl auf rund 400 neue Handelsbarrieren steigen. 2017 waren es noch 560 neue Maßnahmen. Das bedeutet aber auch, dass das Spektakel etwas an Dynamik verliert.

Aussichten 2019: Unsicherheiten sind gekommen, um zu bleiben

Aber: Die Volatilität der Märkte und die damit verbundenen Unsicherheiten sind gekommen, um zu bleiben – auch 2019. Die Spielregeln ändern sich schnell. Zwar rechnen wir bei den meisten politischen und politikbezogenen Risiken wie dem drohenden Handelskrieg, dem Brexit, der italienische Krise oder Wechsel in der politischen Führung sowohl in Deutschland als auch im EU/Parlament mit einem relativ glimpflichen Ausgang. Wahrscheinlich jedenfalls. Sicher ist das allerdings längst nicht. Und wer weiß, was als Nächstes kommt? Sich schnell verändernde Geschäftsbedingungen und nur eingeschränkte multilaterale Sicherheitsnetze sind die neue Normalität. Unternehmen müssen ihre Lieferketten, Finanzierung und Bilanzen flexibel optimieren und gegebenenfalls schnell auf Veränderungen reagieren. Das ist eine große Herausforderung, insbesondere in einem wirtschaftlichen Umfeld, das an Dynamik verliert.

Kreditrisiken steigen – der Risikoaufschlag ebenfalls

Der Preis des Risikos steigt zudem: Insbesondere die Kosten für Wachstum, Handel und Investitionen nehmen in der aktuellen Situation zu. Neben der leicht verlangsamten Wachstumsdynamik beobachten wir eine Verschärfung der finanziellen Bedingungen und eingeschränkte Handelsmöglichkeiten. Das hat seinen Preis. Die Märkte sind volatiler geworden und die Suche nach Absicherungen nimmt zu. Für Unternehmen mit hohem Refinanzierungsbedarf ist 2019 ein entscheidendes Jahr – Schwierigkeiten dürften insbesondere Unternehmen in einigen Schwellenländern haben, die in harter Währung verschuldet sind und deren Landeswährung im Zuge der Geldpolitik stark an Wert eingebüßt hat. Kreditrisiken sind weltweit auf dem Vormarsch. Die weltweiten Insolvenzen dürften 2019 zum dritten Mal in Folge zunehmen. Auf der Watchlist sind dabei insbesondere die Baubranche, der Einzelhandel und Dienstleistungssektor. Ist die Welt deshalb unsicherer als vor 10 Jahren – vermutlich nicht. Ist sie schnelllebiger – wahrscheinlich ja. Ist sie anders: ganz sicher.