Erschienen in Ausgabe 12-2019Köpfe & Positionen

„Nicht die IT muss um Produkte und Services herum gebaut werden, sondern andersherum“

Von Johannes Cremer, Gründer & Geschäftsführer Moneymeets

Von Johannes CremerVersicherungswirtschaft

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Im Einzelhandel lässt Amazon keinen Stein auf dem anderen, in der Reise- und Bankenbranche schließen täglich Filialen, und Apple, Netflix, Spotify & Co. veränderten massiv die Musik- und Filmindustrie. Gibt es Grund zu der Annahme, dass die Versicherungsindustrie von massiven Veränderungen aus neuen digitalen Geschäftsmodellen verschont bleibt? Die ersten Anzeichen der Digitalisierungsfolgen sind deutlich sichtbar: Wenn Fahrzeuge nicht mehr besessen werden, sondern „self-driving“ unfallfrei „geshared“ werden, schrumpfen 27 Mrd. Euro Kfz-Versicherungsbeiträge in sich zusammen. IoT in der Industrieversicherung oder in privaten Schadenpräventionsprodukten wie Google Nest & Co. lassen auch hier einen Rückgang des Beitragsaufkommens befürchten, und das Versichern von teuren Konsumgütern direkt über Apple oder Amazon senkt die Bereitschaft, Hausratversicherungen abzuschließen. Von der Altersvorsorge bei Negativzinsen ganz zu schweigen. Mein Eindruck ist auch, dass die Prozesse bei weitem nicht optimiert sind. Schadenbearbeitung, Bestands- und Betreuungswechsel sowie Deckungsnoten sind nicht digitalisiert, und BiPro ist wohl nicht die Lösung. Das macht es für digitale Angreifer einfach. Zusammengefasst: Ineffiziente Prozesse, alte IT-Systeme, starre Hierarchien und eine insgesamt überschaubare Kundenorientierung der Produkte sind auf breiter Basis die sichtbaren Auswirkungen fehlender Digitalisierung.

Gleichzeitig sind private Kunden durch Google, Amazon, Apple & Co. verwöhnt. Stellen Sie sich vor, Google Maps würde nur zwischen 7.00 und 19.00 Uhr funktionieren. Wie gut sind Ihre Services und Portale gemessen an diesen Standards? Dabei können sich sieben von zehn Verbrauchern vorstellen, eine Versicherung komplett online abzuschließen. Ein weiteres Viertel würde zumindest zu Informations- oder Abwicklungszwecken online mit seiner Versicherung kommunizieren.

Da passt es auf den ersten Blick ins Bild, dass die deutsche Versicherungswirtschaft laut GDV ihre IT-Ausgaben 2018 weiter – auf jetzt 4,45 Milliarden Euro – erhöht hat. Das klingt nach viel Geld – und ist gleichzeitig nichts gegen die Investitionen der Tech-Konzerne. Neben viel zu geringen Budgets sind die Change-Prozesse bei weitem nicht radikal genug, wenn man auf den Technologievorsprung der Digitalen Vorreiter schaut. Der folgende Satz wird Sie verwirren: Nicht die IT muss um Produkte und Services herum gebaut werden, sondern andersherum. Jedes skalierbare Produkt, jeder skalierbare Service…